Fussball

HSV startet in die erste Zweitliga-Saison der Vereinsgeschichte: Den Abstieg geschafft

Trainer Christian Titz bereitet den HSV zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte auf eine Saison in der 2. Liga vor.
© getty

Der Hamburger SV bestreitet am Freitag (20.30 Uhr im LIVETICKER) sein erstes Spiel in der 2. Liga. Gegen Holstein Kiel soll der Grundstein für den sofortigen Wiederaufstieg gelegt werden. Ebenso ungewohnt wie die Aufgabe ist auch die Stimmung im Verein.

Grabgestecke bekommt man für rund 15 Euro. Die kleinen. Für große Kränze muss man je nach Gusto schon mal 200 Euro hinblättern. Eine teure Häme, die sich ein HSV-Fan am vorerst letzten Bundesliga-Spieltag seines Vereins gönnte. Auf den Grabkranz im Innenraum des Volksparkstadions folgten bekanntlich Feuerwerkskörper. Viele Feuerwerkskörper.

Sie illustrierten den Niedergang des HSV auf eine malerische, tragisch schöne Art und Weise. Für den Moment. Nüchtern betrachtet sah so der bisherige Tiefpunkt der HSV-Historie aus.

Rund 83 Tage später ist davon nichts mehr zu spüren. Und das, obwohl der HSV um 20.30 Uhr tatsächlich erstmals Zweitligaboden betritt - im eigenen Stadion. In dem Stadion, an dessen Tribüne die berühmteste Uhr Fußball-Deutschlands hängt.

HSV-Teammanager Ahlert: "Nehme den Klub als sehr konzentriert wahr"

Die Stadionuhr des HSV wird vom Abstieg an jenem 12. Mai um 17.37 Uhr weitere 7.181.580 Sekunden bis zum Anstoß am Freitag gezählt haben. Nur die Zahl ist deutlich höher als noch im Mai. Der HSV hat die Uhr umgestellt. Sie zeigt nun die vergangene Zeit seit der Vereinsgründung im Jahr 1887 an.

Futsch ist der Titel "Bundesliga-Dino". Mit ihm verschwand jedoch auch der Druck, diesen Spitznamen aufrecht zu erhalten. An der Alster hat die Leichtigkeit wieder Einzug erhalten. Eine bestimmte Leichtigkeit. "Ich nehme den Klub als sehr konzentriert wahr, aber im positiven Sinn", sagte HSV-Teammanager Jürgen Ahlert im Gespräch mit SPOX.

Der gebürtige Hamburger bekleidet sein Amt seit 2005. Seine Karriere bei den Hanseaten begann jedoch bereits 1994 als Busfahrer. Seit 34 Jahren verkörpert er den Leitspruch "Nur der HSV".

HSV ohne Skepsis, aber mit Respekt

Zum ersten Mal seit vielen Jahren blickt er der anstehenden Spielzeit sehr entspannt entgegen. Zurecht. "Für mich stellt es sich so dar, dass hier alle Bereiche gut zusammenarbeiten: die Spieler, die Trainer, der Staff. Alle ziehen an einem Strang", erklärte er ganz ruhig.

Die Voraussetzungen vor dem Saisonstart seien in diesem Jahr gänzlich andere. Zuvor sei "die allgemeine Stimmung eine Mischung aus Hoffnung und einer gewissen Skepsis" gewesen. Der Geist der vergangenen Saison spukte nicht selten am HSV-Trainingsgelände. Die Rothosen waren schon häufig hoffnungsvoll in eine Spielzeit gestartet und letztlich abgestürzt. Diese Skepsis sei nun weg, meint Ahlert.

Er betonte jedoch: "Alle haben natürlich das Ziel, eine erfolgreiche Saison zu spielen. Alle eint aber auch der Respekt vor der Schwere der Aufgabe, dessen sind sich alle bewusst."

HSV mit neuer Mannschaft und finanzieller Ausrichtung

Trainer Christian Titz sagte am Donnerstag auf der Pressekonferenz vor dem Duell mit Holstein Kiel, seine Mannschaft sei gewappnet für die neue Aufgabe. Der Grund dafür ist die gute Arbeit, die der HSV im Sommer leistete. Die neue Klubführung kehrte die Scherben zusammen und stellte gemeinsam mit Titz einen Kader zusammen, der womöglich auch in der Bundesliga wettbewerbsfähig wäre.

Der HSV stellte sich neu auf. Spieler gingen, das war zu erwarten. Neue, junge Talente kamen. Die Hamburger stellen den jüngsten Kader der Liga. Dennoch blieben wichtige Stützen wie Lewis Holtby oder Aaron Hunt. "Ich persönlich habe nicht damit gerechnet, war aber auch nicht völlig überrascht. Es war auf jeden Fall ein starkes Zeichen, das nicht selbstverständlich ist", sagte Ahlert zum Verbleib der beiden.

"Die Fans sind im Moment mit dem, was beim HSV aktuell passiert, glücklich und zufrieden", meint Ahlert. Dazu gehört sicherlich auch die finanzielle Neuausrichtung. Mit kühlem Kopf adaptierte sich der HSV schnell an die neue Situation. Von den fünf Neuzugängen kamen vier zum Nulltarif. Einzig Khaled Narey, der eine hervorragende Vorbereitung spielte, kostete den HSV 1,7 Mio. Euro.

HSV: Die Neuzugänge der Saison 2018/19

SpielerAlterPositionAbgebender VereinAblöse
Khaled Narey23LA, RA, RVGreuther Fürth1,7 Mio. Euro
Christoph Moritz28ZDM1. FC Kaiserslauternablösefrei
Jairo Samperio24LAUD Las Palmasablösefrei
Manuel Wintzheimer19STFC Bayern München IIablösefrei
David Bates21IVGlasgow Rangersablösefrei

Hinzu kommt die Lossagung von Investor Klaus-Michael Kühne, dessen Ruf bei den HSV-Fans ohnehin längst zerstört war. Nach acht Jahren ungeliebter Abhängigkeit gehen der Unruhestifter und der HSV getrennte Wege. "Wir haben viele neue Unterstützer. Das ist großartig. Einerseits ist das aus wirtschaftlicher Sicht toll. Andererseits ist es ein starkes Zeichen nach außen, dass diese große HSV-Familie ständig wächst", sagte Ahlert.

HSV verspürt Aufbruchstimmung vor Saisonstart

Der HSV und sein Umfeld scheinen näher zusammenzurücken. Der Klub wirkt endlich stabil. Schluss mit mieser Stimmung. Von einer geteilten Mannschaft, wie sie Andre Hahn erlebt haben will, ist nichts mehr zu spüren.

Ahlert teilt Hahns Eindrücke nicht: "Natürlich gibt es in einem Team Spielergruppen, die sich besser verstehen. Wenn eine Mannschaft unter einer derartigen Anspannung steht und mitten im Abstiegskampf steckt, dazu zwei Trainerwechsel binnen einer Saison mitmacht, tritt sowas vielleicht nochmal stärker zu Tage. Das ist eine spezielle Situation, die wir jetzt aber nicht mehr haben." Der Zusammenhalt sei definitiv da. Titz attestierte seinem Kader eine "sehr hohe soziale Kompetenz".

Es scheint fast so, als habe der HSV den Abstieg geschafft, um nun einen echten Neuanfang zu ermöglichen. "Man wird sehen, was der Abstieg bringt. Am Ende sind das reine Spekulationen", sagte Ahlert. Für ihn zählt nur: "Jetzt ist die Situation eingetreten und darauf gilt es sich zu konzentrieren."

Der HSV und seine Fans haben den Abstieg angenommen. Hamburg hat Bock auf eine starke Zweitliga-Saison. "Wir hatten in der jüngsten Vergangenheit häufig Phasen, in denen wir viele Spiele verloren haben, trotzdem haben die Fans uns immer unterstützt, standen immer hinter uns. Das tun sie jetzt auch, nur vom Gefühl her mit noch mehr Freude und Überzeugung", stellt Ahlert fest, "trotz des Abstiegs spüren wir hier eine Aufbruchstimmung". Kein Frust. Keine Trübsal. Kein Grabkranz.

Werbung
Werbung
Werbung
Werbung