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NFL: Ex-Referee Blandino im Interview: "Der Fußball kann von der NFL lernen"

Ex-NFL-Referee Dean Blandino sprach exklusiv mit SPOX - über Fußball, Videobeweis und Stand-Up-Comedy.
© getty

Dean Blandino war jahrelang der oberste Referee-Boss in der NFL, ehe er zum Fernsehen wechselte und jetzt als Experte bei FOX arbeitet.

Im SPOX-Interview spricht Blandino über seine bemerkenswerte Karriere, furchteinflößende Momente in New York und die Geschichte des Video Replays in der NFL. Außerdem diskutiert der Juve-Fan mit SPOX über den VAR im Fußball.

SPOX: Dean, bevor wir über Video Replay in der NFL und den VAR im Fußball sprechen, müssen wir uns über Ihre bemerkenswerte Karriere unterhalten. Was haben Sie denn bitte im New York Comedy Club gemacht?

Dean Blandino: (lacht) Ich war Stand-up-Comedian. Es war wirklich so. Als ich bei der NFL als Praktikant anfing, hatte ich nebenher Auftritte und versuchte, Leute zum Lachen zu bringen. Es machte unglaublich Spaß. Und es half mir für meine spätere Karriere tatsächlich sehr, weil ich lernte, in der Öffentlichkeit vor Menschen zu sprechen. Aber ganz ehrlich: Es war auch das Furchteinflößendste, das ich in meinem Leben je gemacht habe. Wenn du das erste Mal vor einer Gruppe Fremder stehst, ein Mikrofon in der Hand hast und Witze reißt, ohne zu wissen, wie die Leute reagieren, schlottern dir die Knie. Aber es war eine tolle Herausforderung, es war cool.

SPOX: Wie sind Sie überhaupt zu Ihrem Praktikum bei der NFL gekommen?

Blandino: Ich hatte mein ganzes Leben lang selbst Football gespielt, in der High School als Tight End, danach folgte ein Abschluss in Kommunikation und dann wollte ich bei der NFL einen Fuß in die Tür bekommen. Bei der NFL war eine Praktikumsstelle im Officiating-Bereich ausgeschrieben. Das interessierte mich eigentlich gar nicht so sehr, aber letztlich war mir die Abteilung egal, Hauptsache, ich war bei der NFL. Wie es sich für einen Praktikanten gehört, musste ich alles Mögliche machen. Das Beste war, dass ich die Chance hatte, mich intensiv mit den Regeln auseinanderzusetzen und sie zu lernen. Damals war ja alles noch analog, ich schaute mir ständig Tapes an, bereitete sie auf und lernte dabei so viel. 20 Jahre später sollte ich in die Rolle als Senior Vice President of Officiating schlüpfen, das hätte ich mir damals natürlich nicht erträumt.

Blandino über die NFL vor dem Video Replay

SPOX: Vielleicht als kurzer Einschub: Zu der Zeit, als Sie Praktikant waren, gab es in der NFL gar kein Video Replay.

Blandino: Richtig. Nach der Einführung 1986 wurde Video Replay 1991 erst einmal wieder abgeschafft, ehe es 1999 das Comeback gab. Daran sieht man sehr gut die Evolution. Dass es im Fußball jetzt in den Anfangsjahren ein paar Kinderkrankheiten gibt, ist für mich deshalb auch völlig normal.

SPOX: Als Video Replay 1999 in der NFL wieder eingeführt wurde, haben Sie schon eine entscheidende Rolle gespielt.

Blandino: Für mich war es das perfekte Betätigungsfeld, weil ich einerseits einen technologischen Background und andererseits das Spiel über den Referee-Aspekt gelernt hatte. Es passte einfach. Also nutzte ich meine Chance und arbeitete zunächst einige Jahre als Replay Official, ehe ich in der Folge in höhere Aufgaben hineingewachsen bin.

SPOX: Dazwischen waren Sie aber einige Jahre nicht mehr bei der NFL.

Blandino: Ja, 2009 verließ ich die NFL und startete in Kalifornien mein eigenes Business mit dem Namen "Under the Hood". Aber auch da ging es wieder um das Thema Video Replay. Wir bildeten Referees dafür aus und boten Trainings an. Außerdem arbeitete ich in der Zeit sehr viel mit den Conferences im College Football zusammen, was meinen Horizont sehr erweiterte.

SPOX: So wurden Sie 2013 der oberste Referee-Chef, obwohl Sie selbst niemals als Offizieller auf einem Feld gestanden haben. War das kein Problem?

Blandino: Am Anfang gab es diese kritischen Töne definitiv. Aber durch meine Arbeit als Replay Official hatte ich mir einen gewissen Respekt verdient. Dazu wusste ich immer, dass ich mich auf diesem Gebiet beweisen muss, also habe ich das Regelwerk der NFL gelernt wie kein anderer. Ich kannte jede Regel aus dem Effeff.

SPOX: Und das Regelbuch der NFL ist komplex.

Blandino: Sehr komplex. Dieses Know-how half mir, aber es ist meiner Meinung auch so, dass die wichtigste Qualifikation für den Job ganz woanders liegt. Du musst vor allem ein guter Kommunikator sein und mit Menschen umgehen können. Mit Menschen, die sauer auf dich sind, weil du ihrer Meinung nach eine völlig falsche Entscheidung getroffen hast. In gewisser Weise half mir da auch meine Zeit als Stand-up-Comedian, weil ich immer versuchte, ein bisschen Humor in die Situation zu bringen. So schaffte ich es das eine oder andere Mal, das Gespräch etwas aufzulockern und wieder auf eine etwas sachlichere Ebene zu bringen.

NFL: Dez Bryant und Co. - "als Referee gewinnst du nie"

SPOX: In Ihrem Job wurden Sie von Fans gehasst, von Coaches und GMs attackiert und von den Medien kritisiert.

Blandino: Wenn ich kurz einhaken darf: Ich werde heute noch auf den Dez Bryant Call aus den Playoffs 2014 angesprochen, an den sich sicher alle erinnern können.

SPOX: Natürlich, vor allem die Cowboys-Fans. Wie sind Sie damit umgegangen, phasenweise als Prügelknabe herhalten zu müssen?

Blandino: Im Allgemeinen muss ich sagen, dass Referees über alle Sportarten hinweg noch nie so im Feuer gestanden sind wie heute. Durch Social Media hat sich viel verändert, jeder ist in der Lage, sofort seine Meinung kundzutun. Und der Anspruch ist immer Perfektion. Das ist aber nicht machbar. Ich habe mich immer darauf konzentriert, die Entscheidungen nach bestem Wissen und Gewissen zu treffen. Aber natürlich ist es nicht einfach. Als Coach oder Spieler gewinnst oder verlierst du, als Referee gewinnst du nie. Dieses Gefühl gibt es nicht. Also kann ich nur versuchen, meine Aufgabe so gut es geht und so fair es geht zu erfüllen. Mir war es auch immer wichtig, dass bei allen meinen Entscheidungen die Gesundheit der Spieler im Vordergrund steht und sie keinen unnötigen Risiken auszusetzen. Aber natürlich passieren Fehler. Einige Male bekam ich unter der Woche plötzlich einen Anruf von einem Offiziellen eines Teams, der die Crew beim letzten Spiel lobte. In solchen Momenten wusste ich dann immer, dass es doch die Mühe wert ist.

SPOX: Sie waren zweimal der Replay Official beim Super Bowl und in Ihrer Zeit als Referee-Chef wahrscheinlich nach Commissioner Roger Goodell die Person der NFL, die am meisten in der Öffentlichkeit stand. War der Stress am Ende der Grund, ins TV-Business zu wechseln?

Blandino: Natürlich weißt du beim Super Bowl, dass jetzt über 100 Millionen Menschen verfolgen, was du hier für eine Entscheidung triffst, aber auch wenn es eine Floskel ist: Ich bin den Super Bowl genauso angegangen wie ein Preseason-Spiel. Ja, der Hype im Vorfeld des Spiels ist gigantisch, aber nach dem Kickoff habe ich es wie jedes andere Spiel betrachtet. Ich würde auch nicht sagen, dass mein Privatleben in der Zeit gelitten hat. Klar wird man mal beschimpft, aber das gehört zum Job dazu. Ich wusste immer, dass der Schritt zum Fernsehen möglich und sehr reizvoll sein würde, es eröffnete sich mir nur schneller eine Möglichkeit, als ich dachte. Aber es stimmt, mein jetziger Job ist sicherlich weniger stressig und ich genieße es auch, dass ich jetzt mehr Zeit mit meinen Kindern verbringen kann.

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