Roger Federer nach denkwürdigem Wimbledon-K.o.: "Ein schreckliches Gefühl"

Von Jörg Allmeroth
Mittwoch, 11.07.2018 | 20:55 Uhr
Roger Federer, Wimbledon
© getty

Roger Federer kassierte im Viertelfinale von Wimbledon eine ganz bittere Fünfsatz-Niederlage. Der Schweizer verspielte erst zum fünften Mal in seiner Karriere einen 2:0-Satzvorsprung - und war schwer geknickt.

Von Jörg Allmeroth aus Wimbledon

Zu Wimbledon gehört auch der alltägliche Lärm von Flugzeugen, die sich dem Airport Heathrow nähern. Es ist ein Grundrauschen, das eigentlich niemanden in der Tennis-Karawane stört, alle haben sich daran gewöhnt und gelernt, es zu ignorieren. Aber beim Stand von 11:11 und 30:30 im fünften Satz seiner Partie gegen den Südafrikaner Kevin Anderson hielt Roger Federer am Mittwochnachmittag plötzlich in seiner Aufschlagbewegung inne und trat dann noch einmal einen Meter zurück. Er blickte angespannt zum Himmel hoch, verärgert und grummelnd, er hörte irritiert den Flugzeuglärm.

Der erste und einzige Doppelfehler war der Anfang vom Ende

Dann setzte er wieder zum Service an. Und was geschah, war der Anfang vom Ende. Federer leistete sich den ersten und einzigen Doppelfehler in der gesamten Partie, er verlor sein Service. Und er verlor auch das nächste Spiel. Und er war draußen damit aus dem Wimbledon-Turnier - 6:2, 6:7 (5:7), 5:7, 4:6 und 11:13 geschlagen von Anderson, dem krassen Außenseiter.

Der König hatte abgedankt, das Märchen seiner verblüffenden Grand Slam-Triumphe auf der Zielgeraden der Ausnahmekarriere war zumindest an seinem Lieblings-Spielplatz ernüchternd beendet. "Im Moment fühle ich mich furchtbar und total müde. Es ist schrecklich jetzt, diese Niederlage hinnehmen zu müssen", sagte Federer später, "dieses Match hätte mir nie mehr aus den Händen gleiten dürfen."

So überflüssig war noch überhaupt keine größere Niederlage des "Maestros"

Das galt auch deswegen, weil Federer in der Tennisszene bekannt ist als Frontrunner. Führt er einmal in einem Match, ist er in aller Regel noch stärker als ohnehin. Vor dieser denkwürdigen Niederlage hatte er in 268 Grand Slam-Matches erst zwei Mal nach einer 2:0-Satzführung verloren - 2011 gegen den Franzosen Jo-Wilfried Tsonga hier in London. Und später in jenem Jahr auch bei den US Open gegen Novak Djokovic.

Doch so überflüssig wie dieses Scheitern war womöglich noch überhaupt keine größere Niederlage des 36-jährigen Familienvaters, der in der Anfangsphase, nach einem in 26 Minuten gewonnenen Auftaktsatz, das Match wie einen Spaziergang betrachten durfte, - und der im dritten Satz sogar einen Siegpunkt hatte, den aber ausließ.

Boris Becker: "Das Spiel seines Lebens für Anderson"

Es war in jenem Moment noch nicht ersichtlich, aber dieser nicht genutzte Matchball sollte die Wende in einer Partie bringen, die bis dahin Einbahnstraßen-Tennis gebracht hatte, für Federer in der richtigen Richtung, nämlich gegen Anderson, den Hünen aus Südafrika. "Man muss allerdings den Hut ziehen, wie Anderson sich aus einer schier aussichtslosen Lage zurückgefightet hat. Das war das Spiel seines Lebens. Mit unglaublich viiel Herz und Courage", sagte BBC-Kommentator Boris Becker, selbst früher berüchtigt und bekannt für solche abenteuerlichen Drehs.

Federer verlor schleichend den Zugriff auf das Spiel und die Macht auf Court Eins. Auf jenem zweiten Hauptplatz, auf dem er erstmals seit 2015 wieder einmal anzutreten hatte - zurecht allerdings, da der Centre Court durch die Auftritte von Novak Djokovic gegen Kei Nishikori und von Rafael Nadal gegen Juan Martin del Potro beansprucht war.

Federer verlor erstmals nach 85 Aufschlagspielen wieder sein Service

Federer hatte deswegen keine Anpassungsschwierigkeiten, er hatte vielmehr Probleme, weil sich zunehmend Fehler in sein Spiel mischten, vor allem auf der Vorhand. Und weil Anderson den Strohhalm, den ihm Federer hinreichte, dankbar ergriff und sich mit immer größerem Selbstbewusstsein schließlich auf Augenhöhe zum Maestro aufschwang. Erst verlor Federer erstmals nach 85 gewonnenen Aufschlagspielen wieder sein Service, dann nach 34 gewonnenen Durchgängen zum ersten Mal wieder einen Satz.

Ganz unscheinbar veränderten sich die Gewichte im Match. Langsam, aber beharrlich und vor allem unglaublich abgebrüht setzte Anderson sein Comeback in Szene. Sein machtvoller Aufschlag war dabei die entscheidende Waffe. Asse und nicht returnierbare Servicebälle prasselten auf Federer nieder, oft konnte er nur resigniert die Seiten wechseln.

Federer war plötzlich in einem Marathonmatch gefordert

Er fragte sich wahrscheinlich innerlich auch immer wieder, warum er nicht längst als Sieger unter der Dusche stand - und auf dem Weg ins angemietete Haus war, um sich dort in aller Ruhe das WM-Match zwischen England und Kroatien anzuschauen. Stattdessen ging es weiter, immer weiter für den Maestro und Anderson, den coolen Riesen, über den vierten Satz hinein in den Entscheidungsakt.

Sechs Stunden und acht Minuten hatte Federer in seinen ersten vier Matches auf dem Centre Court gestanden. Nun war er in einem wahren Marathon gefordert, denn Anderson ließ sich einfach nicht abschütteln. Federer hatte den Vorteil, den fünften Satz zu eröffnen, er servierte dann immer von vorne, mit einer beruhigenden Führung eigentlich. Doch Anderson hielt Kurs, elf Mal glich er gegen den erfolgreichsten Wimbledonspieler der Moderne aus, ließ keinen einzigen Breakball zu und war hellwach zur Stelle, als Federer eine Schwachstelle anbot. "Ich habe mir immer gesagt: Bleib´ dran. Das ist heute dein Tag", sagte er später. Anderson sei einfach "wahnsinnig solide und konstant gewesen", meinte Federer: "Er hat sich das verdient, keine Frage."

"Mein Ziel ist es, im nächsten Jahr wiederzukommen", sagte Federer

Und was nun, nach dem jähen Aus nach den Stunden des vergeblichen Kampfes? "Ich weiß noch nicht, wie lange ich brauche, um drüber wegzukommen. Vielleicht eine ganze Weile, vielleicht auch nur eine halbe Stunde", sagte Federer, "mein Ziel ist natürlich, im nächsten Jahr wiederzukommen."

Und dann legte Federer noch einmal seinen Gemütszustand offen, nach der bitteren Wendung dieses Dramas: "Niederlagen tun in Wimbledon mehr weh als überall. Du willst sie um jeden Preis vermeiden, du willst nicht hier sitzen und dein Scheitern erklären", sagte er, "aber genau das muss ich gerade tun."

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