Das Free-Agent-Desaster der Mavs

Dirk Nowitzki: Wo hat Loyalität ihre Grenzen?

Von Florian Regelmann
Freitag, 06.07.2012 | 17:23 Uhr
Dirk Nowitzkis Dallas Mavericks erleben eine absolute Albtraum-Offseason
© Getty
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Kein Deron Williams. Kein Steve Nash. Kein Jason Terry mehr. Kein Jason Kidd mehr. Die Dallas Mavericks erleben eine absolute Albtraum-Offseason. Dirk Nowitzki steht völlig alleine da - sollte er jetzt gehen?

"Ich habe immer gesagt, dass ich meine Karriere in Dallas beenden will, die Championship war natürlich das i-Tüpfelchen. Ihr bin ich immer hinterhergejagt, von ihr habe ich immer geträumt. Sollten wir diesen Sommer wirklich niemanden bekommen, dann wollen sie vielleicht ein Rebuilding-Programm starten. Es ist offensichtlich, dass ich dafür dann zu alt wäre."

Es ist eine Aussage von Dirk Nowitzki aus dem Mai. In einem Radio-Interview war er gefragt worden, ob er sich einen Zeitpunkt vorstellen könnte, an dem er die Mavs um einen Trade bitten würde. Es war das erste Mal, dass Nowitzki offen über einen möglichen Abschied aus Dallas sprach.

Nowitzki will Vertrag erfüllen

Inzwischen hat er erst in dieser Woche während seines Wimbledon-Ausflugs gegenüber "Sky" klargemacht, dass er die letzten beiden Jahre seines Vertrags in Dallas auf jeden Fall erfüllen werde. Aber angesichts der verheerenden Entwicklungen der letzten Tage stellt sich dennoch eine entscheidende Frage: Wo hat Loyalität ihre Grenzen?

Es ist nicht Nowitzkis Stil, einen Trade zu fordern. Für ihn hat es eine immense Bedeutung, seine ganze Karriere beim selben Team zu verbringen.

Es fühlt sich richtig an für ihn - gerade weil er die ersehnte Meisterschaft gewonnen hat. Wäre ein möglicher Titel Nummer zwei mit, sagen wir den Chicago Bulls, da noch so wichtig?

Der Rest des Championship-Teams

Es gibt aber auch die andere Seite der Medaille. Und die trägt folgende Namen: Ramon Sessions. Aaron Brooks. Randy Foye. O.J. Mayo. Raymond Felton. Kirk Hinrich. Hey Mavs-Fans, jemand begeistert? Es sind die Guard-Restposten auf dem Free-Agent-Markt 2012.

Kein Deron Williams. Kein Steve Nash. Kein Jason Terry mehr. Kein Jason Kidd mehr. Goran Dragic ist vergriffen. Bei Jeremy Lin heißt es: New York oder Houston. Brandon Roy hat sich für seinen Comeback-Versuch auch gegen Dallas und für Minnesota entschieden. Mehr Strikeouts kann ein Team in so kurzer Zeit kaum zustande bringen. Allein die Tatsache, dass sich die Mavs am Ende schon über die Verpflichtung eines Mannes mit kaputten Knien gefreut hätten, spricht Bände für eine Albtraum-Offseason.

Vom Mavs-Team, das vor gerade einmal 13 Monaten den Titel geholt hat, sind aktuell nur noch Nowitzki, Shawn Marion, Brendan Haywood und die Ersatzteile Rodrigue Beaubois und Dominique Jones übrig geblieben. Nowitzki ist ein sehr einsamer Superstar geworden.

Nowitzki-Jahre werden verschwendet

Was die Situation für den Deutschen besonders dramatisch macht: Er ist 34 Jahre alt. Keine 40. Nowitzki kann mindestens noch zwei Jahre auf einem extrem hohen Niveau Basketball spielen.

Kurzum: Die Mavs haben in der letzten Saison schon ein Jahr ihres Franchise Players verschwendet, indem sie Tyson Chandler und Co. ziehen ließen, um im Free-Agent-Sommer 2012 alles auf eine Karte setzen zu können.

Jetzt werden sie (mindestens) in der nächsten Saison ein weiteres Nowitzki-Jahr verschwenden. Nowitzki, der im Übrigen als einziger NBA-Spieler neben Kobe Bryant eine No-Trade-Klausel besitzt, betont immer wieder, dass er großes Vertrauen in Dallas-Boss Mark Cuban hat und dieser schon eine schlagkräftige Truppe aufstellen wird. Aber aktuell scheint selbst der Playoff-Einzug in der Western Conference unrealistisch.

Trade-Option fällt aus

Oklahoma City wird nur noch hungriger sein nach der Finals-Pleite und ist das "team to beat". Die Lakers haben Nash. San Antonio bleibt San Antonio. Die Clippers, Grizzlies, Jazz, Nuggets und auch T-Wolves sind jung und werden immer besser. Den Mavs, und damit in erster Linie Nowitzki, droht der absolute Horror.

Theoretisch haben die Mavs weiterhin genug Platz unter dem Salary Cap (Haywood bleibt eine Option für die Amnesty-Klausel), um einen dicken Fisch an Land zu ziehen. Allerdings bleibt Dallas jetzt nur noch die Trade-Variante - eine Variante, die dummerweise so gut wie unmöglich ist, weil die Mavs schlicht und ergreifend nichts zum Traden haben.

Es bleibt Dallas nichts anderes übrig, als zu versuchen, eine Art Mini-Rettung für nächste Saison anzustreben (Marcus Camby oder Chris Kaman sind beispielsweise Big-Man-Optionen) und dann nächsten Sommer wieder neu zu hoffen.

2013: Howard? CP3? Harden?

Zu hoffen, dass dann Dwight Howard, Chris Paul und James Harden Free Agents sein werden und sich davon jemand für die Mavs entscheidet. Aber wer glaubt daran? Glaubt Nowitzki noch daran? Der Finals-MVP von 2011 hat schon so einige persönliche Verluste wegstecken müssen. 2004 musste er zuschauen, wie sein Kumpel Steve Nash weggetradet wurde. Es tat weh, aber er akzeptierte es. Klaglos.

Auch als Chandler und J.J. Barea nach dem Titelgewinn weggeschickt wurden, zeigte er Verständnis. Dass für seinen Freund Terry jetzt kein Platz mehr sein würde? Wäre auch okay gewesen - solange D-Will nach Dallas kommt...

Ob Williams oder J-Kidd (ebenfalls ein sehr guter Nowitzki-Freund) - beide entschieden sich letztlich gegen die Mavs, weil sie den Kader mit dem der Nets und Knicks verglichen. Williams hatte Angst, völlig alleine dazustehen, sollte sich Nowitzki einmal verletzen.

Jagd auf Ramon Sessions...

Jetzt wird Nowitzki sich sehr einsam vorkommen, wenn er Ende September zum Trainingscamp in Dallas aufschlägt.

"Wir als Mavericks sehen uns nicht als eine Rebuilding-Organisation. Wir kämpfen immer an der Spitze mit. Sollte er (Williams) die für uns falsche Entscheidung treffen, bin ich sicher, dass wir etwas anderes in der Hinterhand haben", sagte Nowitzki kurz vor Beginn der Free Agency.

Etwas anderes? Sessions, der in den letzten Playoffs 9,7 Punkte und 3,6 Assist für die Lakers lieferte und dabei nur 37,7 Prozent aus dem Feld schoss, ist zum Nummer-eins-Kandidaten der Mavs aufgestiegen. Was ist Sessions? Plan J?

Sollte Sessions in Dallas unterschreiben, hätten die Mavs immerhin mal einen Point Guard im Kader. Aktuell umfasst das Roster sieben Spieler (plus drei Draft Picks) - aber einen Spielmacher sucht man vergeblich.

Es ist ein schockierender freier Fall. Tschüss, Vorzeige-Franchise. Hallo, Chaos-Klub. Wie es weitergeht? Niemand weiß es.

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