Sensationsmann Marco Cecchinato: Wettaffäre mit Spätfolgen?

Freitag, 08.06.2018 | 11:30 Uhr
Marco Cecchinato
© getty

So märchenhaft die Reise des Italieners Marco Cecchinato in Paris anmutet: Auf ein Thema aus dem Jahr 2015 will er nicht eingehen.

Als Marco Cecchinato in der ersten Runde der French Open gegen den Rumänen Marius Copil antrat, da hatten sich auf Platz 16 fast nur die eisernen Fans aus den beiden Heimatländern der Profis eingefunden. Cecchinato bot eine verwegene Aufholjagd, ein staunenswertes Comeback, nach 0:2-Satzrückstand drehte er die Partie noch um, gewann im fünften Satz 10:8.

Seine Grand-Slam-Reise ging aber immer weiter, langsam, aber sicher nahm auch die Tenniswelt beeindruckt Notiz von ihm, erst recht, als er in der dritten Runde den spanischen Top Ten-Mann Pablo Carreno Busta bezwang. Zwei Tage später kämpfte er den Weltranglisten-Achten David Goffin (Belgien) nieder, und noch einmal zwei Tage später, nun auf dem zweiten Hauptplatz Suzanne Lenglen beschäftigt, fabrizierte er nicht weniger als ein kleines Tenniswunder gegen Novak Djokovic - den einstigen Machthaber auch auf der Pariser Tennisanlage Roland Garros. "Ich bin nicht ganz sicher, ob ich das alles nur träume", sagte Cecchinato später.

Absichtlich verlorenes Challenger-Spiel in 2015?

Cecchinatos Siegeslauf ist eigentlich eine dieser Wohlfühlgeschichten, wie sie immer mal wieder im Tennis vorkommen. Paris, das spezielle Sandplatzterrain, die Wühlereien in der Roten Erde, sind ein besonders gutes Pflaster für die Außenseiter/Spitzenreiter-Sagen - man denkt da automatisch an Michael Changs Titelmission 1989 oder auch an Gustavo Kuertens Triumph aus dem Nichts vor 21 Jahren. Doch wie wird man einmal den Vormarsch Cecchinatos beurteilen, des feurigen Sizilianers, der am Freitag im Halbfinale gegen Österreichs Ass Dominic Thiem anzutreten hat?

Die Frage ist deshalb eine Frage, weil auf Cecchinatos Vergangenheit ein dunkler Fleck liegt, eine Wettaffäre, die ihm schließlich vor allem wegen eines Verfahrensfehlers keine Sperre eintrug. Vor gut zwei Jahren wurde der 25-jährige zunächst zu einer 18-monatigen Zwangspause vom italienischen Tennisverband verurteilt, weil er 2015 im marokkanischen Mohammedia vermeintlich absichtlich ein Challenger-Spiel verloren haben sollte.

Das Urteil wurde später vor einem unabhängigen Tribunal auf zwölf Monate Sperre reduziert, weil Cecchinato, so die Begründung, vor besagtem Match einem Freund nur mitgeteilt habe, er fühle sich unwohl. Später hob das Olympische Komitee Italiens das Verdikt und auch eine 40.000-Euro-Strafe ganz auf, weil u.a. die Beweissicherung des Tennisverbandes nicht ordnungsgemäß verlaufen sei.

Man denke an Nicolas Kicker

Der Fall wirft indes erneut ein Schlaglicht auf die Probleme, die die Tennisszene mit Mauscheleien bei den Turnieren auf kleinen und kleinsten Bühnen hat. Aber auch auf die Probleme, die ein quälend langer Ermittlungsprozess und die späte Verurteilung von Beschuldigten mit sich bringen. In der Causa Cecchinato heißt das konkret: Niemand weiß zu diesem Zeitpunkt, ob die sogenannte Tennis Integrity Unit (TIU), das Team der Korruptionsbekämpfer, gegen Cecchinato ermittelt, unabhängig von dem Verfahren, das einst in Italien gegen ihn geführt wurde. Theoretisch könnte der Italiener irgendwann noch einmal verbannt werden, es wäre dann allerdings nach diesem French-Open-Auftritt eine ganz andere Prominenz und Dramatik, die die Angelegenheit umgeben würde.

Auch der Argentinier Nicolas Kicker wurde erst knappe drei Jahre nach einem Wettdelikt in 2015 nun unmittelbar vor den French Open 2018 vom weiteren Wettkampfbetrieb ausgeschlossen, während einer Übungseinheit auf der Roland Garros-Anlage erschienen Offizielle und erklärten ihm, er müsse das Gelände umgehend verlassen. Droht Cecchinato nun, mit Verzug, ein ähnliches Schicksal? Der Italiener schwieg in Roland Garros zu dem Thema, es blieb daher auch unklar, ob ihn die Ermittler womöglich in der Affäre noch einmal angehört hatten - oder auch nicht. Er wolle sich nur über das "Tennis hier und jetzt" äußern, so Cecchinato.

Wett-Probleme und Betrug in der Provinz

Unter den vielen Dutzend Wetten, die Tag für Tag im Zocker-Universum angeboten werden, sind auch die vielen Wetten für kleinere Turniere , die an entlegenen Orten ausgetragen werden. Wettbewerbe, von denen kaum einer Notiz nimmt. Aber sie sind eben auch die ideale Plattform für diverse Betrügereien. Der Chef des Wettanbieters Interwetten.com, der Österreicher Werner Becher, sieht den Schwerpunkt des sogenannten "Matchfixings" traditionell genau dort, in der Provinz.

"Die Probleme liegen bei den kleineren Turnieren, bei Spielern aus der zweiten Reihe." Becher hatte einst auch mal gesagt, er habe Schwarze Listen mit Tennisspielern, deren Matches gar nicht mehr angeboten würden. Er lobte allerdings auch die Arbeit der Korruptionsfahnder der TIU und befand, den Tennisorganisationen sei nicht der Vorwurf der Vertuschung oder Verharmlosung zu machen.

Cecchinatos Match gegen einen Polen rückte ins Visier

Im dritten Quartal 2015 gab es nach einer Erhebung der Wettunternehmen 48 Zwischenfälle mit Tennisspielern, es waren 68 Prozent aller verdächtigen Vorkommnisse im Sport überhaupt. Auffällig sind Spiele in diesem Kontext, wenn ungewöhnlich hohe Beträge gewettet werden. Oder wenn ungewöhnlich hohe Beträge auf einen Außenseiter gesetzt werden.

So war es angeblich isoliert auch bei Cecchinato im Oktober 2015, als er, damals die Nummer 143, gegen den Polen Kamil Majrchrzak antrat (seinerzeit ATP 338). Nach den später für obsolet erklärten Ermittlungen des italienischen Verbandes hätten ein Freund Cecchinatos und dessen Vater über mehrere Wettkonten etwa 800 Euro auf einen Sieg des Polen Majchrzak gesetzt - und zwar in zwei Sätzen. Sie waren nach einem Bericht der New York Times die einzigen in ganz Italien, die eine solche Wette platzierten. Und gewannen: Denn Cecchinato verlor tatsächlich in 66 Minuten mit 4:6 und 1:6 gegen den Außenseiter.

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