Handball-EM - Kai Häfner im Interview: "Dieses Titel-Gefühl hat mich süchtig gemacht"

Samstag, 13.01.2018 | 10:19 Uhr
Kai Häfner war 2016 einer der Garanten für den Titelgewinn in Polen
© getty
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Mit der Partie gegen Montenegro (17.15 Uhr im LIVETICKER) beginnt für Deutschland die Mission Titelverteidigung bei der EM in Kroatien. Kai Häfner spricht im Interview mit SPOX über seine Erinnerungen an den Coup von Polen, die Chancen in Kroatien und Bundestrainer Christian Prokop.

SPOX: Herr Häfner, bei der EM 2016 saßen Sie zunächst zu Hause auf dem Sofa. Dann wurden Sie nachnominiert, spielten drei Mal groß auf, waren im Finale bester deutscher Werfer - und wurden wenige Tage später in Ihrer Heimatstadt Schwäbisch Gmünd als EM-Held empfangen und gefeiert. Welche Gedanken haben Sie an diesen Moment?

Kai Häfner: Das ging damals alles so schnell und war deshalb geradezu surreal. Ich habe damals einfach versucht, alles zu genießen. Es hat eine ganze Zeit lang gedauert, um wirklich zu realisieren, was da in Polen passiert ist. Was meine Heimatstadt für mich organisiert hatte, dieser Empfang auf dem Rathausbalkon, der Eintrag ins Goldene Buch der Stadt, das war atemberaubend. Plötzlich stehst du da, siehst viele bekannte Gesichter, die mit dir feiern, die Familie, die Frau - das bleibt wohl für immer ein unvergesslicher Moment für mich.

SPOX: Stimmt es eigentlich, dass Ihre Medaillen, also die von der EM und von den Olympischen Spielen in Rio, in der Heimat bei den Eltern im Wohnzimmer hängen?

Häfner: Das war mal so. Mittlerweile hängen die Medaillen aber bei mir in Hannover und haben ihren wohlverdienten Platz.

SPOX: Es gibt nach großen Erfolgen immer zwei Möglichkeiten. Entweder es stellt sich ein gewisses Sättigkeitsgefühl ein, oder man will mehr. Wie ist das bei Ihnen?

Häfner: Bei mir ist es zu 100 Prozent die zweite Variante. Wenn man so etwas wie bei der EM in Polen einmal erlebt hat, dann will man das immer wieder erleben. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, einen Titel - und dann auch noch mit der Nationalmannschaft - zu holen. Dieses Titel-Gefühl hat mich ein bisschen süchtig gemacht, würde ich sagen. Mir ist aber auch klar, dass es sehr schwierig wird, das noch einmal zu wiederholen.

SPOX: Nicht nur für das DHB-Team insgesamt, sondern auch für Sie persönlich steigt die EM in Kroatien unter anderen Voraussetzungen als noch 2016. Es wird mittlerweile von Ihnen erwartet, ein Leistungsträger zu sein. Wie viel konnten Sie dafür bei der TSV Hannover-Burgdorf mitnehmen, wo Sie unter Coach Antonio Carlos Ortega und Co-Trainer Iker Romero mit großen Persönlichkeiten des Handballs zusammenarbeiten?

Häfner: Sehr viel! Ich bin unter ihnen noch einmal einen Schritt vorangekommen. Wir stehen mit Hannover ja derzeit auf Platz drei in der Bundesliga, was für uns ein tolles Zwischenergebnis ist. Diese Erfolge und die Impulse durch unseren neuen spanischen Trainer Carlos Ortega geben einem schon extremen Rückenwind.

SPOX: Wie angesprochen sind Sie mittlerweile eine Art Führungsspieler. Ist die Hierarchie im DHB-Team denn tatsächlich so flach wie man immer wieder hört?

Häfner: Natürlich haben auch wir eine Hierarchie in der Mannschaft. 2016 hat es und gut getan, eine flache Hierarchie zu haben. Nichtsdestotrotz gibt es Spieler, die wenn es darauf ankommt, das Sagen haben und das Heft in die Hand nehmen. Es fehlt uns jedenfalls nicht an Führungsspielern.

SPOX: Wer sind diese Führungsspieler?

Häfner: Allen voran Uwe Gensheimer. Er ist unser Leader, unser Kapitän, eine absolute Größe - und für mich der beste Linksaußen der Welt. Trotzdem darf und soll jeder sagen, was er denkt. Jeder ist gefragt, sich einzubringen und Dinge anzusprechen, die ihm auffallen.

SPOX: Ist eine klare Hierarchie, wie sie manchmal gefordert wird, nicht mehr zeitgemäß?

Häfner: Das weiß ich nicht. Fakt ist, dass man so eine klare Hierarchie einer Mannschaft nicht aufdrücken kann. So etwas findet sich innerhalb einer Mannschaft automatisch, gerade auch während eines Turniers entwickelt sich das. Es wäre meiner Meinung nach völliger Quatsch, jemanden zum Anführer zu bestimmen.

SPOX: Lassen Sie uns über die anstehende EM sprechen. Wie groß ist die Chance, den Titel in Kroatien zu verteidigen?

Häfner: Wir gehören auf jeden Fall zu den Favoriten und müssen uns vor niemandem verstecken. Wir sind einfach eine mega-ausgeglichene Mannschaft, das macht uns schwer ausrechenbar. Um den ganz großen Coup zu landen, muss aber alles passen, da gehört auch ein bisschen Glück dazu. Ich will jetzt nicht von der Titelverteidigung sprechen. Erstmal ist das Ziel das Halbfinale, dann sehen wir weiter.

SPOX: Ganz entscheidend wird es sein, die Vorrunde zu überstehen, ohne dabei Punkte liegen zu lassen. Das DHB-Team muss sich bei den Spielen gegen Montenegro, Slowenien und Mazedonien drei Mal auf einen Hexenkessel in Zagreb einstellen, oder?

Häfner: Davon gehe ich aus. Wir sind uns bewusst, dass es sehr intensive, hart umkämpfte Spiele werden. Die Halle wird in allen drei Partien gegen uns sein, da müssen wir uns auch mental drauf vorbereiten. Angst haben wir aber sicher nicht - im Gegenteil: Es ist ein schönes Gefühl, wenn man die Halle durch eine starke Leistung ruhigstellen kann. Genau das muss unser Ziel sein, um dann möglichst mit vier Punkten auf dem Konto in die Hauptrunde zu gehen.

SPOX: Derzeit wird häufig über die fehlende Erfahrung von Bundestrainer Christian Prokop gesprochen. Ist das auch in der Mannschaft ein Thema?

Häfner: Überhaupt nicht. Darüber machen wir uns keinerlei Gedanken. Der Bundestrainer kompensiert diese fehlende Erfahrung nämlich mit 100 anderen Sachen.

SPOX: Die da wären?

Häfner: Christian Prokop bringt noch mehr Einsatz, zeigt noch mehr Engagement in jeder Minute, die er sich mit unserer Mannschaft und den Gegnern beschäftigt. Außerdem gibt es noch mehr Videostudium und noch mehr Analysen. Ich finde das gut, wir werden hervorragend vorbereitet sein.

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