Dienstag, 24.03.2015

Valentino Rossi im Porträt

Superheld auf zwei Rädern

Einer der beliebtesten Sportler Italiens, weltbekannter Medienstar und Rennfahrer im dritten Frühling: Valentino Rossi setzt die Uhren auf der Zielgerade seiner Karriere wieder auf null und bläst 2015 zum Angriff. SPOX blickt vor seiner Jubiläumssaison auf die Entwicklung des Italieners zurück. Mit dabei: Glückliche Fügungen, Experimente auf vier Reifen und ganz viel Extravaganz. Seine wichtigste Erkenntnis ist jedoch: Er kann's noch.

Extravagante Helm-Designs sind bei Valentino Rossi keine Seltenheit
© getty
Extravagante Helm-Designs sind bei Valentino Rossi keine Seltenheit

Valentino Rossi biegt in die letzten Kurven ein. Auf einer langen Geraden überrundet er nebenbei noch Teile der Konkurrenz - spielerisch, wie in alten Zeiten. "Das wird ja immer besser, dieses MotoGP-Märchen", plärren die Kommentatoren, die eigenen Aussagen zufolge nicht mehr sitzen können.

Ein gelbes Fahnenmeer ziert die Haupttribüne an der Rennstrecke in Misano. Die strahlende Sonne tut ihr Übriges dazu, Rossi auf seiner Yamaha YZR-M1 in Szene zu setzen. "Sicherlich wird auch der örtliche Pfarrer gleich die Glocken läuten und es richtig klingeln lassen", ist vor den Fernsehbildschirmen zu hören: "Das ist ein gelebter Traum!"

Rossi liegt geschmeidig in den Kurven. Trotz des Helms, der das Gesicht des Italieners verdeckt, ist seine Freude am Fahren deutlich erkennbar. Ein letztes Mal in die Horizontale legen, dann nur noch geradeaus: "Das ist jetzt ein ganz, ganz großer Moment! Valentino Rossi gewinnt 2014 in Misano Adriatico!", wird die Zieleinfahrt kommentiert, die Rossi per Wheelie vollendet.

Zum ersten Mal nach fünf sieglosen Jahren gewinnt Rossi wieder ein Heimrennen vor seinen Fans. Alle Kritiker werden Lügen gestraft: VR46 kann es noch immer.

Der extravagante Doktor

Der Altstar ist kein gewöhnlicher Rennfahrer, sondern nach wie vor ein riesiges Idol. Wohin er auch kommt, jeder will ein Foto mit ihm erhaschen. Rossi ist weit über die Grenzen des Motorsports hinaus bekannt, was er vor allem seiner Extravaganz und zahlreichen schauspielerischen Einlagen zu verdanken hat. Nach einem Sieg hielt er einst beispielsweise während der Ehrenrunde abrupt am Streckenrand an, um sich auf einem Dixiklo zu erleichtern. Ein Pitstop der ganz besonderen Art - so tickt der Italiener.

Immer wieder inszeniert sich "Vale" selbst, ohne dabei an Authentizität einzubüßen. Schrille Outfits, auffällige Motorrad-Designs und artistische Darbietungen sind Teil einer Show, für die Rossi nun mal steht. Fans verpassten ihm einst den Spitznamen "The Doctor", den Rossi heute selbst stolz vermarktet. In Italien bekommt man den Spitznamen "Il Dottore", wenn man etwas besonders gut kann - wie passend.

Der Yamaha-Fahrer ist einer der beliebtesten Sportler Italiens und darüber hinaus ein weltbekannter Medienstar. Auch, wenn er seinen Status als aktuell bester Fahrer im Feld an den Spanier Marc Marquez verloren hat, zieht er noch immer das größte Interesse der Öffentlichkeit auf sich.

Angebot von Ferrari

Der 36-Jährige ist ein Vollblutrennfahrer. Nicht selten experimentierte der ambitionierte Lockenkopf auch außerhalb der Rennklassen auf zwei Rädern: Ab 2004 war er wiederholt als möglicher Fahrer beim Formel-1-Team von Ferrari im Gespräch. Damals absolvierte er mehrere Testfahrten und kam dabei auf der Teststrecke bis auf 1,5 Sekunden an die Zeit von Michael Schumacher heran. Zwei Jahre später wurde bekannt, dass zwar ein Angebot von Ferrari existiert habe, Rossi dieses jedoch ablehnte.

Auch Gerüchte über einen Wechsel in die Rallye-Weltmeisterschaft machten nach einem erfolgreichen Einsatz (dritter Platz bei der Monza-Rallye) die Runde. Dabei kommt das Talent auf vier Reifen nicht von ungefähr: Vater Graziano brachte ihn einst zum Kartsport, wo er schon früh regionale Meisterschaften gewann. Weil er für sein altes Go-Kart jedoch zu groß und zu schwer wurde und ein neues nicht zu finanzieren war, beschloss der Vater, Valentino solle auf Minimoto umsteigen.

Ein Schritt, der Überzeugung benötigte, sich nach kurzer Zeit aber bereits auszahlte - eine glückliche Fügung eben: Schon 1997 gewann der damals 18-Jährige die Motorrad-WM mit einer Aprilia in der 125er-Klasse, wobei er in elf von 15 Rennen nach ganz vorne fuhr. Der folgende Aufstieg verlief rasant: 1999 Weltmeister in der 250er-Klasse, 2000 bereits Vizeweltmeister in der 500er-Königsklasse, der heutigen MotoGP.

Nur Einer ist besser

Als erster und bislang einziger Fahrer hat er seither mehr als 5000 Punkte geholt. Sieben WM-Titel, von denen der letzte aus dem Jahr 2009 datiert, hat er gesammelt. Zwar begann danach ein deutlicher Abstieg (bis 2013 nur ein Top-Drei-Platz in der Gesamtwertung), mit der Vizeweltmeisterschaft im Vorjahr hat der Italiener aber gezeigt, dass er noch lange nicht zum alten Eisen gehört. Gäbe es Supertalent Marquez nicht, wäre VR46 Weltmeister - und wohl immer noch der beste Fahrer im Feld.

2015, steht Rossi vor seiner mittlerweile 20. Saison. Mit seiner neuen Yamaha M1 ist er recht zufrieden. "Das Motorrad ist nicht viel anders als das letztjährige Modell. Es ist aber in allen Bereichen etwas später. Aus Sicht des Fahrers ist es einfacher zu bewegen, die Bremsperformance ist besser, der Motor ist geschmeidiger und wir brauchen weniger Benzin", so Rossi über sein neues Gefährt.

Den quasi schon unbezwingbaren Doppel-Weltmeister Marquez, der mit 22 Jahren in punkto Dominanz bereits in Rossis Fußstapfen tritt, gilt es also zu schlagen. In den beiden vergangenen Jahren stand der Spanier jeweils an der Spitze, zuvor wurde er bereits zweimal Weltmeister in der Moto2.

Dieses Unterfangen hält Rossis neuer Crew-Chief Silvano Galbusera nicht für unmöglich: "Ich bin positiv eingestellt, denn wenn ein Fahrer schnell fährt, ​bekommt er das Gefühl, dass er sich weiter verbessern kann. Und so denkt auch Valentino. Ich bin überzeugt, dass er noch besser abschneiden kann als 2014", so Galbusera gegenüber Speedweek.com.

Die Rückkehr des Glaubens

Der Sieg in Misano im September des letzten Jahres war viel mehr als nur ein Ausrufezeichen des mittlerweile 36-jährigen Altstars. Es war ein Geschenk - für ihn selbst noch viel mehr als für die zehntausenden Fans in seiner Heimat. Denn in Vale ist ein neues Feuer entfacht, das ihm einen Monat später auch zum zweiten Saisonsieg in Australien verhalf.

Nachdem ihn viele schon über dem Zenit sahen - auch er selbst hatte sich kaum mehr Siegchancen gegen Marquez und seinen Teamkollegen Jorge Lorenzo ausgerechnet -, hat Rossi wieder so richtig Laune gefunden. Er ist erpicht darauf, sich ständig zu steigern, was ihm gerade nach seiner schlechtesten Saison 2011 (Platz sieben in der Gesamtwertung der MotoGP) in den letzten Jahren wieder deutlich bessere Ergebnisse einbrachte.

Die Marschroute ist 2015 also klar: Nach dem Vizeplatz im Vorjahr soll der achte Weltmeistertitel in der Königsklasse her: "Um eine Chance auf den Gesamtsieg zu haben, muss ich einen weiteren Schritt nach vorne machen. Ich muss mehr Rennen gewinnen und versuchen, ständig auf dem Level von Marc und Jorge zu sein", sagt Rossi, der sein Selbstbewusstsein zurück hat: "Alle sind deshalb schon sehr gespannt. Hoffentlich sind wir von Beginn an nahe an der Spitze." An ihm selbst soll es nicht scheitern: "Ich fühle mich in guter Form und bereit für den Test."

Respekt vor dem Superheld

Auch wenn The Doctor bereits auf die Zielgerade seiner Karriere einbiegt, so hat er gegenüber dem Rest des Feldes einen entscheidenden Vorteil: Respekt. Den hat im Fahrerlager jeder vor dem Italiener. In brenzligen Situationen, in denen es darum geht, großem Druck standzuhalten, macht ihm keiner was vor. Rossi umgibt nach wie vor eine Aura - die des vielleicht größten Motorradfahrers aller Zeiten.

Mit Rückschlägen hat er gelernt umzugehen. Als er 2010 seine Ausnahmestellung im Werksteam von Yamaha an seinen Jorge Lorenzo zu verlieren drohte, wechselte er zu Ducati. Diesem erfolglosen Gastspiel folgte die stetige Rückkehr zur Topform, wieder bei Yamaha. Rossi ist für sein einzigartiges Talent bekannt, wenn es darum geht, ein Motorrad auf seine Bedürfnisse hin zu entwickeln und abzustimmen. Das sollte ihm auch dieses Jahr gelingen - mit all der Lockerheit, die im Alter zusätzlich noch dazu kommt.

In den sozialen Medien outet sich die Frohnatur regelmäßig als großer Superhelden-Fan: Für einen Werbedreh durfte er mal ans Steuer eines Nachbaus des Batmobils, seine Anhänger tauften ihn zudem "Valentinik", in Anspielung an Disney-Comic-Held Phantomias, auf italienisch "Paperinik". An Halloween twitterte er zudem ein Bild von sich im Privatauto, auf dem Beifahrersitz: Spiderman.

Nur auf der Rennstrecke ist die Rollenverteilung eine andere: Dort sind seine Kontrahenten immer noch Fans von ihm - dem Superhelden auf zwei Rädern.

Die MotoGP-Saison 2015

Benedikt Treuer

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