Fussball

Leroy Sane ist nicht der Erste: Pep Guardiolas Problem mit Individualisten

Leroy Sane ist nicht der Spielertyp, auf den Pep Guardiola normalerweise setzt.

Leroy Sanes Transfer von Manchester City zu Bayern München steht womöglich kurz bevor. Sollte der Nationalspieler die Citizens wirklich verlassen, wäre das höchst ungewöhnlich - und wohl Trainer Pep Guardiola geschuldet. Guardiola und Sane: Passen sie einfach nicht zusammen?

Der Transfer von Leroy Sane zum FC Bayern, er scheint so gut wie perfekt, auch wenn die Vollzugsmeldung noch aussteht. Im Hintergrund wird offenbar weiter gepokert und gefeilscht, schließlich möchten alle Seiten nach Abschluss des Deals möglichst als Gewinner dastehen. Vielleicht sorgt die Knieverletzung Sanes im Community Shield, deren Ausmaß weiter zurückgehalten wird, für Sand im Deal-Getriebe. Vielleicht müssen auch erst noch die nötigen viralen Social-Media-Videos abgedreht werden, bevor Vollzug gemeldet werden kann.

Früher oder später dürfte man in München dann aber jubeln über den Nationalspieler, der das Zeug dazu hat, im kommenden Jahrzehnt in die Fußstapfen eines Franck Ribery oder Arjen Robben zu treten. Warum die Bayern Sane unbedingt wollen, warum sie ihn sogar dringend brauchen und deshalb selbstgesteckte Grenzen überschreiten wollen, das ist schließlich kein Geheimnis.

Manchester City: Warum steht Leroy Sane zum Verkauf?

Etwas diffiziler ist da schon die Frage, warum Manchester City ohne Not einen überragend talentierten Jungstar abgeben sollte. Einen, der in der abgelaufenen Saison 34 Scorerpunkte verbuchte und für einen im Schnitt nicht einmal 80 Minuten brauchte. Schließlich hat Sane noch Vertrag bis 2021, also ist eigentlich auch ohne die angestrebte Vertragsverlängerung keine Eile geboten.

Zumal es so überhaupt nicht zum Modus Operandi der Citizens passt, teuer zu verkaufen. In den letzten Jahren wurde vielmehr teuer eingekauft - und Spieler erst dann abgegeben, wenn sie ihren Zenit überschritten oder fußballerisch an ihrer Aufgabe auf dem Etihad Campus gescheitert waren. Der höchste Transfererlös des letzten Jahrzehnts stammt von Alvaro Negredo, der 2015 nach Valencia ging, für nicht einmal 30 Millionen Euro.

Ein Sane-Verkauf dürfte diese Summe locker verdreifachen, wenn nicht sogar vervierfachen.

Manchester City: Leroy Sane darf gehen - wegen Pep Guardiola

Er wolle nur glückliche Spieler in seinem Kader, betonte Guardiola unlängst: "Wenn sie nicht wollen, dann gehen sie." So einfach stellt sich der Transfer eines Spielers da, der vor genau einem Jahr zum besten Jungstar der gesamten Liga gekürt worden war? Den Guardiola noch im Februar als "besten Außenspieler der Welt" adelte?

Wer nach Gründen für Citys Bereitschaft sucht, einen solchen Spieler zu den Bayern ziehen zu lassen, der landet früher oder später bei der Beziehung von Trainer Guardiola zu Spieler Sane. Und stellt fest, dass Sane zumindest zum Teil ins Raster eines Spielertyps passt, der es auch schon in der Vergangenheit schwer hatte beim katalanischen Meistertrainer.

Leroy Sane bei Manchester City: Spielerstatistiken 2018/19

StatistikWert
Spiele47
Startelf-Einsätze30
Einsatzminuten2.694
Tore16
Torvorlagen14
Zweikampfquote (Premier League)42 Prozent
Passquote (Premier League)84 Prozent

Guardiolas Taktik-Schema vs. Freigeist Sane

Über ein Jahrzehnt ist Pep Guardiola nun schon als Trainer auf der großen Bühne unterwegs. Seine Fußballphilosophie ist in dieser Zeit bis ins Atom seziert worden, für viele ist sie in ihrer vollendeten Umsetzung nahe an der Perfektion. Ballbesitz, Tiki-Taka, dem unterlegenen Team wird wie von einer Anakonda schrittweise die Luft zum Atmen genommen.

Aber die Pep'sche Herangehensweise legt auch Wert auf Disziplin und die Notwendigkeit, dass sich das Individuum dem Kollektiv unterordnet. Wenn sie einen Nachteil hat, dann dass sie es den Freigeistern schwer macht, die von der Individualität und vom Überraschungsmoment leben. Das offensive Eins-gegen-eins ist für Guardiola eine Notlösung, wenn es nicht gelungen ist, durch überlegene Taktik, Pass- und Positionsspiel zu Chancen zu kommen.

Leroy Sane jedoch lebt von seiner Schnelligkeit, von seinen Fähigkeiten im Zweikampf mit dem Ball am Fuß. Das macht ihn für Guardiola zur perfekten Trumpfkarte, die dann gezogen wird, wenn Plan A nicht aufgegangen ist. So ist es nicht verwunderlich, dass Sane 2018/19 gleich 13 Mal als Joker stechen sollte - genauso oft, wie er über die vollen 90 Minuten ran durfte. Verständlich - für Sane jedoch höchst unbefriedigend.

Leroy Sane: Zu wenig Abwehrarbeit, zu viele Ballverluste

Der allzu offensive Spielstil, der Guardiola gerade in der Champions League mehrfach zum Verhängnis wurde, kann zudem nur funktionieren, wenn sich die Spieler an ihre Vorgaben halten. Im Gegenpressing, im Positionsspiel, im Verfolgen der Gegenspieler bis in die eigene Hälfte.

Bereiche, in denen Sane immer wieder Nachholbedarf bewies. "Er muss im Spiel ohne Ball wieder auf die Grundlagen achten", rügte etwa Guardiola im vergangenen Juli, als Sane in der Vorbereitung oft nur zuschauen durfte. Sanes Spielstil ist in seiner Natur geprägt von Ballverlusten, selbst in Bestform. Doch die sorgen für Unordnung, für Unterzahl und für Kontergelegenheiten gegen ein im Normalfall weit aufgerücktes Team. "Er hat eine einzigartige Qualität", sagte Guardiola einmal über Sane, "aber bei den einfachen Dingen verliert er den Ball."

Guardiolas Streit mit Individualisten: Eto'o, Ibrahimovic, Toure

"Er lebt in seiner eigenen Welt", sagte Thomas Müller einmal über Guardiola. Dieser Welt, dieser Fußball-Idee muss man sich anpassen, wenn man zu den Lieblingsschülern des 48-Jährigen gehören will. Den der machte bisher bei genau einem Spieler eine Ausnahme: bei Lionel Messi. Der hatte beim FC Barcelona auch unter Guardiola alle Freiheiten.

Bei den übrigen Individualisten war Reibung vorprogrammiert. "Pep will dominieren und folgsame Spieler, die ihm die Hände lecken", sagte Yaya Toure über den Trainer, mit dem er bei gleich zwei Klubs aneinandergeraten war. "Das mochte ich nicht. Ich respektiere meinen Coach, aber ich bin nicht sein Spielzeug."

Manche wollten sich nicht anpassen, wie Toure oder Angreifer Samuel Eto'o, der bei Barca schnell auf dem Abstellgleis landete. "Er, der selbst Mittelfeldspieler war, wollte mir erklären, wie ich anzugreifen habe", schimpfte Eto'o. "Ich sagte ihm: 'Ich bin Samuel Eto'o und ich bin der Grund dafür, dass du gewinnst.'"

Andere konnten es nicht. "Ich verstand sein System einfach nicht", klagte Cesc Fabregas. Der geniale Mittelfeldspieler hielt es nur ein Jahr unter Guardiola aus: "Ich kam aus einem anderen Typ Fußball." Und dann war da noch Zlatan Ibrahimovic, den Guardiola unbedingt holen wollte - nur um dann festzustellen, dass sein System mit Ibra einfach nicht kompatibel war. Er, der Ferrari, sei als Fiat missbraucht worden, sollte der Schwede später sagen.

Sane zu Bayern München: Kein Guardiola-Korsett mehr

Bei Sane liegt die Wahrheit womöglich irgendwo dazwischen. Der 23-Jährige ahnt, dass er wohl nie zum absoluten Lieblingsspieler seines Trainers avancieren wird. Und dass Guardiola auf den möglichen Wechsel bislang fast achselzuckend reagiert, spricht dafür, dass der das auch weiß.

Schließlich geht der Spieler, der Sane in der Startelf den Rang abgelaufen hatte, fast schon als Prototyp eines Guardiola-Musterschülers durch. Der Portugiese Bernardo Silva fügt sich ins System perfekt ein - und spulte im Januar im Spiel gegen den FC Liverpool fast 14 Kilometer ab. Von Guardiola wurde er öffentlich dafür gelobt, dass er "den Fußball lebt" und bei jeder Chance mitfiebert. Das passt einfach besser - Sanes Körpersprache ist bekanntlich eine andere.

In München würde sich der Ex-Schalker gewissermaßen in ein gemachtes Bett legen. Er käme in ein System, dass seit Jahren darauf abgestimmt ist, kreative Flügelspieler glänzen zu lassen und defensiv für sie zu covern. Wo Guardiola oft nur als Ansporn gedachte Kritik für ihn übrig hatte, gäbe es beim deutschen Rekordmeister verbale Streicheleinheiten, und natürlich eine kräftige Gehaltserhöhung.

Und er wäre er das Korsett der Guardiola-Taktik los. Auch die Münchner atmeten nach dem Trainerwechsel 2016 unter Carlo Ancelotti schließlich erst einmal befreit auf, "abgestreifte Ketten", nannte es damals TV-Experte und Ex-Bayern-Profi Mehmet Scholl.

Nur: Ob ein Abgang aus Manchester Leroy Sane zu einem besseren Fußballer machen würde - das ist noch einmal eine ganz andere Frage.

Werbung
Werbung
Werbung
Werbung