Freitag, 03.12.2010

Bob-Bundestrainer Christoph Langen im Interview

"Bobsport ist wie eine Droge"

Seit Juni 2010 ist der zweimalige Olympiasieger Christoph Langen als Trainer der deutschen Bobmannschaft tätig. Dank Manuel Machatas und Karl Angerers Doppelsieg im Zweier beim Weltcup in Whistler feierte der Kölner einen Einstand nach Maß.

Termin auf dem Oktoberfest: Die Bob-Piloten mit freiem Oberkörper und dem Wiesn-Playmate im Arm
© Getty
Termin auf dem Oktoberfest: Die Bob-Piloten mit freiem Oberkörper und dem Wiesn-Playmate im Arm

"Meine junge Mannschaft schlägt sich ganz hervorragend", sagte Langen nach dem überraschenden Triumph. Weil die 35-jährige Sandra Kiriasis anschließend auch noch gewann, war der Jubel im deutschen Lager groß.

Cathleen Martini auf Platz vier und Stefanie Szczurek (10.) rundeten das hervorragende Ergebnis ab. Maximilian Arndt landete auf einem vorzüglichen fünften Platz.

"Ich bin hochzufrieden und selbst überrascht, wie gut alles funktioniert", so Thomas Schwab, Sportdirektor des Bob- und Schlittenverbandes für Deutschland. "Man darf nicht vergessen, dass seit dieser Saison bei uns ein völlig neuer Trainerstab arbeitet. Die anderen Nationen machen jetzt bestimmt große Augen und werden nervös."

Nach dem famosen Saisonstart bat SPOX den neuen Bundestrainer zum Interview. Langen über seine Beziehung zu Andre Lange, den Rausch der Geschwindigkeit und Sebastian Vettels Zukunft im Bobsport.

SPOX: Wie war der Saisonauftakt für Sie? Erfolgreich natürlich, aber waren Sie nervöser als zu Ihrer aktiven Zeit?

Christoph Langen: Da gibt es keinen großen Unterschied. Beide Seiten bereiten sich akribisch auf so eine Saison vor. Als Aktiver hatte ich jedoch nur mein Team, auf das ich ein Auge haben musste. Als Trainer muss ich für alle da sein. Aber das mache ich ja nicht alleine, ich habe einige Helfer an meiner Seite.

SPOX: Hatten Sie Probleme, sich auf den neuen Job einzustellen?

Langen: Das habe ich ganz gut hinbekommen. Natürlich sieht man die Dinge als Athlet anders als als Trainer, es wäre ja auch schlimm, wenn es nicht so wäre. Früher konnte ich mich nur auf den Sport konzentrieren. Heute hängt an meiner Arbeit viel mehr Organisation dran, ich stehe an der Bahn, berate die Athleten und gehe mit den Funktionären Zeitpläne durch. Aber es war mir schon vorher klar, was für ein Riesenaufwand das ist. Schließlich habe ich ja auch als Athlet gesehen, wie mein Cheftrainer gearbeitet hat.

SPOX: Wird heute anders trainiert als zu Ihrer Zeit?

Langen: Natürlich, die Methoden entwickeln sich ständig weiter. Wir zum Beispiel trainieren sehr individuell. Und gerade im Schnellkraftbereich sind wir Bobfahrer vielen anderen Sportarten wahrscheinlich sogar voraus. Wer muss schon einen 200-Kilogramm-Schlitten auf 40 km/h beschleunigen? Außer uns niemand.

SPOX: Vor der Saison hieß es, es gebe Probleme zwischen Ihnen und Andre Lange, die der Grund dafür sind, warum Lange keinen Posten im Trainerteam übernommen hat.

Langen: Das sind Gerüchte, die von Leuten kommen, die sich hinten und vorne nicht auskennen. Es hat überhaupt keine Probleme gegeben. Es ist doch klar, dass man einem Andre Lange nach so einer langen und anstrengenden Karriere erst einmal eine Auszeit gönnt. Er muss abtrainieren, dann die ganzen Trainerscheine machen. Seine Ausbildung beginnt gerade erst. Er braucht Zeit, sich wieder an die Schulbank zu gewöhnen (lacht). Im Ernst: Er soll später auf jeden Fall eine leitende Funktion im Verband übernehmen und darauf freue ich mich. Das wird eine sehr gute Zusammenarbeit werden.

SPOX: Hat ein erfahrener Athlet wie Sie oder Andre Lange in den letzten Jahren der Karriere überhaupt noch einen Trainer gebraucht?

Langen: Einen Trainer braucht man immer. Gerade in der Weltspitze wird er immer wichtiger. Im Tagesgeschäft braucht man ihn irgendwann nicht mehr, aber an der Bahn ist er als Ansprechpartner enorm wichtig. Die Weltspitze ist so eng zusammen, da entscheidet der Kopf. Und wenn man da keine Vertrauensperson hat, mit der man sich austauschen kann, ist alles verloren.

SPOX: Wenn Ihr Trainer für Sie schon so wichtig war, wie wichtig sind dann erst Sie für Ihre unerfahrenen Piloten?

Langen: Klar bin ich wichtig, gerade jetzt während der Überseerennen. Denn die Jungs kennen die Bahnen nicht und müssen sich erst einmal an sie gewöhnen. Gerade auf so einer berüchtigten Bahn wie in Whistler ist erst einmal Respekt vorhanden. Da brauchen die Athleten einen Trainerstab, der ihre Sprache spricht. Hier ist die Betreuung wesentlich intensiver als zum Beispiel in Winterberg.

"Wir sind bunt genug, man muss uns nur die Chance geben, das zu zeigen. Wir haben Typen, die positiv verrückt sind und das Risiko lieben. Und wir haben Geschwindigkeit."

Christoph Langen

SPOX: Manuel Machata hat ausgerechnet bei seiner Premiere im Weltcup auf der schweren Bahn in Whistler gewonnen. Was erwarten Sie jetzt in den kommenden Rennen von ihm?

Langen: Die ganzen jungen Athleten, nicht nur Manuel, haben nach wie vor gar keinen Druck. Sie sollen die Bahnen kennen lernen und sich stetig steigern. Wenn dabei ein Sieg herausspringt wie bei Manuel, ist das fantastisch, aber eigentlich sind zunächst einmal die erfahrenen Athleten wie Karl Angerer und bei den Frauen Sandra Kiriasis und Cathleen Martini an der Reihe, die Erfolge einzufahren. Der Aufbau unseres Teams ist auf 2014 hin ausgerichtet. Bei Olympia in Sotschi müssen wir ein schlagkräftiges Team am Start haben. Aber die Jungen drücken schon jetzt, das hat man in Whistler ganz deutlich gesehen.

SPOX: Sind die jungen Wilden um Machata eine Chance, dem Bobsport ein jugendlicheres Image zu geben?

Langen: Das hat mit jugendlicherem Image nichts zu tun. Wir sind hier ja nicht beim Kunstturnen. Der Bobsport birgt Gefahren. Dafür braucht man einen gesunden Menschenverstand und verantwortungsvolle Athleten.

SPOX: PR-Auftritte wie auf dem Oktoberfest - ihre Piloten mit freiem Oberkörper und dem Wiesn-Playmate im Arm - sprechen aber schon dafür, dass Sie eine Offensive anstreben, den Bobsport einem breiteren Publikum schmackhaft zu machen.

Langen: Das wird sicher in den kommenden Jahren mehr werden und wir pushen das auch. Generell ist im Bob-Verband unter dem neuen Chef eine Umbruchsstimmung festzustellen. Wenn wir es schaffen, alle nationalen Verbände unter einen Hut zu bringen, dann werden wir am Bobsport noch viel Freude haben.

SPOX: Weil Sie ihn bunter machen?

Langen: Wir sind bunt genug, man muss uns nur die Chance geben, das zu zeigen. Wir haben Typen, die positiv verrückt sind und das Risiko lieben. Wir haben Geschwindigkeit - alles, was den Bobsport interessant macht.

SPOX: Ein Appell an die Medien, dem Bobsport mehr Aufmerksamkeit zu schenken.

Langen: Ja klar. Es gibt außer Ski alpin und Biathlon auch noch andere Sportarten, die interessant sind und über die man Geschichten erzählen kann. Bobsport ist Athletik und Power, da geht es ab. Jeder, der das einmal probiert hat, wird nicht loslassen können. Das ist wie eine Droge.

SPOX: Ihre Ersatzdroge war jahrelang der Motorsport. Haben Sie dafür überhaupt noch Zeit?

Langen: Dieses Jahr hat es nicht geklappt, aber abgeschlossen habe ich damit auf keinen Fall. Ich würde gerne im kommenden Jahr wieder einsteigen, und mein Manager Axel Watter führt in dieser Richtung schon Gespräche. Ich stehe auf jeden Fall Gewehr bei Fuß. Ein Hobby will ich mir dann auch noch bewahren, die Zeit dafür nehme ich mir.

SPOX: Ideal wäre doch eine Kombination. Setzen Sie mal Sebastian Vettel in einen Bob, das würde für jede Menge Aufmerksamkeit sorgen.

Langen: Gerne, jederzeit! Wir lackieren ihm einen Bob in seinen Teamfarben und dann geht es los. (lacht)

Platz zwei und drei für deutsche Vierer

Interview: Alexander Mey

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