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Wie in einem Computerspiel

Von Jan-Hendrik Böhmer
Freitag, 17.12.2010 | 14:10 Uhr
Michael Vick feiert seinen Touchdown gegen die Dallas Cowboys
© Getty
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Michael Vick ist zurück. Besser als jemals zuvor. Nach 21 Monaten im Gefängnis und einer größtenteils enttäuschenden Comeback-Saison führt er Philadelphia jetzt in Richtung Playoffs. Am Sonntag (19 Uhr im LIVESCORE) können die Eagles gegen die New York Giants die alleinige Führung in der NFC East übernehmen. Auch dank Vick. Doch was macht den Quarterback plötzlich so gut? SPOX erklärt das System Michael Vick.

Es war wie in einem Computerspiel. Michael Vick in der Partie gegen die Washington Redskins zuzusehen, war surreal. Irgendwie nicht von dieser Welt. Es sei "eine der besten Quarterback-Leistungen in der NFL-Geschichte" gewesen, schrieb NFL-Experte Peter King anschließend in der "Sports Illustrated". Sechs Touchdowns. Keine Interception. 413 Yards.

Doch Vick ist mehr als die eine Monster-Partie Mitte November. Seither hat er in allen Spielen mindestens 250 Yards erworfen - und das, obwohl sich die gegnerischen Teams mittlerweile auf ihn eingestellt haben. Das ist vielleicht sogar noch beeindruckender als sechs Touchdowns. Bis heute überbrückt der 30-Jährige die zweitmeisten Yards pro Pass-Versuch, hat das zweitbeste Quarterback-Rating der NFL - und mehr Rushing-Yards (483) und -Touchdowns (7) als so mancher gestandene Runing-Back.

Mit anderen Worten: Er ist einer der gefährlichsten Playmaker der Liga und sorgt bei gegnerischen Defensiv Gurus reihenweise für schlaflose Nächste. "Vick mit allen - auch unfairen - Mitteln aus dem Spiel zu nehmen, steht ganz oben auf deren To-Do-Liste", enthüllte kürzlich Eagles-Kolumnist Paul Domowich im "Philadelphia Inquirer".

Eagles wollten Vick in der Offseason abgeben

Dabei hatte noch zu Beginn dieser Saison niemand den Quarterback auf der Rechnung. Nicht einmal sein eigenes Team. Nach Vicks größtenteils enttäuschender Comeback-Saison installierten die Eagles Kevin Kolb als Starting Quarterback und waren sogar bereit, Vick abzugeben. Dass es nicht so weit kam, lag ausschließlich daran, dass es kein vernünftiges Angebot gab - und sich Kevin Kolb zwischenzeitlich verletzte.

Heute mag sich das in Philadelphia niemand mehr vorstellen.

Die Eagles ohne Vick? Unmöglich. Er trägt das Team in Richtung Playoffs - und vielleicht sogar noch weiter. Behält er seine aktuelle Form, dann steuert er auf einen Blockbuster-Vertrag zu, sobald sein aktueller Deal bei den Eagles ausläuft.

Doch wie wurde aus Vick, der während seiner Zeit in Atlanta zwar als phänomenaler Athlet - aber als höchstens mittelmäßiger Signal-Caller galt, einer der besten Quarterbacks?

Favre-Team sorgt für Sinneswandel

Der Grund ist erschreckend einfach: gutes Coaching. Zum ersten Mal in Vicks Karriere macht sich ein Trainer-Team die Mühe, an den Quarterback-Fähigkeiten des 30-Jährigen zu arbeiten.

Bisher lautete das Motto immer: Vick schaut. Niemand frei. Vick läuft. Passt schon. Der ehemalige Nummer-Eins-Pick wurde auf seine Fähigkeiten als Running-Quarterback reduziert. Das reichte den Teams bisher aus, schließlich funktionierte es gut genug.

Und noch viel entscheidender: Es reichte auch Vick bisher aus. "Es ist ja nicht so, dass er vor uns nie einen guten Trainer gehabt hätte", erklärt Head Coach Andy Reid. "Michael gibt ja selbst zu, dass er früher oft einfach nicht zugehört hat, wenn ihm etwas beigebracht werden sollte." Nicht so bei den Eagles. "Ich bin stolz darauf, wie hart er hier arbeitet", lobt Reid.

Denn nur so konnte der 52-Jährige, der als einer der besten Quarterback-Versteher der letzten 20 Jahre gilt, zusammen mit Offensive Coordinator Marty Mornhinweig aus einem der aufregendsten Athleten der Liga einen der besten Quarterbacks der NFL machen. Vor Vick coachten Reid und Mornhinweig unter anderem Brett Favre zum Super-Bowl-Sieg mit den Packers.

Ein ganz neuer Quarterback

Unter ihrer Anleitung wurde Vick zu einem völlig neuen Quarterback, verbesserte seine komplette Pass-Routine. Angefangen bei der Beinarbeit vor dem Wurf, bis hin zur Pass-Genauigkeit. Mit 30 Jahren ist Vick endlich erwachsen geworden, trifft gute Entscheidungen und bringt selbst schwierige Pässe an den Mann. Ein wichtiger Grundstein.

Aus dieser Sicherheit folgt ein größeres Maß an Übersicht und vor allem Geduld. Vick weiß, dass er auch schwierige Würfe nehmen kann und läuft deshalb nicht mehr sofort los, wenn der erstbeste Pass-Empfänger gedeckt ist. Er scannt dauerhaft das gesamte Feld. Selbst wenn er die Pocket irgendwann verlässt, sucht er weiter nach Anspielstationen.

Erst wenn sich tatsächlich kein Pass anbietet, läuft er los. Dann aber richtig. "Für viele ist er halb Quarterback, halb Running Back", sagt Reid. Vick selbst nennt es die Mentalität eines Running Backs. Und noch wichtiger: die Furchtlosigkeit eines Running Backs. Das bei Quarterbacks übliche zu Boden gehen nach dem erlaufenen First Down? Nicht mit Vick.

Hits? Die sind nicht so schlimm

Das passt einfach nicht zu ihm. "Ich will nicht, dass man mir etwas schenkt", sagt Vick. "Ich denke, ich bin da eher der harte Typ." So kann man das oft kommentarlose Wegstecken von Gehirnerschütterungen, angebrochenen Rippen, ausgekugelten Schultern und geprellten Nieren auch nennen. "Ich bin das gewohnt - und so schlimm ist das nicht."

"Ich tue eben das, was ich am besten kann", nennt Vick das.

Doch genau das ist es, was für Begeisterung sorgt. Denn: "Nur wenige Quarterbacks hätten nach dieser kurzen Zeit aufs Feld gehen und so spielen können, wie es Michael in den letzten Wochen getan hat", sagt Reid. Immerhin habe sich Vick während seiner 21-monatigen Haftstrafe kaum mit Football beschäftigt, wenig mit dem Sport zu tun gehabt.

Aber warum auch. Sein ehemaliges Team, die Atlanta Falcons, hatten frühzeitig klar gemacht, dass sie ihren einstigen Star nicht zurücknehmen würden. Seine Sponsoren waren abgesprungen. Und trotz der Unterstützung des ehemaligen Trainers der Indianapolis Colts Tony Dungy schien kaum ein Team Vick verpflichten zu wollen.

Seine Karriere war vorbei.

Und ausgerechnet das trägt jetzt zu seiner Auferstehung bei. Vick hatte sich mit seinem Schicksal abgefunden. Deshalb ist alles, was jetzt kommt, eine Zugabe. Er muss nichts beweisen, spürt keinen Druck - und kann sich voll auf den Sport konzentrieren. "Wie gelassen er die gesamte Aufregung um seine Person, die teilweise bösen Anfeindungen, hingenommen hat, ist beeindruckend", sagt Reid. Selbst NFL-Commissioner Roger Goodell sagt: "Ich bin stolz auf Michael" - und nennt ihn ein Vorbild.

Besser als jemals zuvor

Doch darum geht es an dieser Stelle nicht. Es geht nicht darum, welche menschliche Wandlung Vick durchgemacht hat - oder eben nicht. Je nachdem, ob man ihm seinen geläuterten Lebenswandel abkauft.

Es geht nicht um den Jungen aus dem Armenviertel von Newport News, Virginia, und dessen lebenslange emotionale Achterbahnfahrt. Vom bestbezahlten NFL-Rookie und Liebling der Massen zum wegen seiner Verwicklung in einen Hundekampf-Ring verteufelten Athleten - und zurück.

Man kann Vick und dessen Geschichte mögen - oder auch nicht. Ihm seinen geläuterten Lebensstil abkaufen - oder nicht. Das bleibt jedem selbst überlassen. Auf dem Feld spielt das überhaupt keine Rolle. Dort geht es nicht um die Person Michael Vick, sondern um den Quarterback Michael Vick. Und der ist zurück - besser als jemals zuvor.

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