Fussball

WM 2018: Hooligan-Experte im Interview: "Auch Hooligans sollten Grundrechte besitzen"

Von Jonas Rütten
Russische Hooligans gelten als die härtesten in der Szene.
© getty

Die WM 2018 ist entgegen anderweitiger Erwartungen kein "Festival der Gewalt" der internationalen Hooligan-Szene geworden. Die Gründe dafür sind vielschichtig und politisch diskutabel, wie Hooligan-Experte Robert Claus von der "Kompetenzgruppe Fankulturen und Sport bezogene soziale Arbeit" im Interview erklärt.

Darüber hinaus spricht er über schwule Hooligans, die Zeit nach der WM und Veränderungen in der deutschen Hooligan-Szene.

SPOX: Herr Claus, im Vorfeld der WM waren die Befürchtungen groß, dass es zu ähnlichen Hooligan-Ausschreitungen kommen könnte wie bei der EM 2016 in Frankreich. Nun schien das Gegenteil der Fall. Überrascht Sie das?

Robert Claus: Nein. Untertrieben gesagt deutete sich das an, da der russische Staat ja angekündigt hatte, in Sachen Hooligans durchzugreifen. Die Repressionen haben funktioniert, was man politisch aber auch schwierig finden kann.

SPOX: Inwiefern?

Claus: Der russische Staat hat Gefährderansprachen durchgeführt, eine datenschutzrechtlich sehr umstrittene Fan-ID erstellt, um zu kontrollieren, wer ins Stadion geht, hat Hooligans bei Ackermatches verhaftet, Razzien durchgeführt und eine Zeit lang war sogar eine Liste russischer Hooligans mit Klarnamen beim russischen Innenministerium für jeden abrufbar. Das zeigt, wie schwierig die ganze Thematik auch bezüglich der Grund- und Datenschutzrechte ist. Auch Hooligans sollten Menschen- und Grundrechte besitzen.

SPOX: Der russische Vizepräsident des Parlaments Igor Lebedew twitterte vor zwei Jahren nach den Vorfällen in Marseille: "Ich kann nichts Schlimmes an kämpfenden Fans finden. Im Gegenteil: Gut gemacht Jungs. Weiter so!" Ist das nun harte Vorgehen gegen die eigenen Hooligans auch ein Stück weit zwiespältig?

Claus: Ich finde, dass es perfekt zum Bild der russischen Außenpolitik passt. Nach außen hin versucht man einerseits, die Europäische Union zu destabilisieren. In dem Fall von vor zwei Jahren hat man russische Hooligans dahingehend symbolisch unterstützt, Frankreich ein Stück weit die Europameisterschaft kaputtzumachen. Gleichzeitig geht man aber innenpolitisch bei der eigenen Weltmeisterschaft nach dem Law-and-Order-Prinzip vor. Das ist kein Widerspruch, sondern steht Eins zu eins in Einklang mit dem, was die russische Außen- und Innenpolitik seit Jahren tut.

SPOX: Also alles pures Kalkül?

Claus: Ich sage nicht, dass der russische Hooliganangriff damals vom Staat direkt organisiert oder unterstützt wurde. Aber er wurde zumindest wohlwollend toleriert.

SPOX: Erfahren russische Hooligans in Politiker-Kreisen so etwas wie Akzeptanz?

Claus: Es gab durchaus rechte Hooligans, die auch schon in Parteien für die Staatsduma gearbeitet haben. Insofern gab es da schon immer Verbindungen. Zum Beispiel ist die politische Unterstützung für die russische Fan-Föderation nicht neu, die Alexander Shprygin jahrelang zum Dachverband der russischen Hools bei der Nationalmannschaft aufgebaut hat. Diese Unterstützung endete erst in den Jahren vor der WM.

SPOX: Wenn es Verbindungen zwischen Politik und Hooliganismus in Russland gibt, sind die Repressalien gegen die Hooligans dann nicht eher eine Inszenierung und nach der WM ist wieder alles beim Alten?

Claus: Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Hooligan-Thematik in Russland wieder laxer gehandhabt wird. Ziel der russischen Regierung scheint ganz deutlich zu sein, sich diese WM nicht medial kaputtmachen zu lassen. Aber auf lange Sicht scheint sich der russische Staat dem Thema Hooliganismus nicht weiter zu widmen. Wenn man Hooliganismus und Fußballgewalt überhaupt abbauen wollen würde, müsste man viel mehr im Bereich der Prävention machen. Da passiert in Russland aber im Grunde gar nichts.

SPOX: Deutsche Hooligans wird man bei großen Turnieren immer mit dem Namen Daniel Nivel verbinden. Der französische Polizist wurde bei der WM 1998 beinahe totgeprügelt. Hat sich die Hooligan-Szene seitdem verändert?

Claus: Im Bereich Prävention wurde besonders die Landschaft der Fanprojekte weiter ausgebaut. Mittlerweile gibt es davon über 60 in Deutschland, die sozialpädagogische Arbeit mit Fußballfans durchführen. Gleichzeitig wurde die Ultra-Szene um das Jahr 2000 an vielen Standorten dominant, sodass der Hooliganismus zwischen 1998 und der WM 2006 im eigenen Land aus den Stadien gedrängt wurde. Zudem hat sich die Hooligan-Szene auch im Kampfsport extrem professionalisiert. Sie ist deutlich elitärer und dadurch vielleicht auch etwas kleiner geworden.

SPOX: Was heißt das?

Claus: Mit den sogenannten Ackermatches, also Gruppen-Kickboxen auf abgelegenen Feldwegen, hat man sich quasi ein eigenes Sportformat geschaffen. Außerdem finden wir heutzutage nicht wenige Hooligans in den Ranglisten der Mixed Martial Arts und des Kickboxens in Deutschland. Das heißt, dass sich aus einer eher lose organisierten Jugendkultur eine semiprofessionelle Kampfsportkultur entwickelt hat.

SPOX: Das Klischee des dickbäuchigen, betrunkenen Fußballrandalierers hat mittlerweile ausgedient. Was bedeutet diese Professionalisierung für die großen Nationen-Turniere?

Claus: Bei großen Turnieren treffen sich nach wie vor Hooligans, aber eigentlich braucht die Szene die Turniere nicht mehr. Durch internationale Vernetzung, Globalisierung, moderne Kommunikationsmittel und die sozialen Medien haben WM- und EM-Turniere ein Stück weit den Stellenwert vergangener Tage verloren. Früher konnte man sich höchstens gegenseitig anrufen, aber es gab keine Smartphones und Billigflieger. Die Turniere waren früher wichtiger, weil man sich treffen konnte, ohne sich explizit zu verabreden. Mittlerweile treffen sich Gruppen zu ihren Kämpfen ja weit jenseits von Spieltagen.

SPOX: Welche Ausmaße kann das annehmen?

Claus: Kurz vor der WM haben Hooligans von Lok Leipzig gegen Hooligans von Bröndby IF gekämpft. Die haben sich an der Müritz in Mecklenburg-Vorpommern getroffen. Das heißt, die Leipziger sind durch halb Ostdeutschland gefahren und die Kopenhagener extra für das Treffen über die Grenze gekommen.

SPOX: Warum haben Welt- und Europameisterschaften dann immer noch einen gewissen Reiz für Hooligans?

Claus: Natürlich ist nationale Stärke ein wichtiges Thema gerade für Hooligans aus dem rechten Milieu. Von der Denkart gibt es da einen engen Zusammenhang zwischen Nationalismus, Männlichkeit und Gewalt. Und es widerspricht sich nicht, sich zum Beispiel als Dresdner und als deutscher Hooligan zu sehen.

SPOX: Kann man denn pauschal sagen, dass die meisten Hooligans rechts und homophob sind?

Claus: In der Mehrheit schon, aber es gibt auch immer Ausnahmen. Gerade die deutsche Hooligan-Szene gilt als politisch ausdifferenziert. Es gibt beispielsweise Hooligans an Standorten wie Bremen, Babelsberg und bei Chemie Leipzig, die sich deutlich links verorten. Es gibt auch Hooligans, die explizit aus dem Kampfsport kommen und sich nicht weiter politisch definieren. Die führenden Gruppen und zentralen Entwicklungen in der Szene haben allerdings immer am rechtsextremen Rand stattgefunden. Doch auch jenseits dieser Links-rechts-Fragen muss man sagen, dass diese männerbündische Gewalt eine Ideologie darstellen kann.

SPOX: Das heißt?

Claus: Dass man ein sehr traditionelles, gewaltaffines Männlichkeitsideal verfolgt, das meistens auch mit Homophobie einhergeht. Es gibt Ausnahmen von schwulen Hooligans, aber die haben dann auch in ihren Gruppen und Szenen oftmals zu leiden und müssen einen gewissen Widerspruch aushalten.

SPOX: Deutsche Hooligans sollen von einer Reise nach Russland abgesehen haben, weil Experten zufolge die Angst vor den extrem gewalttätigen russischen Hooligans zu groß gewesen ist.

Claus: Ich würde es nicht darauf beschränken. Dass es einen gewissen Respekt vor der russischen Hooligan-Szene gibt, ist nicht abzustreiten. Nicht alle deutschen Hools möchten sich mit den Russen prügeln. Das war aber sicherlich nicht der einzige Grund, weshalb deutsche Hooligans nicht nach Russland gefahren sind. Auch der Respekt vor dem russischen Staat mit seinen Sicherheitsorganen und den berüchtigten russischen Gefängnissen war groß. Zu groß offensichtlich.

SPOX: Können Sie weitere Gründe nennen, weshalb wenig bis gar nichts passiert ist?

Claus: Der Turnierverlauf, aber auch die Distanz zwischen den einzelnen Spielorten haben sicherlich ihr Übriges dazu beigetragen. Ein Aspekt ist zum Beispiel die Tatsache, dass sich so ein Hochrisikospiel wie das in Frankreich zwischen England und Russland einfach nicht angeboten hat. Diese prädestinierten Duelle, bei denen große Hooligan-Szenen aufeinandertreffen, haben gar nicht stattgefunden. Mit Holland, der Ukraine, Italien und Ungarn haben mehrere Länder nicht teilgenommen, die ebenfalls große Hooligan-Szenen haben, Deutschland und Polen sind früh ausgeschieden.

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