"Uli - der Heilige König mit der größten Krone"

Mittwoch, 23.11.2016 | 13:10 Uhr
Klaus Augenthaler, Michael Ballack, Jean-Marie Pfaff und Rainer Zobel arbeiteten mit Uli Hoeneß
© getty
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Von Michael Ballack

Ehrlicherweise erinnere ich mich nicht an alle Einzelheiten unseres ersten Treffens, bevor ich 2002 zum FC Bayern kam. Wenn man sich in so einer Angelegenheit mit Uli Hoeneß trifft, wird es nicht auf dem Bayern-Gelände gewesen sein. In Erinnerung geblieben ist aber die Aura, die Uli umgibt.

Als Uli Hoeneß den Raum betrat, hatte das Wirkung - er war im persönlichen Gespräch immer respekteinflößend. Der Umgang mit ihm konnte sehr einfach sein, durch seine Direktheit wusste man aber auch schnell, wenn es ernst wurde. Und so machte er mir beim Vertragsgespräch unmissverständlich klar, dass ich beim besten Klub überhaupt saß. Da gab es keine zwei Meinungen. Kein Spieler muss nach einem Gespräch mit Uli lange überlegen, denn er vermittelt eindrucksvoll die Überzeugung, dass der FCB das absolute Nonplusultra ist.

Viel einprägsamer als seine Härte am Verhandlungstisch war aber immer seine Nähe zur Mannschaft. Es gab keinen Tag, an dem man Uli nicht am Trainingsgelände oder im Mannschaftshotel gesehen hat. Er war immer präsent und wollte sich seine Informationen selbst einholen und nichts von Dritten ins Büro geliefert bekommen.

Entsprechend ist es eine seiner größten Stärken, in die Mannschaft reinzuhorchen und ein Gespür für Strömungen im Team zu entwickeln. Er kannte das Verhältnis einzelner Spieler untereinander und auch das zum Trainer. Und darauf reagierte er.

Uli nahm sich die Freiheit, auch mal in die Kabine zu platzen und laut zu werden. Glauben Sie mir, das ist nicht nur ein paarmal vorgekommen. In diesen Momenten rückte auch das Wort des Trainers mal in den Hintergrund. Er wählte die Zeitpunkte weise - und dann hatten die Worte es in sich.

Ich denke, er hat gemerkt, dass viele ihm diese Wutausbrüche verziehen haben. Denn sie haben uns geholfen. Uli rüttelte uns wach, appellierte an den Verstand. So etwas braucht auch ein Profi-Fußballer mal. Auch der Trainer musste in diesen Ansprachen mal einen indirekten Seitenhieb ertragen.

Uns Spieler packte er dagegen sehr, sehr direkt an. Uli Hoeneß weist dich schon mal auf deine Form hin, beim einen oder anderen Spieler wurde auch mal das Privatleben hinterfragt. Stellen Sie sich dazu vielleicht auch mal einige nicht so salonfähige Worte vor, dann können Sie sich denken, wie das sitzt. Er war eben ein Mann der alten Schule, was aber ankam. Die Spieler haben es verstanden. Aus solchen Sitzungen ging man raus und wusste, es ist fünf nach zwölf. Da brannte es.

Mein eigenes Verhältnis zu Uli war weitestgehend gleichbleibend - nur 2004 war es einmal wirklich kritisch. Wir schlossen die Saison als Zweitplatzierter hinter Werder Bremen ab, wodurch die Atmosphäre im Verein ohnehin angespannt war. Denn eine Kulanzzeit gibt es in diesem Verein nicht. Nach einer Niederlage hatte man bei Uli immer das Gefühl, dass ein latenter Druck herrschte, der aussagte: Verlieren verboten. Und seine Präsenz alleine reichte, um jedem Spieler klarzumachen: Es wird kein zweites Mal geben.

In dieser Zeit hatte ich aber auch einige persönliche Gespräche mit Uli, in denen wir nicht sehr konform lagen. Es ging darum, wie der FC Bayern aufgestellt war, wie unsere Spielstärke einzuordnen war und was unsere Ziele waren. Durch unsere unterschiedlichen Auffassungen sind wir in der Zeit manchmal aneinandergeraten. Aber immer respektvoll. Wir konnten uns immer in die Augen schauen.

Auch bei meinem Wechsel. Uli warf mir öffentlich vor, wegen des Geldes gegangen zu sein. Ich bin ihm nicht böse für die Aussagen, denn ich glaube, dass er einfach emotional überreagiert hat und enttäuscht war. Ich habe den FC Bayern verlassen, um mich einem damals sportlich stärkeren Klub anzuschließen. Chelsea hat mehr investiert und das Ziel ausgegeben, die Champions League zu gewinnen. Das war auch mein Wunsch. Uli und die Bayern waren damals noch nicht bereit dazu, die Spieler zu verpflichten, mit denen ein solcher Triumph möglich gewesen wäre.

Ich habe mir dennoch nie ausgemalt, dass ein Transfer für mich so emotional sein könnte. Auf der Abschiedsfeier sind Tränen geflossen, als ich mich von Uli und seiner Frau verabschiedet habe. Bei allem Leistungsdruck hat er mir stets das Gefühl vermittelt: 'Ich bin immer für dich da, wenn du Probleme hast.' Mit diesem Gefühl habe ich München verlassen und ich glaube, dass es fast jedem Spieler, der das Bayern-Trikot getragen hat, so ging.

Der Verein wird weiter stark von ihm profitieren. Uli weiß, wie er mit jedem Spieler umzugehen hat, was gerade bei all den gehypten, gutbezahlten jungen Spielern ganz wichtig ist. Auch wenn er zwei Jahre raus war - das ist im operativen Geschäft eine lange Zeit -, wird er seine Rolle wieder voll ausfüllen. Sicher auch wieder mit der einen oder anderen Reiberei. Aber darum ist er auch Uli Hoeneß.

Uli Hoeneß holte Michael Ballack 2002 von Bayer Leverkusen zum FC Bayern. In vier Spielzeiten beim Rekordmeister gewann der Mittelfeldspieler dreimal das Double und kam in 157 Pflichtspielen auf 62 Tore. 2006 zog es ihn von München zum FC Chelsea.

Themenwochen bei SPOX im Überblick

Seite 1 - Rainer Zobel: "Abiturient Uli wurde anfangs belächelt"

Seite 2 - Klaus Augenthaler: "Von den Heiligen Drei Königen war Uli der mit der größten Krone"

Seite 3 - Jean-Marie Pfaff: "Ich kann mich an keinen Ausraster von Uli erinnern"

Seite 4 - Michael Ballack: "Ich bin Uli nicht böse - er hat emotional überreagiert"

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