Tennis

Thiem-Coach Günter Bresnik im Interview - "Tennis von einem anderen Stern"

Von Jens Huiber
Günter Bresnik ist mit der Entwicklung von Dominic Thiem sehr zufrieden
© Jürgen Hasenkopf

Günter Bresnik blickt mit seinem Schützling Dominic Thiem auf eine erfolgreiche Saison 2018 zurück. Drei Turniersiege, das Finale bei den French Open, die mögliche Qualifikation für das ATP-Finale. Der Star-Coach über die Verbesserungen seines Schützlings, den Streit um den Davis Cup und jenen Spieler, den er am liebsten coachen würde.

tennisnet: Herr Bresnik. Die Tennissaison 2018 geht in die Endphase. Wie steht Ihr Schützling Dominic Thiem im Vergleich zu den vergangenen Jahren da?

Günter Bresnik: Dominic wird sicherlich ein wenig frischer sein. Aus meiner Sicht spielt er aber viel besser Tennis. Bei den US Open war Dominic eigentlich nicht frisch, weil er davor zwei Wochen krank war. Er hat nur zehn Tage zur Vorbereitung gehabt - aber dann extrem gut zu spielen begonnen. Er hat das dann gleich beim Davis Cup und vor allem auch in St. Petersburg bestätigt, wo er tennismäßig das beste Turnier des ganzen Jahres bestritten hat. Dort hat er alle Partien sehr gut gespielt.

tennisnet: Hat Dominic Thiem die Form halten können?

Bresnik: Vor dem Abflug nach Shanghai war Dominic wieder ein paar Tage krank. Eine minimale Verkühlung, aber er ist im Moment in einer Form, wo für mich das intensive Tennistraining sekundär ist. Das spielerische Niveau ist meines Erachtens sehr, sehr hoch.

tennisnet: Bei den US Open hat Dominic Thiem mindestens zwei herausragende Matches gezeigt: Gegen Kevin Anderson und gegen Rafael Nadal. Wie fällt da Ihre Rückschau aus?

Bresnik: Mir ist grundsätzlich immer die frühere Partie wichtiger als die spätere. Und das erste Match bei den US Open, wo Dominic wirklich gut gespielt hat, war jenes gegen Anderson. Wir haben im Training die Belastung nur sehr langsam steigern können, die Matches zu Beginn waren noch nicht überragend. Gegen Steve Johnson und Taylor Fritz, das waren schwierige Partien. Gegen Mirza Basic, gut, da gibt es einfach einen Klassenunterschied. Gegen Anderson aber hat Dominic sehr gut gespielt, und zwar gut serviert und gut retourniert. Also jene beiden Bereiche, in denen ich immer noch das größte Verbesserungspotenzial sehe.

"Dominic Thiem weiß immer, was er zu tun hat"

tennisnet: Warum hat der Return dann so gut funktioniert?

Bresnik: Wir haben das einfach sehr intensiv trainiert. Und gegen Anderson und dann gegen Nadal hat Dominic dann sehr gut retourniert. Auch in St. Petersburg, wo mir die Spiele gegen Struff und Medvedev sehr gut gefallen haben. Gegen diese Spieler muss der Rückschlag funktionieren. Und mir hat das ausgezeichnet gefallen.

tennisnet: In den Matches gegen Anderson und Nadal schien es, als ob Dominic vom ersten bis zum letzten Ball genau gewusst hat, was zu tun ist. Das schien in der Vergangenheit manchmal nicht so zu sein.

Bresnik: Dominic weiß immer, was er zu tun hat. Das ist ja meine Lieblingsdiskussion mit den Experten: Ich behaupte, dass 70 bis 90 Prozent der Fehler bei einem Tennismatch technischer Natur sind. Da sind keine taktischen Fehler dabei. Wenn Dominic spürt, dass er den Ball ins Feld retournieren kann, egal von wo, egal ob mit Slice oder nicht, geblockt - wenn er merkt, er bekommt den Ball immer neutral ins Spiel, dann ist es sehr leicht, danach einen Punkt zu konstruieren. Das macht ein Djokovic, Nadal, Federer, Wawrinka auch so. Man kann die Weltrangliste auch nach dem Prozentsatz der ins Spiel gebrachten Returns aufstellen. Je höher der Prozentsatz, umso weiter vorne die Spieler. Das gilt auch für Alexander Zverev. Das ist ein Spieler, der extrem viele Returns ins Spiel bringt. Da kommen 60, 70 Prozente der ersten Aufschläge zurück ins Feld - und dann kann ich mein Spiel von der Grundlinie aufbauen. Und darin sind die besten Spieler halt Großmeister.

tennisnet: Wo sehen Sie Dominic Thiem in diesem Kontext?

Bresnik: Dominic ist ein ausgezeichneter Grundlinienspieler, aber sein Erfolg hat immer darunter gelitten, dass er nicht genügend Returns ins Spiel bringt. Die Qualität vom Return ist extrem gestiegen - und die Qualität seines Aufschlags wächst kontinuierlich. Die Variation ist viel besser geworden, der Prozentsatz der ersten Aufschläge auch, das Tempo teilweise sogar noch höher geworden. Für mich war die Spieleröffnung ein Schwachpunkt - und der ist jetzt weg.

tennisnet: Nun ist Thiem für ein Turnier nach Asien geflogen, das ATP-Masters-1000-Turnier in Shanghai. Wenn es dafür keine Verpflichtung gegeben hätte - wäre Dominic dann vielleicht sogar in Europa geblieben?

Bresnik: Dominic hat heuer quasi keine 1000er-Turniere gespielt. Das einzige Turnier, das ich da zählen lasse, ist Madrid. In Rom hat er gegen einen starken Fognini im ersten Match verloren, bei allen anderen Turnieren war er krank oder verletzt. Aber die Möglichkeit, sich mit den besten Spielern zu messen, sind immer noch das Um und Auf. Dominic braucht so 15 bis 20 Partien auf einer großen Bühne gegen die besten Spieler der Welt, damit er diesen letzten entscheidenden Schritt machen kann. Da muss er jede Gelegenheit nutzen.

Teil 1: Günter Bresnik über die augenblickliche Form von Dominic Thiem und die Stärken der Superstars

Teil 2: Günter Bresnik über den neuen Davis Cup und seinen Wunschspieler

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