Fussball

Machtspiele von Präsident Bartomeu: Es brodelt beim FC Barcelona

Frenkie de Jong ist schon da, Antoine Griezmann dürfte bald da sein: Nach einem albtraumhaften Saisonabschluss mit dem bitteren Aus im Champions-League-Halbfinale gegen den FC Liverpool rüstet FC Barcelona im großen Stil auf. Man könnte meinen, bei den Katalanen laufe alles nach Plan. Die Realität sieht aber anders aus.

Hinter den Kulissen brodelt es - wegen unterschiedlicher Auffassungen über die sportliche Ausrichtung des Klubs. Der schon lange umstrittene Präsident Josep Bartomeu macht den Eindruck eines Alleingängers.

Noch steht das Camp Nou in Barcelona so da, wie man es kennt: voller Anmut, Macht und Magie. Allerdings auch ein bisschen mitgenommen, ein bisschen marode. Ein Umstand, an dem sich in nicht allzu ferner Zukunft etwas ändern dürfte. Josep Bartomeu, Präsident des FC Barcelona, sicherte den Mitgliedern bereits 2018 zu, dass die Fußballkathedrale im Stadtteil "Les Corts" innerhalb der nächsten fünf Jahre renoviert werde.

Nur: Um das bis zu 600 Millionen Euro schwere Projekt zu stemmen, benötige man einen Sponsor, der es im Gegenzug für die Namensrechte am geschichtsträchtigen Stadion finanziert. Ein Trend, dem viele Spitzenklubs folgen. Für einen Klub, der sich aber nicht nur aus politischen Gründen als Exot im Konzert der Großen betrachtet, ist das aber durchaus außergewöhnlich.

"Starke Diskrepanzen": Vizepräsident Jordi Mestre tritt bei Barca zurück

Dass im modernen Spitzenfußball kaum noch Platz für Nostalgiker und Traditionsfanatiker ist, mussten sich die Barca-Bosse schon vor vielen Jahren eingestehen, als sie ihre hoch gelobte Zusammenarbeit mit dem Wohltätigkeitsorganisation UNICEF als Trikotsponsor einstellten und millionenschwere Deals mit spendablen Konzernen wie Qatar Airways oder Rakuten abschlossen. Bartomeu begründete diese Deals wie sein Vorgänger Joan Laporta ja auch zurecht mit den hohen Personalkosten, die sein Luxuskader mit Topverdienern wie Lionel Messi nun einmal fordere.

Sich parallel aber Schritt für Schritt von der eigenen fußballerischen Basis zu entfernen und dabei nicht einmal die gewünschten Erfolge zu erzielen, das war eigentlich nicht der Plan. Und genau darin liegt, glaubt man gut unterrichteten Quellen aus Katalonien, dieser Tage das Problem beim spanischen Meister.

Jordi Mestre, einer von vier Vizepräsidenten bei Barca, reichte am vergangenen Mittwoch seine Kündigung ein - aufgrund von "starken Diskrepanzen bei der sportlichen Ausrichtung des Klubs", wie Bartomeu auf einer eigens einberufenen Pressekonferenz am Freitag bestätigte. Die in Barcelona ansässigen Fachzeitschriften Sport und Mundo Deportivo schrieben, ein Machtkampf habe zum überraschenden Aus des 56-Jährigen geführt.

FC Barcelona: Pep Segura wird zum Sündenbock ernannt

Dabei sei es hauptsächlich um die Rolle des Sportlichen Leiters Pep Segura gegangen. Mestre sei zurückgetreten, weil er sich als einziges Mitglied der 19-köpfigen Barca-Direktive für Seguras Verbleib ausgesprochen habe.

Vor allem Bartomeu, nach einer weiteren Saison ohne Champions-League-Titel unter stetig steigendem Druck, habe Segura als Sündenbock für die verkorkste Transferpolitik der vergangenen Jahre ausgemacht. Dass sich millionenschwere Investitionen wie die in Andre Gomes, Philippe Coutinho, Ousmane Dembele oder Malcom kaum ausgezahlt hätten; dass Spieler ohne die klassische Barca-DNA, also keine feinfüßigen Ballvirtuosen, sondern eher überalterte Kämpfernaturen wie Paulinho, Arturo Vidal oder Kevin-Prince Boateng, geholt worden seien - all das habe Segura zu verantworten. Ganz zu schweigen von der Stagnation der allseits bekannten Nachwuchsakademie La Masia, die seit der Beförderung von Sergi Roberto im Jahre 2013 kein Eigengewächs mit Stammplatzpotenzial mehr hervorgebracht hat.

Die Kritik an Segura empfand Mestre der Madrider Zeitung Marca zufolge als "ungerecht" - gerade vor dem Hintergrund, dass er als "Vizepräsident Sport" die Verantwortung der komplexen sportlichen Belange auf mehrere Schulter aufgeteilt hatte. Silvio Elías, Javier Bordas und Xavier Vilajoana bilden etwa einen Teil des Teams von Segura, dazu kommt Ex-Profi Eric Abidal, der als Sportdirektor kein geringes Mitspracherecht bei der Zusammenstellung des Kaders genießt.

Barca-Präsident Josep Bartomeu steht unter Druck

"Wir sind ein Team - und ich bewerte uns auch nur als Team", beschwichtigte Bartomeu am Freitag. Er werde sich in den kommenden Tagen mit dem restlichen Vorstand zusammensetzen und über Seguras Zukunft beraten. "Wenn es etwas zu vermelden gibt, werden wir das tun." Ein Treuebekenntnis zu dem 58-Jährigen, der 2017 vom Nachwuchschef zum Leiter der Profis befördert worden war, blieb erwartungsgemäß aus.

Mestre, so hatte es den Anschein, war nicht bereit, seiner langjährigen rechten Hand die Tür zeigen und ging stattdessen selbst. Der Entschluss des Vizebosses sei "endgültig", erklärte Bartomeu, er sei ihm "sehr dankbar" für dessen Arbeit. Jedoch drängt sich am Beispiel Mestre einmal mehr der Eindruck auf, dass Bartomeu kein allzu kollegialer Chef ist, sondern eher ein Chef mit der Tendenz zum Alleingänger.

Denn dass er mit seinem "Team" öfter aneckt, ist längst kein Geheimnis mehr. Andernfalls hätten mit Susana Monje, Carles Vilarrubi und Manel Arroyo in den vergangenen zweieinhalb Jahren nicht gleich drei gewichtige Vorstandsmitglieder ihre Kündigungen eingereicht.

Bartomeu sitzt ob des internationalen Misserfolgs auf einem wackligen Stuhl, die Rufe nach seiner Demission und Neuwahlen werden in Barcelona lauter. Da Trainer Ernesto Valverde trotz des taktischen Offenbarungseids im Rückspiel des Champions-League-Halbfinals gegen den FC Liverpool noch das Vertrauen des Präsidenten genießt, geht das Köpferollen eben an anderer Stelle vonstatten. Segura wird, dessen ist sich die spanische Presse sicher, ohne seinen Fürsprecher Mestre nicht zu halten sein.

FC Barcelona: Antoine Griezmann und Neymar sorgen für Diskussionen

Die "starken Diskrepanzen über die sportliche Ausrichtung des Klubs", die Mestre bemängelt hatte, wären wohl aber auch nicht mit einer Entlassung Seguras ausgeräumt. Der bereits seit Monaten vereinbarte, aber noch immer nicht offiziell bekanntgegebene 120-Millionen-Euro-Transfer von Atletico Madrids Torjäger Antoine Griezmann soll unabhängig von den Personalien Mestre und Segura für eine heftige Kontroverse in der Führungsriege gesorgt haben.

Grund dafür war Griezmanns Gebaren im vergangenen Jahr, als er Barca nach monatelangen Verhandlungen im Zuge einer eigenen TV-Show absagte. Einige Entscheider sollen sich dagegen ausgesprochen haben, einen Spieler mit dem Hang zu übermäßiger Selbstdarstellung unter Vertrag zu nehmen - ohne Erfolg. Wie Bartomeu am Freitag andeutete, dürfte der Griezmann-Deal in der nächsten Woche endgültig über die Bühne gehen - wenngleich Atletico sich wehrt und aufgrund von zu früh geführten Verhandlungen mit Griezmann ankündigte, Barca zu verklagen. In einem Statement am Freitagabend kritisierte der Klub die Katalanen und auch Griezmann aufs Schärfste.

Noch größere interne Diskussionen sollen dem Vernehmen nach aber die Gedankenspiele um eine Rückholaktion von Neymar provozieren. Der Brasilianer, ein von noch größerer Selbstdarstellung lebender Superstar als Griezmann, war im August 2017 nach einer wochenlangen Transferposse für 222 Millionen Euro zu Paris Saint-Germain gewechselt und hinterlegte vor kurzem sein Interesse an einer Wiedervereinigung mit seinen alten Sturmpartnern Lionel Messi und Luis Suarez.

"Richtig ist, dass Neymar zurückkehren will, aber ich bestätige keineswegs, dass wir uns Gedanken darüber machen", erklärte Jordi Cardoner, ein weiterer Vizepräsident der Blaugrana, erst vor einer Woche. Man müsse bedenken, wie Neymar gegangen sei, meinte der 57-Jährige - nämlich alles andere als im Frieden. Der Clan des Dribbelkünstlers streitet sich kurioserweise noch heute mit Barca vor Gericht, es geht um eine Bonuszahlung von knapp 30 Millionen Euro, die der Klub angeblich noch dem Spieler schulde.

Barcelona unter Bartomeu: Dembele und Coutinho sollen bleiben

"Neymar ist ein großartiger Spieler, aber die Umstände, wie er gegangen ist, müssen wir auch bedenken, wenn diese Hypothese irgendwann Wirklichkeit werden soll. Da hat mir vieles nicht gepasst", sagte Cardoner. Laut Marca sei jeder im Vorstand gegen eine Rückkehr von Neymar - jeder außer Bartomeu.

Der brasilianische Journalist Marcelo Bechler, dem ein enger Dreht zum Neymar-Clan nachgesagt wird, berichtete zuletzt von einem mündlichen Pakt zwischen Bartomeu und Neymar. Der Spieler würde demnach sogar auf reichlich Gehalt verzichten, um zu Barca zurückzukehren.

Bartomeu bekräftigte am Freitag allerdings, dass PSG Neymar nicht abgeben wolle, daher stehe das ganze Thema nicht zur Debatte. Und abgesehen davon sei Dembele ohnehin "der bessere Spieler" und ebenso wie der von der spanischen Presse zum Verkaufskandidaten Nummer eins ernannte Coutinho "unentbehrlich" für das "Projekt, das wir verfolgen".

Fragt sich nach den jüngsten Entwicklungen nur, wie viel "Wir" noch in diesem Projekt steckt. Bartomeu gab jedenfalls am Freitag zu verstehen, dass er Mestres Aufgaben als Vizepräsident voerst mitübernehmen wolle. "Das ist nichts Neues für mich. Ich habe ja schon vier Jahre als Vizepräsident gearbeitet", sagte er und fügte mit beruhigender Stimme an: "Was wir gerade erleben, ist keine Krise."

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