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NFL Europe: Kurt Warner, Deutschland und das Ende der Liga

Chaos, Kuhglocken und der Charme des Neuen

Donnerstag, 29.06.2017 | 18:30 Uhr
Die NFL Europe wurde 2007 abgeschafft - davor war sie vor allem in Deutschland beliebt
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Sie war einst die Aufbau-Liga für NFL-Talente, später fand sie fast nur noch in Deutschland statt: Die NFL Europe war bei den Fans und bei Spielern durchaus beliebt. Für die Teams rechnete sie sich aber rein finanziell nie. Bis die Liga letztlich beschloss, andere Wege zu beschreiten. Vor exakt zehn Jahren wurde der NFL Europe der Stecker gezogen - SPOX blickt zurück, auf eine Liga, die ihren ganz eigenen Charme hatte.

Am 29. Juni 2007 war Schluss.

"Mit der Zustimmung der NFL-Teambesitzer zur Austragung von regulären NFL-Saisonspielen außerhalb der USA ist die Zeit gekommen, um die NFL-Strategie für den Erfolg auf internationaler Ebene neu aufzustellen", teilte NFL-Commissioner Roger Goodell mit. "Zusammen mit dem Management der NFL Europa haben wir entschieden, dass die Einstellung des NFL-Europa-Spielbetriebs die beste Geschäftsentscheidung ist."

Insgesamt 16 Jahre lang hatte sich die Entwicklungsliga für NFL-Teams gehalten, Berichten zufolge brachte sie der NFL jährliche Verluste in Höhe von 30 Millionen Dollar ein. "Ich denke, am Ende geht es ums Geld", brachte es Casey Bramlet, Hamburgs Quarterback für den 15. und letzten World Bowl, gegenüber dem Guardian auf den Punkt.

Die Liga habe damals gerade an Fans gewonnen, "ich denke, sie hätte erfolgreich sein können. Allerdings weiß ich auch nicht, wie lange das gedauert hätte. Als es vorbei war, habe ich gesagt: 'In den nächsten fünf Jahren wird es wieder eine Liga in Europa geben.' An diesem Punkt sind wir noch heute."

Auf den Tag genau zehn Jahre ist das jetzt her, die NFL hat sich seither enorm weiter entwickelt - auch mit Blick auf ihren europäischen Markt. Einen erneuten Versuch einer NFL Europa wird es, zumindest in absehbarer Zeit nicht mehr geben, wer regelmäßigen Live-Football in Deutschland sehen will, ist bei der GFL bestens aufgehoben.

Dabei hatte diese Liga, dieses Projekt, seinen ganz eigenen Charme.

Die WLAF: Gründungen in Barcelona und Frankfurt

Um eine Facette dieses Charmes zu entdecken, muss man nicht weiter schauen, als bis zum Start der Liga 1991 - damals noch unter dem Namen "World League of American Football". Geplant als eine Spring League während der Offseason, waren ursprünglich noch sieben der zehn Teams in den USA, nur drei kamen aus Europa. Diese aber verlangten einiges an Improvisation.

Andrew Brandt, Barcelonas erster Geschäftsführer, später Vizepräsident der Green Bay Packers, erzählte ESPN: "Ich war Spielerberater und habe damals einen Vertrag für Chris Doleman mit dem Vikings-Geschäftsführer Mike Lynn ausgehandelt. Nachdem der Deal durch war, hat er mich angeschaut, kräftig an seiner Zigarette gezogen und gefragt: "Sprechen sie Barcelonisch?" Ich wunderte mich und fragte ihn, ob das Spanisch wäre. Er sagte ja. Ich fand erst später heraus, dass dem nicht so war. Dann hat er mich gefragt, ob ich erster Geschäftsführer der Barcelona Dragons werden will und mir von den internationalen NFL-Plänen erzählt, und dass das eines Tages größer sein würde als die NFL."

Oliver Luck, Geschäftsführer von Frankfurt Galaxy 1991 und später in Köln, fügte hinzu: "Es gab keinen Stadion-Deal, nicht einen Angestellten. Keine Angestellten vor Ort, kein Marketing, keinen Football-Stab. Es war ein echtes Startup. Unser erstes Spiel war am 25. März - wir hatten drei Monate Zeit." Computer, Ticket-System, was man sich rund um ein Sport-Team auch nur ausdenken kann: Die frisch gekürten Team-Bosse mussten es organisieren.

In Frankfurt machten sie sich den Fall der Berliner Mauer und die damit verbundenen Truppen-Abzüge zu Nutze, das Team kaufte der Army günstig Büro-Möbel ab. In Barcelona gab es anfangs keine Torstangen, und als sie schließlich geliefert wurden, montierten die nichtsahnenden Handwerker diese in die Ecke der Endzone.

NFL Europe: Probleme mit der Qualität des Spiels

Nach einer zweijährigen Pause 1993 und 1994 wurde die WLAF 1995 mit sechs Teams neu gegründet, dieses Mal kamen alle Teams aus Europa. 1998 erfolgte die Umbenennung in NFL Europe. Auch der Modus wurde 1995 verändert, um die Saison bis zum Titel-Spiel, dem World Bowl, spannender zu gestalten.

All das aber konnte über die grundsätzliche Problematik der Liga nicht hinwegtäuschen: NFL-Teams schickten ihre jungen Spieler, die für die NFL noch nicht bereit waren, nach Europa, um dort Spielpraxis zu sammeln. Die NFL bezahlte Lebenshaltungskosten von Spielern und Coaches in Europa. Natürlich war das der Grundgedanke der NFL Europe aus Sicht der USA, aber, um sich der entwaffnenden Ehrlichkeit von Bramlet zu bedienen: "Das ist der schwierige Part. Die Leute wollen keinen schlechten Football sehen."

Die Football-Fans in Europa lechzten nach großen Namen. Die Michael Irvins, Cris Carters, Brett Favres und John Elways dieser Welt, die sie nur aus dem TV kannten. Die Spieler, die sie in ihren Stadien aber live sehen konnten, waren nicht selten selbst NFL-Fans kein wirklicher Begriff. Und, nicht zu vergessen, die Football-Fans in Europa waren Mitte der 90er Jahre insgesamt noch rarer gesät.

"Die Leute haben das Spiel oft nicht verstanden. Sie brachten Pfeifen und Kuhglocken mit, und wussten nie, wann sie damit Krach machen sollen", grinst Kurt Warner, der prominenteste NFL-Europe-Export. "Plötzlich hörte man Kuhglocken und ein Pfeifkonzert, während man vor den eigenen Fans mit der Offense auf dem Platz war."

Kurt Warner: Eine Geschichte wie keine andere

Trotzdem aber konnten NFL-Teams ihren Nutzen aus der NFL Europe ziehen. Wären die Youngster über den Frühling bei ihrem eigentlichen Team in den USA geblieben, hätten sie in den ersten Trainingseinheiten teilnehmen können - die aber können Spieler nur bedingt verbessern, da ohne Pads, ohne Kontakt trainiert wird. Die NFL Europe bot über das Frühjahr eine Plattform, wo Talente tatsächliche Spielpraxis sammeln, Hits kassieren und austeilen und an ihrem Handwerk feilen konnten.

"1996 habe ich einen Anruf von Amsterdams Head Coach Al Luginbill erhalten, er hat mich gefragt, ob ich für ihn spielen würde", gewährte Warner, zu der Zeit ohne Chance in der NFL und ein Star in der Arena League, Einblicke, wie damals der Kontakt hergestellt wurde. "Ich habe ihm gesagt, dass ich es lieben würde, in Europa zu spielen. Aber im Arena Football hatte ich ein gutes Gehalt und sagte ihm daher, dass ich nur kommen würde, wenn er mich dafür bei einem NFL-Team unterbringen würde."

Es dauerte ein Jahr, ehe Luginbill ihm schließlich ein Probetraining bei den Rams ermöglichte, die den Quarterback trotz eines "desolaten Workouts" (Warner) verpflichteten. Er ging nach Europa. "Die einzige Sendung, die wir in Europa empfangen haben, um ein Stück Heimat zu bekommen, war Jerry Springer. Also haben wir jeden Tag zusammen gegessen und Jerry Springer angeschaut. Da wurde mir schnell klar, dass ich nicht mehr in Kansas bin", erzählte Warner bei ESPN.

Einige Jahre später sollte er in die USA zurückkehren, nach einer Verletzung des Starters die Rams zum Super-Bowl-Titel und 2008 nochmals die Arizona Cardinals bis in den Super Bowl führen. Es ist wahrlich eine Geschichte wie keine andere - die ohne die NFL Europe wohl so nie passiert wäre.

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