Erik Schmidt im Interview

"Nicht in Krakau, um Vierter zu werden"

Donnerstag, 28.01.2016 | 23:46 Uhr
Erik Schmidt und das DHB-Team kämpfen gegen Norwegen um den Einzug ins Finale
© getty
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Für das DHB-Team steht bei der EM in Polen das Halbfinale gegen Norwegen an (ab 18.30 Uhr im LIVETICKER). Kreisläufer Erik Schmidt von der TSV Hannover-Burgdorf spricht über den höchst spektakulären Abend nach der Sensation gegen Dänemark, die Glückwünsche von Dirk Nowitzki & Co., den niemals planlosen Bundestrainer Dagur Sigurdsson und den Traum vom großen Coup.

SPOX: Herr Schmidt, können Sie uns mit etwas Abstand nochmal erklären, was zum Teufel am Mittwoch in der Breslauer Jahrhunderthalle passiert ist?

Erik Schmidt: Ja, was soll ich sagen? Ich bin immer noch überglücklich, es war ein riesiges Spiel. Es war, wie ich finde, ein verdienter Sieg, weil wir über das ganze Spiel hinweg dran geblieben sind und immer an uns geglaubt haben. Wir stehen im Halbfinale! Das ist eine unglaubliche Belohnung für uns. So kann es von mir aus gerne weitergehen.

SPOX: Viele der sogenannten Experten haben nicht daran geglaubt, viele der Fans auch nicht. Wie kam es, dass die Mannschaft - wie Sie es schon erwähnt haben - tatsächlich immer an sich geglaubt hat?

Schmidt: Dieser Optimismus in der Mannschaft hat sich über das ganze Turnier hinweg aufgebaut. Das begann schon im ersten Spiel gegen Spanien, als wir einen Favoriten knapp an einer Niederlage hatten. Dann kamen Schweden, Slowenien, Ungarn und Russland - wir haben gegen alle gewonnen. Dabei mussten wir auch schwierige Situationen überstehen. Wir haben uns in diesen Momenten selbst bewiesen, dass wir, auch wenn es mal nicht so läuft oder wir einen harten Gegner vor der Brust haben, die Situation meistern können. Das hat uns auch gegen Dänemark geholfen, wir haben es wieder geschafft.

SPOX: Die Freude kannte danach kaum Grenzen. Verraten Sie doch bitte mal, wie die Mannschaft den Abend verbracht hat.

Schmidt: Ohhhhh. Das war höchst spektakulär. (lacht)

SPOX: Inwiefern?

Schmidt: Wir waren alle zusammen beim Abendessen. Dann sind wir hoch auf unsere Zimmer, haben noch ein bisschen Handball geschaut - und sind eingeschlafen. (lacht)

SPOX: Ihr verrückten Hunde! Im Gegensatz zur Mannschaft haben viele Menschen in Deutschland oder die Fans vor Ort gefeiert. Zahlreiche Prominente - darunter beispielsweise Dirk Nowitzki - haben das DHB-Team gefeiert und mitgeteilt, wie sehr sie mit dieser Truppe mitfiebern. Wie nehmt Ihr das wahr?

Schmidt: Man liest das und man freut sich darüber. Das ist ein schöner Bonus für uns, es bringt uns eine Menge, wenn so viele Leute die Daumen drücken. Es tut dem gesamten deutschen Handball gut, dass wir so eine große Aufmerksamkeit haben. Das ist natürlich auch dadurch bedingt, dass die Europameisterschaft im öffentlich rechtlichen Fernsehen läuft und deshalb eine viel größere Reichweite hat.

SPOX: Wie groß ist der Anteil von Bundestrainer Dagur Sigurdsson am derzeitigen Hype?

Schmidt: Er leistet hier einen riesigen Beitrag für den deutschen Handball. Das hat man im vergangenen Jahr in Katar schon gesehen, das sieht man in diesem Jahr vielleicht noch einen Ticken mehr. Denkt nur an die Umstände, an die riesige Verletztenliste. Wenn man sich diese fehlende Mannschaft einmal aufmalt, muss man sagen, dass diese Mannschaft eher die wäre, die man hier auf dem Feld sehen würde, als die jetzige. Er hat immer noch eine weitere taktische Raffinesse parat, hat immer einen Plan. Auch dann, wenn mal irgendetwas schief geht. Wenn zwei Schlüsselspieler ausfallen, haben wir zwei Tage später einen realistischen Plan, mit dem wir Dänemark schlagen können. Für mich ist das bewundernswert.

SPOX: Wie fällt Ihr persönliches EM-Zwischenfazit aus?

Schmidt: Ich denke, dass wir als Mannschaft ein gutes Turnier spielen und ich mich da einfach einreihe. Ich bin mit dem, was ich bislang geleistet habe, zufrieden. Klar will man immer noch einen Tick mehr, immer noch ein bisschen besser spielen. Das ist auch gut so. So bleibt die Motivation erhalten, es im nächsten Spiel noch besser zu machen.

SPOX: Jetzt wartet im Halbfinale in Krakau Norwegen, das eine dem deutschen Team sehr ähnliche Erfolgsgeschichte geschrieben hat. Was erwartet Euch in dieser Partie?

Schmidt: Norwegen ist eine kleine Unbekannte. Es ist nicht Frankreich, nicht Polen und nicht Dänemark, wo man erstmal weiß, woran man ist. Norwegen hat aber seine Spiele gegen Polen und Frankreich gewonnen. Das sagt schon eine Menge über die Qualität dieser Mannschaft aus. Es wird unser schwierigstes Spiel bis jetzt - und hoffentlich unser schönstes. Das nehmen wir gerne an.

SPOX: Das schwierigste Spiel deshalb, weil Deutschland im Gegensatz zu mancher bisherigen Partie, wenn man die Kader einmal genau vergleicht, sogar leicht favorisiert ist?

Schmidt: Ist das so?

SPOX: Wenn man sich anschaut, bei welchen Vereinen die meisten norwegischen Spieler unter Vertrag stehen und das mit dem DHB-Team vergleicht, kann man diesen Eindruck schon gewinnen.

Schmidt: Ich sehe das ein bisschen anders. Richtig ist, dass es eine andere Situation ist, als es gegen Dänemark der Fall war. Die Dänen waren vom Kader her favorisiert, mit Norwegen sind wir gleichwertig.

SPOX: Die Norweger haben sich vor dem Turnier selbst so eingeschätzt, dass sie schon froh wären, wenn sie es überhaupt in die Hauptrunde schaffen würden.

Schmidt: Ja, okay. Aber wir reden hier vom Halbfinale. Und im Halbfinale stehen die zum jetzigen Zeitpunkt vier besten Mannschaften Europas. Da wäre es meiner Meinung nach vermessen, irgendjemanden als Favoriten auszumachen.

SPOX: Einverstanden. Ihr seid bisher gut damit gefahren, nur Schritt für Schritt zu denken. Gibt es nicht trotzdem jetzt auch den Gedanken daran, den EM-Titel zu gewinnen?

Schmidt: Klar, den Gedanken gibt es. Wir sind nicht in Krakau, um Vierter zu werden, etwas abzuschenken und dann nach Hause zu fahren. Natürlich ist es unser Ziel, Norwegen zu schlagen und anschließend das nächste Spiel zu gewinnen.

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