Themenwoche: Die Zukunft des Fußballs

Schule des Lebens

Von Stefan Rommel
Donnerstag, 11.09.2014 | 20:28 Uhr
"Wir produzieren nicht - wir bilden aus", lautet das Motto beim FC Kopenhagen
© fc kopenhagen
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Nur Schritt für Schritt kann es vorangehen. Nur absolute Ausnahmetalente können mehrere Entwicklungsstufen überspringen. Der große Rest muss arbeiten, arbeiten, arbeiten - und geduldig sein. "Es ist ein Problem unserer Gesellschaft, dass niemand mehr Geduld aufbringen mag. Die sozialen Netzwerke, falsche Freunde oder Berater und noch schlimmer: Die eigenen Eltern, vernebeln den Blick auf die Realität."

Nielsen redet sich richtig in Rage, wenn er über die völlig absurden Vorstellungen mancher Eltern spricht. Ein Stammplatz im Profiteam für einen 18-Jährigen? "Wer zum Teufel kann so etwas allen Ernstes fordern?"

Auch deshalb bietet die Homepage des FCK zwar alle Spielergebnisse der Juniorenteams an - nicht aber die entsprechenden ausführlichen Berichte oder Torschützen. Keiner soll abheben oder in den Fokus geraten. Von der U 13 zur U 19 greift vielmehr eine Philosophie, die neben den rein sportlichen Elementen aufbaut auf den Grundpfeilern Leistungsbereitschaft, Persönlichkeitsentwicklung und Loyalität.

Spieler müssen lernen zu lernen

"Man benötigt Geduld! In den Medien wird gerne auf die Top-Spieler verwiesen, die mit 17, 18 oder 19 Jahren den Durchbruch im Profigeschäft schaffen. Aber Spieler wie Neymar oder Mario Götze sind absolute Ausnahmen. Das sind ein, zwei Spieler unter Tausenden, die alle denselben Traum träumen", sagt Nielsen.

"Die entscheidende Message bleibt wie vor zehn oder 20 Jahren dieselbe: Selbst der teuerste Spieler setzt sich nicht durch, wenn er nicht gut genug ist. Was glauben Sie, wie oft Spieler bei mir auf der Matte stehen und auf einen Wechsel zu einem Klub ins Ausland drängen? Ich frage sie dann: 'Zähl' mir doch mal alle Spieler unter 18 Jahren auf, die in einer der Top-Ligen in Europa regelmäßig zum Einsatz kamen.' Dann geht's los: Leo Messi, Christian Eriksson... Ende! Sie bekommen nicht einmal zehn Spieler zusammen, wollen mir aber erklären, dass sie das nächste große Ding sind."

Dass die eigene Familie dabei der normalen Entwicklung der Spieler mit am meisten im Weg steht, gehört für Nielsen längst zum Alltag. Dabei ist seine Formel zum Erfolg recht simpel. Und sie hat nichts zu tun mit überbordendem Talent oder der nötigen Verbissenheit.

"Junge Spieler müssen lernen zu lernen! Sie müssen ihr Leben strukturieren, den Fußball zusammen mit der Schule, der Familie, den Freunden und ihrem ganz persönlichen Lifestyle unter einen Hut bringen. Wer sich fünf Stunden am Tag mit den sozialen Medien beschäftigt, kann keine Struktur in seinem Leben haben."

Prioritäten verschieben sich

Die Erfahrung zeigt, dass es beim FC Kopenhagen vor allen Dingen jene Talente zu etwas gebracht haben, die recht früh eine gewisse Reife an den Tag gelegt haben und die den Beruf des Fußballprofis als Full-Time-Job erkannt haben.

"Früher offenbarten sich die Qualitätsunterschiede an fußballspezifischen Dingen: Talent, Schnelligkeit, taktisches Verständnis. Das ist natürlich auch heute noch so. Aber durch die Ausbildung in den Leistungszentren in ganz Europa haben sich diese Level einigermaßen angeglichen. Es drängen dafür andere Dinge in den Vordergrund, die letztlich den Unterschied ausmachen. Persönlichkeitsentwicklung ist ein Schlagwort, wir sprechen vom Lifestyle eines jungen Spielers. Wer schneller erwachsen wird, hat größere Chancen."

Wer bekommt den Übergang am besten hin?

Jede Woche treffen sich die Trainer der Kopenhagener U-Mannschaften zum gemeinsamen Austausch. Diese Treffen sind die Keimzellen des Fortschritts. Dänen tauschen sich mit Norwegern aus, diese mit Holländern und diese dann wieder mit Dänen. Der Akademiker bespricht sich mit dem Ex-Profi, der Pragmatiker mit dem Vordenker, der kühle Planer mit dem Meister der Improvisation. Und am Ende entsteht im besten Fall daraus jene Energie und Dynamik, die alle Beteiligten ein Stückchen weiterbringt.

"Wir müssen die Reihen schließen. Die Verbindung zwischen der Profi-Abteilung und dem Nachwuchsbereich ist sehr diffizil, daran scheitern die meisten Klubs. Selbst wenn sie eine starke Jugendausbildung anbieten, schafft es ein Großteil der Talente nicht in den Seniorenbereich. Deshalb legen wir beim FCK so großen Wert darauf, dass der Austausch beider Abteilungen stetig fließt", sagt Nielsen.

"Wir bündeln unser Wissen, unsere Ideen und Werte. Und wir nehmen Anregungen aus allen Altersstufen auf. Ein Tipp eines U-14-Trainers kann für die Profis durchaus hilfreich sein. Wir wollen sehen, dass die Grenzen verschwimmen oder fließend sind. Nur so schafft man auf Dauer jene Durchlässigkeit, die sich alle wünschen."

Verhältnismäßig geringer finanzieller Aufwand

Kreativität ist der Schlüssel, nicht unbedingt Geld oder eine bombastische Infrastruktur. Das sind ganz gewiss wichtige Rahmenbedingungen, am Ende entscheiden aber auch in der Jugendausbildung die Inhalte. Auch deshalb endet das finanzielle Engagement im unteren Millionenbereich. Zwei Millionen Euro investiert der FC Kopenhagen "nur" in den Betrieb seines Nachwuchsleistungszentrums. Eine vergleichsweise mickrige Summe.

Rund sieben Millionen Euro sollen es zum Beispiel beim OSC Lille sein, jenem Klub, für den Nielsen Anfang der 90er auch zwei Jahre lang gespielt hat und der im internationalen Vergleich in etwa auf Augenhöhe mit den Dänen agiert. "Ich könnte mir gar nicht vorstellen, plötzlich vier Millionen zu investieren. Wofür? Wie sollte uns das in der Arbeit mit den Spielern auf dem Platz weiterbringen?"

Vielmehr geht es um die richtigen Inhalte zur richtigen Zeit. Die Trainingsschwerpunkte und -reize werden ein wenig anders gesetzt als in anderen Klubs. Kopenhagen lässt seine Spieler ab dem 14. Lebensjahr in der Woche sechs Mal zum Training antreten, drei Einheiten als Individualtraining, drei Einheiten als Mannschaftstraining. Von der U 10 bis zur U 13 wird viermal die Woche trainiert, dreiviertel davon sind speziell auf den einzelnen Spieler zugeschnittene Einheiten.

Wie im richtigen Leben

Im Klub sind sie davon überzeugt, dass im Alter von zehn bis 14 Jahren das Basistraining an erster Stelle stehen muss. Deshalb steht die individuelle Förderung in jungen Jahren im Vordergrund. Erst mit dem Eintritt in die Pubertät verlagern sich die Schwerpunkte hin zu einer verstärkten gruppen- und mannschaftstaktischen Ausbildung, zwei individuellen Trainingssessions stehen dann vier Mannschaftstrainings gegenüber.

Was vom ersten Tag an gelebt und gelehrt wird, ist der gegenseitige Respekt und das Verständnis für ein vernünftiges Miteinander - obwohl da schon in jungen Jahren kleine Ich-AGs am Werk sind, die sich alle ihren großen Lebenstraum erfüllen wollen und damit automatisch auch Konkurrenten sind.

Der Karriereplan vom talentierten Jugendlichen zum gestandenen Profi ist beim FC Kopenhagen streng definiert, aber im Prinzip orientiert er sich letztlich doch am wahren Leben eines gewöhnlichen Teenagers. Vielleicht ist dieses einfache Rezept der Schlüssel zum Erfolg.

Seite 1: Das Kopenhagener Ausbildungsprinzip

Seite 2: Kleines Budget, große Wirkung

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