Tennis

„Das wirklich wahre Tennis“: Interview mit Challenger- und Futures-Experte Florian Heer

Florian Heer
© Florian Heer

Florian Heer, 40, hat vor fünf Jahren die englischsprachige Website www.tennis-tourtalk.com gegründet, auf der er neben Grand-Slam-Turnieren sowie der ATP- und WTA-Tour ausführlich über die große kleine Welt der Challenger- und Futures-Turniere berichtet - und entsprechend viel in der zweiten und dritten Liga des Tennis herumkommt. Auch für tennisnet.com steuert er immer wieder Geschichten aus aller Herren Länder bei. Im Gespräch mit Florian Heer wollen wir mehr erfahren über die Welt der Profis auf dem Sprung an die Spitze - und über die Turniere, die ansonsten nicht so sehr im Rampenlicht stehen.

Florian, wie kamst du vor fünf Jahren auf die Idee, eine Website zu gründen, die über Challenger- und Futures-Turniere berichtet - und wie kompliziert war es, einfach loszulegen?

Wir machen ja auch die großen Sachen wie ATP-Turniere und Grand Slams. Aber klar: Wir sind wohl eine der ausführlichsten Websites über die ATP-Challenger-Tour und den ITF-Pro-Circuit. Ich war früher schon viel für US-amerikanische Portale unterwegs, und irgendwann kam mir der Gedanke: Wieso mache ich nicht selbst eine Seite? Dass ich vorher schon als Journalist gearbeitet habe, war natürlich ein Vorteil. Einfach eine Website starten und sich akkreditieren zu wollen, ist vermutlich schwieriger. Bei Futures ist es allerdings ohnehin die Ausnahme, dass nach Akkreditierungen gefragt wird. Die sind meist offen.

Du reist also auch oft ohne Akkreditierung an?

Ja, genau. Es ist interessant, inwieweit Turniere ein Verständnis dafür haben, dass man von ihnen berichtet. Eigentlich sollten sie es gut finden. Sie brauchen eine Plattform, wollen ihre Sponsoren glücklich machen. Aber die Unterschiede sind krass. Man erlebt die komplette Bandbreite von: "Ich kann keinen Computer bedienen" bis "Wir schicken euch gerne Pressemitteilungen und Bilder". Es gibt auch ein unterschiedliches Verständnis, wie mit Medien umgegangen wird. In Posen, in Polen, bekam ich mal T-Shirts geschenkt und der Turnierdirektor gab zum Ende des Events als Dank für die Berichterstattung einen Drink aus. Oder auch in Portoroz, Slowenien, wurden wir Journalisten zu einem Rundflug über die Adriaküste eingeladen. Aber oft ist es schade: Wir schreiben viele Turniere an und sagen, dass wir gerne berichten würden und Bilder und Infos oder ein paar Zitate bräuchten - und manche antworten gar nicht.

Gibt's überhaupt bei allen kleineren Turnieren ein Pressezentrum?

Nein, bei Futures ohnehin nicht. Daher ist es sinnvoll, sich zumindest vor Ort anzumelden. Zumal ich teils auch der einzige Medienvertreter bin. Viele Organisatoren sind durch Wettskandale auch vorsichtiger geworden. Bei den Futures sind Handys oft verboten. Und wenn dort nur 25 Leute zuschauen, fällt es auf, wenn man ständig eins in der Hand hat. Da ist es besser zu sagen, wer man ist und was man hier macht - und zu erklären, dass man keine Live-Wett-Geschichten veranstaltet.

Kann man die journalistische Arbeit bei Grand Slams und Challengern oder Futures überhaupt vergleichen?

Das ist schwierig. Bei den kleinen Turnieren ist es herausfordernder. Bei Grand Slams hat man einen Bildschirm, bekommt die Transcripts von den Pressekonferenzen, muss sich im Zweifel kaum aus dem Pressezentrum herausbewegen. Das gibt's auf kleinen Turnieren nicht. Auf manchen Futures hängt teilweise nur ein Zettel am Platz und man fragt sich: Wer ist wer? Früher gab es auch keine Livescores, man musste erst herausfinden, wie das Spiel ausgegangen ist. Von Statistiken ganz zu schweigen. Bei einem Challenger in Banja Luka, in Bosnien und Herzegowina, saß ich mal in der Vereinskneipe mit Blick auf den Court. Da hat Viktor Troicki sein Comeback gefeiert, vor gefühlt 2000 frenetischen serbischen Fans in meinem Nacken. Wie die ihn angefeuert haben, dieses Turnier zu gewinnen! Aber das finde ich toll: Denn zu diesen Turnieren muss man hin, sonst bekommt man nichts, um darüber zu berichten zu können.

Wie ist es für die Spieler?

Das ist komplett unterschiedlich, übrigens unabhängig vom Preisgeld. Es hängt davon ab, wo die Turniere stattfinden. Von der Atmosphäre macht es natürlich einen Unterschied, ob es ein Hallen- oder Outdoor-Event ist. Und es hat mit den Clubs zu tun. In Tunesien hat sich mal ein Spieler beschwert, der nicht im offiziellen Spielerhotel untergebracht war und deshalb nicht den dortigen Fitnessraum nutzen durfte. Der alte Philosoph Tim Pütz soll mal gesagt haben: "Das ist das wahre Tennis - und Wimbledon hat mit Tennis nichts zu tun."

Einige Futures finden in Ferienanlagen statt, und das gleich mehrere Wochen hintereinander. Wie kommt das?

Ich reise demnächst zum ersten Mal zu einem Turnier auf einer Ferienanlage. Auch um herauszufinden, wie das Ganze finanziert wird. Wenn man zehn Wochen lang jeweils zu 15.000 US-Dollar ein Turnier veranstaltet - das muss man erst mal aufbringen. Der Vorteil ist, dass man die Räumlichkeiten hat. Es ist generell ein großes Problem der Futures, die Hotelkapazitäten bereitzustellen. Und je größer das Unternehmen ist, das dich unterstützt, umso bessere Preise kannst du anbieten, um es attraktiver zu machen. Das Turnier in Schwieberdingen begleite ich schon lange, da kenne ich die Organisatoren und weiß um die Probleme. Die haben immer ein großes Hotel im Hintergrund, das nahe an der Anlage liegt, davon haben sie profitiert. So gesehen bietet sich eine Ferienanlage eben an. Neuerdings gibt es mit Antalya auch ein Turnier auf der ATP-Tour, das auf einer Ferienanlage stattfindet.

Welche Typen an Spielern erlebt man auf Futures und auf Challengern? Vom verwöhnten Newcomer bis zum alten Haudegen läuft dort vermutlich alles auf.

Es gibt verschiedene Gruppen. Zum einen die jungen Spieler, für die es das erste Sprungbrett auf dem Weg zu den Profis ist. Dann diejenigen, die verletzt waren, keine Wildcards für die großen Turniere bekommen und über ihr Ranking zurückkehren - die aber auch schnell wieder weg sind. Gilles Muller hat mal in Nußloch bei einem Futures-Event auf Teppich gespielt! Und es gibt die Kategorie derer, die dort "feststecken". Das sind fast zu viele Spieler, die von dieser Ebene kaum wegkommen, eigentlich nicht davon leben können und vielleicht gerade so auf null herauskommen.

Das Stichwort hier ist die "Transition Tour", die 2019 kommen soll. Die untere Ebene der Futures-Turniere soll hierbei ersetzt und das reguläre ATP/WTA-Ranking auf jeweils 750 Akteure begrenzt werden. Will man Spieler davon abhalten, Profi zu werden?

Die ITF spricht von einer Art Selbstschutz. Um nicht zu viele Leute in der Weltrangliste zu haben, die nicht davon leben können. Für Turnierveranstalter wird es zumindest etwas einfacher, weil die Drei-Wochen-Regel entfällt. Bisher musste man, um ein 15.000er-Turnier zu veranstalten, drei Wochen in einem Land bleiben. Man hätte also kein Turnier in Starnberg veranstalten können, sondern hätte zwei weitere Turniere im Land anbieten müssen. In Deutschland gibt's zum Beispiel den Drei-Wochen-Swing zu Beginn einer Saison mit Schwieberdingen, Nußloch, Kaarst - damit die Spieler sich eben innerhalb dieser Region weiterbewegen können. Aber einige Spieler haben auch Unverständnis geäußert und meinten, dass sie doch davon leben können und ihnen nun die ATP-Punkte geklaut werden.

Für die ganz großen Talente sind Challenger- oder Futures-Turniere oft nur ein kurzer Umweg auf dem Weg nach oben. Merkt man das?

Allgemein ist es natürlich cool, Spieler auf diesen Ebenen kennenzulernen, weil man näher an sie herankommt. Alexander Zverev habe ich erstmals bewusst wahrgenommen, als er 2015 seinen zweiten Challenger-Titel in Heilbronn gewonnen hat. Wir waren im gleichen Hotel, haben im selben Raum gefrühstückt und zu Abend gegessen. Und nach dem Match bin ich hingegangen und habe ihn befragt. Das ist etwas völlig anderes, als wenn man bei einem Grand Slam mit 100 Leuten in einem Interviewraum wartet. Aber die richtig Guten sind natürlich schnell weg.

Wie war Zverev damals denn so?

Der war schon sehr professionell und hatte bereits seine ganze Entourage dabei. Er hatte Braunschweig im Jahr zuvor gewonnen und in Hamburg das Halbfinale erreicht. Der hat früh gewusst, was er will, er hat diese Zielstrebigkeit verkörpert. Das hat man ihm natürlich auch angemerkt. Aber das ist legitim.

Zuletzt in Heilbronn hast du mit Rudi Molleker einen Spieler interviewt, der ebenfalls als große Hoffnung gilt.

Das war eine ähnliche Geschichte. (überlegt) Er war zugänglicher, ein wenig jünger, auch ein anderer Typ. Daher ist das schwierig zu vergleichen. Ansonsten bin ich ein großer Beobachter der spanischen Tennisszene. Pablo Carreno Busta habe ich auf vielen Futures und Challenger erlebt - auch gegen Dominic Thiem in Como. Das war Thiems erstes Challenger-Finale, da hat er gegen Carreno Busta verloren. Da freut man sich natürlich, wenn so einer in die Top Ten kommt.

Hast du gesehen, dass Carreno Busta es mal nach weit oben schaffen könnte?

Er hat damals hauptsächlich Sandplatzturniere gespielt, wie das in Europa halt so ist. Ich dachte: Wenn die Nadal-/Federer-/Djokovic-Ära vorbei ist, hat er vielleicht die Chance, Roland Garros zu gewinnen. Er hat dann in Winston-Salem sein erstes ATP-Turnier gewonnen, auf Hartplatz. Aber Spieler, die nur auf einem Belag gut sind, wie Thomas Muster früher, die existieren ja heute eh nicht mehr.

Erfährst du auf lange Sicht eine gewisse Dankbarkeit? Dass dir beispielsweise eher jemand ein Interview gibt, nachdem er den Durchbruch geschafft hat, weil er dich schon länger kennt und weiß, dass du ihn früher schon begleitet hast?

(überlegt) Es ist sehr unterschiedlich, wie die Spieler einen wahrnehmen. Manche streichen dich aus dem Gedächtnis, nachdem du mit ihnen ein paar Tage auf einem Turnier verbracht hast. Es ist interessant: Andreas Mies habe ich in Heilbronn wieder getroffen. Der hat vor einem Jahr in Poprad-Tatry den Doppeltitel gewonnen. Und in Heilbronn hat er mich begrüßt mit: "Hey, du warst doch damals in Poprad!" (lacht) Der wusste das noch genau, obwohl ich ihn nur einmal kurz interviewt hatte. Auch James Cerretani, der US-Doppelspieler, kam mal auf mich zu und meinte: "Hey, I appreciate your work!" Der fand es toll, dass wir von Challengern berichten, und verfolgt das. An anderen geht es vielleicht auch vorbei.

Zum Abschluss deine Empfehlung: Bei welchem Challenger- oder Futures-Turnier sollten Hardcore-Tennisfreaks denn unbedingt mal vorbeischauen?

Der Kollege von der ATP hat auf der offiziellen Challenger-Seite mal eine Liste mit den schönsten Locations erstellt. Cortina d'Ampezzo in Norditalien liegt natürlich toll mitten in den Bergen, das hat von der Atmosphäre etwas von Kitzbühel. Und Portoroz in Slowenien direkt am Meer, das ist quasi das Pendant zu Umag auf der ATP-Tour. Da herrscht eine wunderbare Urlaubsatmosphäre, die Leute laufen in Badeklamotten und Flip-Flops rum, es gibt Abendmatches... Das ist etwas völlig anderes als in Queen's oder am Weissenhof. Aber vor allem deutsche Turniere wie in Heilbronn oder Braunschweig sind toll organisiert. Die werden nicht umsonst regelmäßig zu den besten Challengern gekürt.

Das Gespräch führte Florian Goosmann im Rahmen des MercedesCups auf dem Stuttgarter Weissenhof.

Werbung
Werbung
Werbung
Werbung
Werbung