Tennis

Der jähe Absturz von Novak Djokovic: „Ich weiß nicht, wie es jetzt weitergeht“

Von Jörg Allmeroth
Djokovic war nach der Niederlage im Viertelfinale sichtlich enttäuscht.
© getty

Die Wege von Novak Djokovic und Marco Cecchinato haben sich schon einige Male gekreuzt. Aber da war die Hackordnung immer ganz klar. Novak Djokovic war der schillernde Weltstar, der Allesgewinner im Tennisbetrieb. Und der Mann, der sich zu Trainingszwecken einige Sparringspartner in seine Wahlheimat nach Monte Carlo einbestellte.

Auch Cecchinato war darunter, ein 25-jähriger Italiener mit unorthodoxem Stil, ein Typ mit Raffinesse und Flexibilität auf dem Court. "Er ist eigentlich so etwas wie ein Vorbild für mich", sagt Cecchinato, "Novak hat eine Traumkarriere im Tennis hingelegt."

Aber falschen Respekt vor großen Namen hat der feurige Sizilianer nicht, auch nicht am Dienstagabend, als er Djokovic Auge in Auge auf Court Suzanne Lenglen gegenüberstand. Dreieinhalb Stunden kämpfte Cecchinato mit aller Leidenschaft, mit unbeugsamer Moral und glänzender Improvisationskunst, dann hatte er eine Story produziert, die dem Aufstieg vom Tellerwäscher zum Millionär glich.

Novak Djokovic: "Ich bin sprachlos"

6:3, 7:6 (7:4), 1:6 und 7:6 (13:11) schlug der Weltranglisten-Zweiundsiebzigste im Viertelfinale den Mann, der noch vor zwei Jahren mit dem Triumph unterm Eiffelturm alle vier Grand Slam-Titel gleichzeitig in seinem Besitz hielt - und stürzte den übermächtig favorisierten "Djoker" aufs Neue in eine Sinnkrise.

"Ich bin sprachlos", sagte der 31-jährige Serbe hinterher einsilbig, "ich weiß nicht, was ich jetzt sagen soll." Und dann, in der tiefen Depression des Augenblicks, stellte der zwölfmalige Grand Slam-Champion sogar seine Teilnahme an den kommenden Rasenturnieren in Zweifel, also auch das Mitwirken in Wimbledon. "Ich weiß, ehrlich gesagt, nicht, wie es jetzt weitergeht", so Djokovic.

Es war das wohl unwahrscheinlichste unter allen Ergebnissen, bei diesen Offenen Französischen Meisterschaften des Jahres 2018 - der fortgesetzte Triumphzug des tüchtigen Außenseiters Cecchinato. Und der jähe Absturz von Djokovic, der sich wohl schon auf sicherem Weg ins Halbfinale wähnte, bevor ihm sein ehemaliger Trainingsassistent einen dicken Strich durch die Rechnung machte. "Er hat gespielt, als wäre es ein beliebiges Match", befand Djokovic später erstaunt, "er hat überhaupt keine Nerven gezeigt."

Marian Vajda und Gebhard Gritsch in Noles Box entgeistert

Ganz anders als er selbst, der zerbrechlich wirkende Tennis-Titan von einst. Zwar hatte er nach kapitalem Fehlstart wieder die Regie in dem Match übernommen, verkürzte zum 1:2-Zwischenstand und führte auch im vierten Durchgang mit 4:1. Aber dann ließ er, auf einmal wieder fahrig und nervös, Cecchinato zurück ins Spiel - es war ein Indiz dafür, dass er noch längst nicht wieder über die Autorität und Aura verfügt, die ihn auf der Höhe seiner Dominanz ausgezeichnet hat.

Auch seine alten, ins Team zurückgeholten Weggefährten, Trainer Marjan Vajda und Fitnesspapst Gebhard Gritsch, verfolgten entgeistert, wie Djokovic alle Kontrolle und schließlich in einem sensationell hochklassigen Tiebreak in Satz 4 (11:13) das Spiel verlor.

Der Rückschlag, kein Zweifel, kam zum denkbar ungünstigsten Moment in Djokovics Comeback-Mission - nämlich in der Saisonphase, in der die meisten Ranglistenpunkte, die wichtigsten Titel vergeben werden. Und in der Selbstbewußtsein für den Rest des Jahres aufgebaut wird. Oder nun eben frischer Frust, wie bei Djokovic.

Marco Cecchinato: Auf Sperre folgen Siege bei French Open

In Normalform hätte er, der einst so umschwärmte Bewegungskünstler und Dauersieger, kühl das Tennismärchen von Cecchinato beendet. Aber so ging der verblüffende Vormarsch des Italieners weiter, der vor den French Open 2018 noch kein einziges Grand Slam-Match gewonnen hatte und meist abseits der großen Schlagzeilen seiner Arbeit bei Challenger-Wettbewerben nachgegangen war.

Schlagzeilen hatte er bisher nur einmal produziert, und zwar aus den komplett falschen Gründen. Vor zwei Jahren wurde er wegen einer Wettmauschelei vom italienischen Tennisverband zu einer 18-monatigen Sperre verurteilt, er soll damals einem Freund mitgeteilt haben, nicht auf ihn selbst, auf Cecchinato, Geld zu setzen, da er sich gesundheitlich nicht gut fühle.

Später wurde die Sperre auf zwölf Monate reduziert, dann ganz aufgehoben. Angeblich wegen eines Verfahrensfehlers. In Paris will Cecchinato nicht über die Affäre reden, seine Konzentration gelte ganz "diesem Moment in meinem Leben."

Ein Ruhmesblatt ist das alles natürlich nicht für die Tennisszene, die gegenwärtig intensiv darum kämpft, die Betrügereien gerade bei kleineren Turnieren Herr zu werden. In dieser Pariser Grand Slam-Woche wurde gleichzeitig bekannt, dass Kriminelle belgische Spieler zu Spielmanipulationen erpreßt haben sollen.

French Open 2018: Pablo Carreno Busta und David Goffin geschlagen

Cecchinato wird so schnell nichts mehr mit der Zweiten oder Dritten Liga des Welttennis zu tun haben, nach diesem Turnier rückt er vermitlich bis unter die Top 30 vor, ist dann auch in Wimbledon gesetzt. Sein Marsch durch den roten Sand erinnert ein wenig an Gustavo Kuerten 1997, er kam auch fast aus dem Nichts, ehe er den Thron von Roland Garros erklomm.

Doch nachdem er schon Top Ten-Cracks wie Pablo Carreno-Busta und David Goffin geschlagen hat und Novak Djokovic auf die Knie zwang, stehen immer noch Dominic Thiem (im Halbfinale) und aller Wahrscheinlichkeit nach Rafael Nadal zwischen ihm und dem Titel. Undenkbar? "Ich träume einfach weiter", sagt Cecchinato selbst.

Werbung
Werbung
Werbung
Werbung
Werbung