Michael Rösch im Interview

"Es ist noch nicht aussichtslos"

Von Interview: Alice Jo Tietje
Donnerstag, 12.12.2013 | 13:57 Uhr
Michael Rösch holte für den DSV zwei Weltcupsiege
© getty
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Vor knapp einem Jahr hat sich Michael Rösch entschieden, die belgische Staatsbürgerschaft anzunehmen und für Belgien im Weltcup zu starten. Seitdem wartet der 30-Jährige auf eine Starterlaubnis. Im SPOX-Interview spricht der Staffel-Olympiasieger über seinen schwierigen Kampf zurück, die Hoffnung auf die olympischen Spiele in Sotschi und verrät, wie er sich ohne Wettkämpfe motiviert.

SPOX: Zwei Biathlon-Weltcups sind in dieser Olympia-Saison bereits Geschichte. Haben Sie die Rennen verfolgt?

Michael Rösch: Ja, ich habe mir die Rennen angeschaut. Aber nicht live, sondern auf der Couch.

SPOX: Ist Wehmut dabei, wenn Sie die alten Kollegen auf der Strecke sehen?

Rösch: Absolut, da sitze ich auf dem Sofa und denke mir, eigentlich müsstest du jetzt am Start stehen, schießen und laufen. Es ist natürlich eine blöde Situation, aber es ist nun mal so.

SPOX: Warum waren Sie nicht am Start?

Rösch: Ich habe noch keinen belgischen Pass und darf noch nicht in den Rennen starten.

SPOX: Seit Ihrer Entscheidung vor einem Jahr, die belgische Staatsbürgerschaft anzunehmen, ist es nicht voran gegangen, oder?

Rösch: Nein, leider! Ich habe mir das auch ein bisschen anders vorgestellt. Aber es scheint so zu sein, dass die ganzen Abläufe und Prozeduren ein bisschen länger dauern. Mir wurde aber vom Parlament zugesagt, dass mein Antrag schneller bearbeitet wird als normal. Ich kann nichts daran ändern. Mir sind die Hände gebunden.

SPOX: Vor kurzem hieß es, dass Sie faktisch belgischer Staatsbürger sind...

Rösch: ...genau, das war eigentlich der wichtigste Schritt, dass mein ganzer kompletter Antrag bei der Kommission gelandet ist und sie den Antrag genehmigt haben. Damit bin ich faktisch belgischer Staatbürger.

SPOX: Was fehlt, um endlich an den Start zu gehen?

Rösch: Das Parlament muss den Antrag noch verabschieden, der König muss noch unterschreiben und dann wird es im Staatsblatt veröffentlicht. Diese drei Schritte muss ich jetzt noch abwarten.

SPOX: Und dann geht es direkt in die Loipe?

Rösch: Starten darf ich dann auf alle Fälle. Eigentlich muss ich mich zuerst über den IBU-Cup für den Weltcup qualifizieren. Aber der belgische Verband hat bereits einen Antrag auf eine Wildcard gestellt, damit ich im Weltcup starten darf. Aber das sind momentan nur Spekulationen.

SPOX: Wann rechnen Sie mit ihrer Rückkehr?

Rösch: Das ist das eigentliche Problem. Niemand kann sagen, wann genau diese Vorgänge abgeschlossen sind. Das Ziel sollte Weihnachten sein. Dann könnte ich direkt im neuen Jahr starten, aber bis dahin wird die Zeit knapp.

SPOX: Das Warten muss ermüdend sein.

Rösch: Das ist schon sehr anstrengend für den Kopf. Da sich auch das Training schwierig gestaltet, wenn ich kein Rennen machen kann. Es ist schwierig, Form aufzubauen. Bisher ist es mir aber ganz gut gelungen. Die Motivation und die Ziele sind noch da. Dementsprechend bin ich optimistisch.

SPOX: Sie haben sogar Ihren Job als Bundespolizist aufgegeben, um für Belgien zu starten.

Rösch: Ja, die Kündigung bei der Bundespolizei war eine harte Entscheidung. Die haben mich sehr unterstützt und hatten einen großen Anteil an meinem Erfolg. Es war sehr hart.

SPOX: Sie waren Beamter auf Lebenszeit, eine Sicherheit die jetzt nicht mehr vorhanden ist.

Rösch: Ich habe sehr viel aufgeben, aber das zeigt ja auch, wie wichtig mir das ganze Projekt ist. Ich hoffe natürlich, dass sich die Entscheidung rentiert.

SPOX: Was wäre die Alternative gewesen?

Rösch: Dann hätte ich kein Biathlon mehr betreiben können. Aber ich habe einen guten Sponsor in Dresden, der mich quasi angestellt hat. Das ist auch so ein Biathlon-Verrückter. Ohne ihn wäre es schwierig gewesen, so weit zu kommen.

SPOX: Warum haben Sie sich für Belgien entschieden?

Rösch: Als das Thema aufkam, dass ich die Nation wechseln will, wurde ich mit Weißrussland und Tschechien in Verbindung gebracht. Das ist alles Quatsch. Es war von Beginn an Belgien. Der Hintergedanke war, einen kleinen Biathlonverband zu suchen, den ich unterstützen kann, dort etwas aufzubauen.

SPOX: Wie sind die Möglichkeiten in diesem Land, das nicht gerade als Wintersportnation bekannt ist?

Rösch: Belgien hat gar nichts, was diesen Sport angeht. Weder Rollerbahn, noch Schießstand. Der Anspruch ist es, dort die Infrastruktur zu verbessern. Auch im Hinblick auf unser großes Ziel: Olympia 2018. Wenn ich bis dahin ein paar Athleten um mich versammeln kann, können wir vielleicht eine Staffel stellen.

SPOX: Wäre es nicht einfacher, für eine Nation an den Start zu gehen, in der es all das schon gegeben hat?

Rösch: Das ist ja die Herausforderung, alles andere wäre ein bisschen langweilig. Das macht mir schon Spaß. Klar ist das ewige Hin und Her nervenaufreibend. Aber ich bin felsenfest davon überzeugt, dass es am Ende gut ausgeht.

SPOX: Können Sie ihre Form denn überhaupt einschätzen?

Rösch: Es ist schwierig, da Training und Wettkampf immer zwei verschiedene Paar Schuhe sind. Wichtig war, dass ich mit Alexander Os und Lars Berger aus Norwegen trainiert habe. Das sind zwei richtig gute Athleten, da hatte ich immer den Vergleich.

SPOX: Wie ist es zu dieser Kombination gekommen?

Rösch: Bei den norwegischen Meisterschaften bin ich mit den beiden ins Gespräch gekommen. Da sich beide auch individuell vorbereitet haben, war der Gedanke einer Zusammenarbeit schnell da. Wir haben eine kleine Trainingsgruppe gegründet, die super funktioniert hat.

SPOX: Offenbar auch für Lars Berger, der in Hochfilzen bei seinem Saisoneinstand gleich den Sprint gewann.

Rösch: Das war ein klasse Rennen von Lars, das mir zeigt, dass unsere Vorbereitung gestimmt hat.

SPOX: Haben Sie noch Hoffnung für Olympia 2014?

Rösch: Die Hoffnung ist gering. Aber sie ist da.

SPOX: Was stimmt Sie zuversichtlich?

Rösch: Die sogenannten Quotenplätze, die vom Nationalen Olympischen Komitee an Länder vergeben werden, die eigentlich keinen Startplatz hätten. Athleten können sich über ihre Leistungen im IBU- und Weltcup qualifizieren. Sollten nicht alle Plätze vergeben werden, kann der Weltverband Startplätze an nicht-qualifizierte Athleten verteilen. Das könnte meine Chance sein, aber dafür muss ich erst mal wieder an den Start gehen. Es ist noch nicht aussichtslos.

Seite 1: Behördenslalom in Belgien und die Kündigung als Beamter auf Lebenszeit

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