Donnerstag, 10.11.2016

Conor McGregor vor UFC 205 vs. Eddie Alvarez

Große Fresse, viel dahinter

Kaum jemand popularisiert so wie Conor McGregor. Der Ire bringt eine nie dagewesene Aufmerksamkeit, die UFC ist abhängig wie selten zuvor. Fluch, Segen oder doch nur heiße Luft?

UFC 194. Las Vegas. MGM Grand Garden Arena. 16.516 Zuschauer haben Stunden, Tage, Wochen und Monate auf diesen einen Moment gewartet. Die Halle riecht nach Schweiß, der "Main Event of the Evening", so schmettert Bruce Buffer ins Mikro, steht an. Conor McGregor. Jose Aldo. Hier und jetzt.

13 Sekunden später ist alles vorbei. McGregor sitzt auf dem Käfig, Aldo rappelt sich auf. Der Ire ist Featherweight-Champion. 13 Sekunden hat er gebraucht, um einen Gegner zu demütigen, der jahrelang die Gewichtsklasse dominiert hatte. Sieben erfolgreiche Titelverteidigungen in der UFC, dann beendete ein Schlag von McGregor alles.

In diesem Moment ist nicht mehr viel übrig vom Iren, der sich noch vor kurzer Zeit im Octagon über "60 Gs, Baby!" gefreut hatte. Der K.o. des Tages hatte McGregor 60.000 Dollar zugesichert. "Ich hatte zuvor kein Geld, ich bekam 188 Euro die Woche Sozialhilfe", erklärt der heutige Featherweight-Champ.

Was ist geschehen? Here we go!

There is a wild brush dude outta Ireland who was kicking people's asses and doing it in spectacular fashion. He's got that thing, you know, whatever it is. [...] It's hard to figure out what that thing is but you know when people have it. - UFC Präsident Dana White

Ein pickliges Gesicht schaut in die Kamera. "Mein Name ist Conor McGregor. Ich bin ein professioneller MMA-Kämpfer", sagt der junge Mann: "Mit einem Rekord von vier und eins." Bei der Eins geht der Augenkontakt kurz verloren. McGregor ist neu in der UFC, die eine Niederlage in seiner Bilanz schmerzt.

Das Selbstbewusstsein ist jetzt da. "Ich bin die verdammte Zukunft", ruft er nach einem Sieg in die Kamera. Viele dieser soll der Ire auf seinem Weg zu UFC 194 sammeln. Selbstbewusst ist er schon bei seinem Debüt, doch die Lautstärke wird von Sieg zu Sieg höher gedreht.

McGregor setzt sich fest. Er frisst sich Sieg für Sieg tiefer hinein in seine Gegner und in die UFC. Aus dem Irish Cage of Truth in die MGM Grand Arena. Diego Brandao. Performance Of The Night. Dennis Siver. Breakthrough Fighter of the Year. "Sagt Jose, dass ich auf dem Weg bin", sagt er schon da.

You know there are two things I really like to do. Whip ass and look good. I'am doing one of them right now, Saturday night I'm gonna do the other. - Conor McGregor mit Sonnenbrille und Cap

Die UFC hat mit großer Wahrscheinlichkeit schon bessere Kämpfer gesehen als McGregor. Doch nie zuvor hat jemand das Geschehen so sehr neben das Octagon verlagert. Innerhalb ist der Ire angreifbar, außerhalb ist er ein Marionettenspieler. Jeder Satz, jedes noch so kleine Wort ist von langer Hand geplant.

Er geht seinen Kontrahenten unter die Haut. Beleidigt Familie und Freunde. Ein Meister des Trash Talks. "Ich habe keine Zweifel daran, dass meine Ahnen in den Krieg auf den schottischen Highlands gezogen sind. Reitend, eine Axt schwingend", schätzt er sich ein. Naheliegender scheint ein Stammbaum aus amerikanischen Rappern.

Die UFC um Präsident Dana White frisst ihm inzwischen aus der Hand. "Alle sagen, ich rede und rede und rede. Aber ratet was? Richtig, ich bestätige es", hat McGregor sicher auch nicht unrecht mit seiner Laustärke. "Die Division ist tot", folgerte er nach dem Sieg über Aldo und die UFC stellte ihn vor eine Probe.

Precision beats power and timing beats speed. And that is what you saw there. That is all it takes. Especially when you have my left hand. Nobody can take my left hand for sure. - McGregor nach seinem Sieg über Aldo

Nate Diaz sollte es sein. Der Kampf, den sich die Leute wünschen, so Dana. Nate Diaz. Ein Mann, dessen erste sechs Worte "Fuck! Gib mir die fucking Milch", gewesen sein müssen und der seinen Wortschatz seitdem kaum erweitert hat. Ein "Bad Motherfucker", wie ihn die Kommentatoren ankündigen werden.

Wohl nicht empfänglich für die Spielereien von McGregor. "Sicher werde ich mit dem Jungen spielen", kündigt McGregor an und scheitert. Bisweilen hat er Diaz an der Grenze. Er scherzt auf seine Kosten, verlangt, dass Diaz ihm Kaffee bringt. Als die beiden Kämpfer für ein Promo-Video bis Zehn zählen sollen, merkt McGregor an: "Nate kann nur bis fünf zählen."

Diaz bleibt nicht unbedingt ruhig, ist aber dafür im Octagon fokussiert. McGregor gibt auf. Im Welterweight, nicht im Featherweight. McGregor wollte mehr und scheiterte. "Das ist das Spiel. Manchmal siegen wir, manchmal verlieren wir. Ich weiß nur, dass ich nie vor einer Herausforderung davonlaufen werde", sagt er und gewinnt den Rückkampf denkbar knapp.

I'm dressed like El Chapo in his Prime, I'm running this company like half a wiseguy, I'm up here verbally destroying this man, I'm a multicultural individual and I'm up here doing whatever I want. - McGregor mit Sonnenbrille und Hemd.

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Die Geschichte rund um McGregor vs. Diaz II macht eines klar: Die UFC ist abhängig geworden vom Iren. McGregor verweigerte sich Pressekonferenzen vor UFC 200 und kündigte per Twitter seinen Rücktritt an. Die Organisation strich ihn von der Card für das Event und nahm damit große Einbußen hin.

McGregor eruierte seine Grenzen. Wie weit kann er gehen? Die Antwort gab UFC 200 selbst. Nachdem auch Jon Jones zurückzog, wurde Miesha Tate vs. Amanda Nunes zum Main Event. Die UFC holte den offensichtlich gedopten Brock Lesnar aus der WWE, um die Zuschauer dennoch vor die Bildschirme zu locken.

Es ist ein gefährliches Spiel, das zwischen dem Iren und seinem Arbeitgeber gespielt wird. Er ist eine Gefahr aufgrund immer größer werdender Macht. Jose Aldo, eine MMA-Legende, steht vor dem Absprung, weil die UFC ihm zum wiederholten Male nicht die Chance auf einen Rückkampf gegen McGregor gab.

I'm cool with all the gods. Gods recognize gods. I'm in a league of my own here. Not one single individual in this company is on my level. - McGregor weiß um seinen Einfluss

"Ich respektiere Jose, ich wünsche ihm alles Gute. Aber ich habe jetzt ein neues Kapitel zu schreiben", lehnte McGregor bisher ab. Die UFC kann ihn nicht zwingen, seinen Titel zu verteidigen, Aldo muss sich noch immer mit einem Interimsgürtel begnügen. Der Titelträger selbst tritt derweil die ursprünglichen Werte der MMA mit Füßen.

Großer Respekt vor seinem Gegenüber war immer ein Grundbaustein des Sports. Ein Muss in jedem Kampfsport. Ein Muss, das McGregor gebrochen hat. Er hat Grenzen übergangen, ihm scheint kaum etwas wichtiger als das Geld. "Glückwünsche Nate, du bist jetzt reich", schmetterte er Diaz entgegen als der erste Kampf vereinbart wurde.

Auf der anderen Seite steht der enorme Marktwert, den der Ire sich erschaffen hat. Er popularisiert, ist laut. Charisma ist der springende Punkt, ob gut oder schlecht. McGregor ist die Figur der UFC, wohl noch vor Ronda Rousey. Auch seiner Arbeit ist zu verdanken, dass die UFC es mit 205 in den Madison Square Garden geschafft hat.

He should have killed me when he had the chance. Cause now I'm back. And I'm gonna kill you and the whole fucking team. You and them bitch tits. - McGregor vor dem Rückkampf mit Diaz

Dank McGregor ist die UFC in den Medien wie nie zuvor. Nicht auf der vorletzten Seite, sondern auf dem Titelblatt. Nicht nur in den USA, sondern inzwischen auch weit über den Atlantik hinaus. Es mag noch immer eine Freakshow sein, aber es ist eine Freakshow, die den verdammten Madison Square Garden füllen wird.

Mit Eddie Alvarez gehen sowohl McGregor als auch die UFC somit großes Risiko. Der Lightweight-Titelträger könnte den Herausforderer untergehen lassen und die aufgebaute Legende zerstören. Die Legende vom Mann aus den irischen Ebenen, der auszog, um sein Land stolz zu machen: "Wenn einer von uns in den Krieg zieht, ziehen wir alle in den Krieg."

Die Legende vom Iren, der gegen Monster kämpfte, die nicht seiner Gewichtsklasse entsprachen und siegte. Diaz war nahe dran, Alvarez könnte es werden. "Der König ist zurück", rief McGregor nach seinem Sieg bei UFC 202. Er könnte auch ganz schnell wieder verschwinden.

Und doch treibt ihn irgendetwas an. Die Frage wird sein, wie kugelsicher Alvarez ist. So bezeichnete McGregor sich einst selbst. Kugelsicher gegen jeden verbalen Angriff. Letzte Attacken schienen Alvarez Panzer zu knacken. "Es wird ein Gürtel über die eine Schulter hängen und der andere Gürtel über die andere Schulter." Das ist der Plan. Und Pläne zieht McGregor durch.

You know what's next. A World Title is next. - McGregor vor seinem Kampf gegen Aldo

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Ben Barthmann

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Ben Barthmann(Redaktion)

Ben Barthmann, Jahrgang 1995, ist seit 2013 bei SPOX. Aufgewachsen in München studiert er nebenbei Sportmanagement, ist DFB-Lizenzinhaber und schreibt nicht nur über Fußball, sondern steht selbst als Trainer auf dem Platz. Obwohl das Augenmerk auf den Rasenplätzen dieser Welt liegt, hat er auch ein Herz für UFC, Darts, Tennis und die WWE.


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