Sofoklis "Baby Shaq" Schortsanitis im Interview

"Es gibt immer Leute, die einen hassen"

Von Interview: Haruka Gruber
Mittwoch, 17.10.2012 | 20:53 Uhr
Baby Shaq Schortsanitis: Die Center-Urgewalt von Panathinaikos
© Imago
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Der Koloss mit der Eleganz einer Ballerina: "Baby Shaq" Schortsanitis ist das Faszinosum der Euroleague. Der 27-jährige Center, zum Auftakt bei Real Madrid mit 23 Punkten bei perfekter Wurfquote (9/9) in nur 19 Minuten der überragende Spieler bei Panathinaikos, über seine sensible Ader, die Kindheit und die Tortur in der NBA.

SPOX: Es war ein seltsamer Anblick beim Euroleague-Auftakt bei Real Madrid: Sofoklis Schortsanitis, der langjährige Star von Olympiakos Piräus, im grünen Trikot des verhassten Erzrivalen Panathinaikos Athen. Warum sind Sie von Maccabi Tel Aviv nicht zu einem anderen Klub gewechselt? Ihnen sollen Angebote von Caja Laboral und Galatasaray vorgelegen haben.

Sofoklis Schortsanitis: Weil Panathinaikos die perfekte Wahl ist. Ich wollte unbedingt nach Athen zurück, um näher bei meiner Familie zu sein. Zumal sportlich alles für Pana spricht: Es bedeutet mir sehr viel, zukünftig mit Persönlichkeiten wie Dimitrios Diamantidis und Kostas Tsartsaris trainieren zu dürfen.

SPOX: Interessiert es Sie gar nicht, dass Sie die Olympiakos-Fans mit dem Wechsel provozieren?

Schortsanitis: Einige von den Olympiakos-Fans werden sauer auf mich sein, aber ich finde es nicht so wichtig. Es ist wirklich nicht von Bedeutung. Es wird immer Leute geben, die einen lieben oder einen hassen. So ist die Natur des Menschen, vor allem im Sport.

SPOX: Nach Ihrer Unterschrift bei Pana gaben die Los Angeles Clippers bekannt, dass die NBA-Rechte an Ihnen ab sofort den Atlanta Hawks gehören. Wäre eine Zukunft in Atlanta denkbar gewesen?

Schortsanitis: Überhaupt nicht. Wenn ich ehrlich sein soll, wusste ich rein gar nichts von dem Geschäft. Ich bekam erst im Internet etwas davon mit. So läuft eben das Business.

SPOX: Haben Sie mit der NBA abgeschlossen?

Schortsanitis: Es ist nichts, womit ich mich beschäftigen würde. Erst wenn irgendwann die richtige Zeit gekommen ist und mir ein Angebot vorliegt, bin ich bereit, darüber nachzudenken. Stand jetzt interessiert mich die NBA überhaupt nicht. Mich interessiert nur Pana und ein möglichst erfolgreiches Abschneiden in der Euroleague.

SPOX: Wegen Ihrer einzigartigen Kombination aus Kraft, Masse und Schnelligkeit wurden Sie von den Clippers 2003 an Nummer 34 gedraftet, obwohl Sie damals nur einige Tage zuvor den 18. Geburtstag gefeiert hatten. Woran erinnern Sie sich?

Schortsanitis: Es war insgesamt eine unvergessliche Zeit. Ich verbrachte einen ganzen Monat in den USA, nahm an 15 Workouts teil, traf Pat Riley und Phil Jackson, trainierte mit Dwyane Wade und Chris Kaman - und das alles mit meinen 18 Jahren! An die Draft-Nacht an sich erinnere ich mich natürlich gut, wobei ich damals enttäuscht war, weil ich nicht in der ersten Runde gezogen wurde. Allerdings ist das längst abgehakt.

SPOX: Sie absolvierten damals 15 Workouts in 13 verschiedenen Städten - und das innerhalb eines Monats. Wie verkraftet ein Teenager derlei Strapazen?

Schortsanitis: Es war einzigartig - und es war unfassbar anstrengend. Ich war in meinem Leben nie wieder so kaputt wie damals. Ein normaler Tag sah so aus: Wenn ich Glück hatte, stand immer so um 14, 15 Uhr eine Trainingseinheit an, manchmal waren es auch zwei. Danach wurde ich vom Team bei einem Bewerbungsgespräch interviewt, dann durfte ich schnell was essen und musste mich beeilen, um zum Flughafen zu kommen, damit ich den Flug in die nächste Stadt erwische, wo ich irgendwann spät nachts gelandet bin. So ging das Tag ein, Tag aus. In dem Monat hatte ich insgesamt nur zwei oder drei Tage frei. Das Problem: Als ich nach Europa zurückkam, musste ich direkt an der U-19-WM teilnehmen. Ich war so fertig, dass mir nach dem letzten Spiel für Griechenland eine vierwöchige Komplettpause verordnet wurde, weil sich meine Blutwerte so verschlechtert hatten.

SPOX: Nachdem Sie mit 15 Jahren erstmals "Baby Shaq" gerufen wurden, entstand eine Hysterie um Sie. Wie oft haben Sie den Spitznamen "Baby Shaq" verflucht?

Schortsanitis: Niemals. Mein damaliger Mitspieler Tony Farmer gab mir den Spitznamen und bereits damals konnte ich nichts Schlechtes daran finden, mit einer Legende verglichen zu werden.

SPOX: 2009 traten Sie Olympiakos bei einem Freundschaftsspiel bei den Cleveland Cavaliers an. Ihr Gegenspieler: Shaquille O'Neal. Hatten Sie Gelegenheit, sich zu unterhalten?

Schortsanitis: Ich war ein bisschen nervös vor dem Tipoff. Aber Shaq kam beim Aufwärmen direkt rüber und sprach so nett und freundlich mit mir, dass ich mich gleich entspannen konnte. Während des Spiels bekam ich von ihm eine Lektion, wie man als Center aufpostet und wie man im Low Post am cleversten die beste Position einnimmt. Er ist einfach eine Legende.

SPOX: Ist Shaq Ihr Vorbild?

Schortsanitis: Nein, ich habe immer Tim Duncan bewundert, obwohl unsere Spielstile sich nicht wirklich ähneln.

SPOX: Zumindest ähneln Sie mehr Duncan als Shaq, was Ihre zurückhaltende Art betrifft. Stimmt jedoch der Eindruck, dass Sie seit Ihrem Wechsel von Olympiakos zu Tel Aviv etwas lockerer sind?

Schortsanitis: Definitiv. In meinen zwei Jahren bei Maccabi bin ich als Spieler und als Mensch enorm gereift. Dennoch werde ich immer schüchtern sein. Ich bin einfach kein offener Typ. Zum Beispiel gehe ich abends so gut wie nie weg.

SPOX: Wissen Sie, woher die Schüchternheit kommt?

Schortsanitis: Es ist wohl eine Abwehrreaktion. Seit ich 16 bin, wird in Griechenland sehr auf mich geachtet, was mich damals schon nicht glücklich gemacht hat und womit ich nie zurechtkommen werde.

SPOX: Sie sind durch viele Täler gegangen, hatten zwischenzeitlich ein Gewicht von über 170 Kilo - und wurden zuletzt 2011 in Ihrer Heimat stark kritisiert. Sie sagten die EM-Teilnahme wegen Ihrer Ehefrau ab. Was waren die Hintergründe?

Schortsanitis: Ich verdanke meiner Frau Irini mein gesamtes Leben und meine Profi-Karriere. Ich verdanke ihr alles. Wenn sie nicht für mich da gewesen wäre, würde ich heute wohl nicht mehr Basketball spielen. Als während ihrer Schwangerschaft Komplikationen auftraten, gab es nichts anderes für mich als den Wunsch, an der Seite meiner Frau zu sein. Die EM-Absage war das Mindeste, was ich machen konnte, um meine Liebe und meine Dankbarkeit zu zeigen. Dass ich deswegen kritisiert wurde, hat mich enttäuscht, aber es änderte nichts an meinem Willen, alles hinter mir zu lassen und mein Leben meiner Frau zu widmen.

SPOX: Es heißt, dass Sie seit Ihrer Kindheit eine ambivalente Einstellung zum Basketball haben würden. Als Kind sollen Sie es sogar gehasst haben, Basketball zu spielen. Stimmt das?

Schortsanitis: Nein, das ist übertrieben, ich habe Basketball nie gehasst. Es war nur so, dass ich nicht besonders gerne ins Training gegangen bin und mein erster Jugendtrainer jeden Tag zu mir kommen musste, um mich abzuholen.

SPOX: Sie besitzen wegen Ihres Vaters einen urgriechischen Namen und sind zugleich wegen Ihrer kamerunischen Mutter dunkelhäutig. Wie verlief Ihre Kindheit?

Schortsanitis: Ich hatte dank meiner Eltern eine schöne Kindheit, obwohl es vor 20 Jahren sehr ungewöhnlich war, dass ein schwarzer Junge in Griechenland aufwächst. Vielleicht hatten die anderen Kinder einfach Angst, mich zu hänseln, weil ich so groß war. (lacht)

SPOX: Fühlen Sie das Afrikanische in Ihnen?

Schortsanitis: Als meine Eltern aus Kamerun nach Griechenland umzogen, war ich erst ein Jahr alt. Seitdem war ich noch einmal als Achtjähriger wieder dort. Entsprechend habe ich nur sehr vage Erinnerungen an Afrika. Trotzdem spüre ich in mir das afrikanische Gen.

SPOX: Seit dem Februar sind Sie selbst Vater. Was hat sich dadurch verändert?

Schortsanitis: Alles, wirklich alles. Jeder hat mir davor erzählt, wie sehr sich das Leben mit einem Baby verändert, aber ich musste erst meinen Sohn in meinen Händen halten, um das wirklich zu verstehen. Dieses Gefühl, das erste Mal das eigene Kind zu berühren, ist unbeschreiblich. Es war, als ob auch für mich ein neues Leben beginnt. Ich bin seitdem so viel erwachsener geworden, weil ich jetzt einen Sinn in meinem Leben sehe.

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