Freitag, 31.12.2010

Der FC Everton in der Krise

Der beliebte Sturkopf und seine Anti-Torjäger

Everton ging mit hohen Erwartungen in die Saison. Alex Ferguson glaubte gar an eine Champions-League-Qualifikation der Toffees. Die Realität heißt jedoch Mittelmaß. Hauptverantwortlich dafür ist eine erschreckend schwache Offensive. Neue Spieler sollen her - doch Geld gibt es kaum. Trainer-Sturkopf Moyes kann weiter auf seine Beliebtheit bauen.

Jermaine Beckford ist mit zwei Saisontreffern noch der gefährlichste Angreifer des FC Everton
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Jermaine Beckford ist mit zwei Saisontreffern noch der gefährlichste Angreifer des FC Everton

Es gibt Dinge, die kann der Mensch nicht beeinflussen. Das fängt früh an: Welches Erbgut bekommt man von Vater und Mutter verpasst? Kommt man als Junge oder Mädchen auf die Welt? Wird man Everton- oder Liverpool-Fan?

Zugegeben: Letztere Frage ist fast ausnahmlos für alle Menschen in der rund 430.000-Einwohner zählenden Stadt im Nordwesten Englands wichtig. Und ebenfalls zugegeben: Ein Zusammenhang zwischen Erbgut und Fanzughörigkeit dürfte einer empirischen Untersuchung wohl nicht Stand halten.

Dennoch ist letztere Frage entscheidend in der fußballverrückten Stadt an der Mersey. Als Fußballfan hat man in Liverpool entweder ein Blauer oder ein Roter zu sein. Ein Zwischending, gar eine Form von Zuneigung dem Nachbarn gegenüber, darf es nicht geben.

Mehr als nur ein Geheimtipp

Dabei gab es durchaus Zeiten der Annäherung. "Früher standen Rote und Blaue gemeinsam im Wembley nebeneinander. Auch zu Zeiten des Hillsborough-Desasters 1989 waren beide Fangruppen sehr miteinander verbunden. Erst in der letzten Dekade hat sich das geändert", sagt Andy Hunter, Liverpool- und Everton-Experte des "Guardian", im Gespräch mit SPOX.

Was beideTeams derzeit verbindet, ist allemal die sehr durchwachsene Saison 2010/11. Dabei waren gerade die Toffees bei Trainern und Experten vor der Saison ein Geheimtipp.

Nicht Arsenal, Tottenham oder Liverpool, dem FC Everton wurden die besten Chancen auf Platz vier eingeräumt. "Fast jeder in Everton ging davon aus, dass man um die Champions-League-Plätze spielen würde. Auch Sir Alex Ferguson tippte Everton vor der Saison auf Platz vier", sagt Hunter.

Miese Trefferquote

Die hohen Erwartungen kamen nicht von ungefähr: In den letzten 24 Premier-League-Spielen der vergangenen Spielzeit legten die Toffees eine phänomenale Serie hin und verloren nur noch zwei Mal.

Die Euphorie rund um den Goodison Park ist aber mittlerweile wieder verflogen: Rang elf nach 19 Spielen mit nur vier Siegen. Der Schuh drückt vor allem im Angriff. Erfolgreichster Stürmer ist aktuell Jermaine Beckford - mit zwei Saisontreffern.

Die Quote von Louis Saha (0 Tore in 13 Spielen) und Aiyegbeni Yakubu (1 Tor in 13 Spielen) ist noch schlechter. Tim Cahill ist es derzeit, der die Toffees mit seinen neun Treffern vor den hinteren Tabellenplätzen bewahrt.

Kaum finanzielle Mittel für neue Spieler

Trainer David Moyes setzt in dieser Saison, egal ob auswärts oder im heimischen Goodison Park, meist auf ein System mit nur einer echten Spitze, die vom offensiv ausgerichteten Cahill unterstützt wird. Mit dieser taktischen Variante kommen die Stürmer scheinbar allerdings nicht zurecht.

"Moyes hatte die Befürchtung schon vor der Saison geäußert und es hat sich bestätigt: Die Mannschaft braucht händeringend einen neuen Stümer", weiß Hunter. Everton benötigt dringend Verstärkung im Angriff, zumal Cahill im Januar mit der australischen Nationalmannschaft die Asien-Meisterschaft in Katar spielen wird.

Doch die finanziellen Mittel sind begrenzt. Die Toffees haben keinen Abramowitsch oder Scheich Mansour in der Hinterhand. Besitzer Bill Kenwright, als Schauspieler und Theaterproduzent vermögend geworden, muss man im Vergleich zu seinen Pendants aus London und Manchester schon fast als einen armen Schlucker bezeichnen.

Baines will bleiben

Englische Medien spekulierten zuletzt, dass mit Steven Pienaar, dessen Vertrag im Juli 2011 ausläuft und mit dem es wohl keine Einigung über eine Vertragsverlängerung geben wird, ein Mann aus dem gut besetzten Mittelfeld im Winter verkauft wird, um das nötige Geld für einen neuen Stürmer zusammenzukratzen. Auch Yakubu und Innenverteidiger Johnny Heitinga stehen zum Verkauf.

Leighton Baines, Objekt der Begierde des FC Bayern, würde Everton zehn Millionen Euro in die Kassen spülen. Doch der Linksverteidiger erklärte, den Verein nicht verlassen zu wollen.

Ein Grund für das klamme Vereinsportemonnaie ist das Stadion. "Der Goodison Park ist ist zwar ein atmosphärisches Stadion, das aber nicht die Einnahmen garantiert wie eine neue Arena. Die Fans lieben das Stadion, wissen und akzeptieren aber auch gleichzeitig, dass der Verein eine neue Spielstätte für seine Entwicklung braucht", erklärt Hunter.

Ein Umbau des Goodison Parks, wie von den Everton-Fans gewünscht, ist aus Kostengründen derzeit nicht realisierbar. Wahrscheinlicher ist ein Neubau, doch auch da bleibt vorerst die Frage nach der Finanzierung.

FC Everton: Ein Porträt in Bildern
Die Everton-Legende schlechthin! Dixie Dean (l.) erzielte zwischen 1925-1938 383 Treffer in 433 Partien für die Toffees
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Die Everton-Legende schlechthin! Dixie Dean (l.) erzielte zwischen 1925-1938 383 Treffer in 433 Partien für die Toffees
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Einer der Besten Englands im Duell gegen die Liverpooler Blues: Manchster Uniteds George Best (r.) im Jahr 1968
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Howard Kendall, in den 60ern als Spieler aktiv, feierte als Trainer mit den Toffees unter anderem zwei englische Meisterschaften und den Europapokal der Pokalsieger
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Das Merseyside-Derby zwischen Liverpool und Everton war auch schon in den 70ern ein hitziges Duell
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Liverpools David Fairclough wird im Derby weggegräscht
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Peter Reid war einer der besten Evertonians in den glorreichen 80er Jahren
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Der erste von acht Titeln Ende der 80er: Die Toffees beim FA-Cup-Erfolg 1984
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Gute Laune auf dem Platz nach dem Final-Erfolg gegen den FC Watford
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John Bailey feiert den Titelgewinn auf seine eigene schräge Art und Weise
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Ein weiterer Höhepunkt der Vereinsgeschichte: Das Finale im Pokal der Pokalsieger 1985 gegen Rapid Wien. Kevin Ratcliffe (r.) und Hannes Krankl beim Wimpelaustausch
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Andy Gray beim Torjubel: Everton gewinnt gegen die Österreicher am Ende mit 3:1
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Die Kicker lassen sich nach dem Sieg gegen Rapid von den Fotografen ablichten
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1989 zogen die Toffees in einem legendären Match gegen im FA-Cup-Finale gegen den FC Liverpool im Wembley-Stadion mit 2:3 den Kürzeren
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1989 zogen die Toffees in einem legendären Match gegen im FA-Cup-Finale gegen den FC Liverpool im Wembley-Stadion mit 2:3 den Kürzeren
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In den 90ern waren solche Bilder seltener zu bestaunen: Exzessiver Jubel bei den Toffees nach einem Treffer gegen Wimbledon
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Szene aus dem FA-Cup-Sieg 1995 gegen Manchester United: Die Toffees schlagen die Red Devils mit 1:0
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Szene aus dem FA-Cup-Sieg 1995 gegen Manchester United: Die Toffees schlagen die Red Devils mit 1:0
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Es war der letzte große Erfolg bis dato: Paul Rideout stemmt die FA-Cup-Trophäe in die Höhe
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Großer Jubel bei den Akteuren nach dem Triumph gegen die Red Devils
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Großer Name ohne die großen Erfolge: Walter Smith coachte die Liverpooler zwischen 1998 und 2002 - und blieb ohne Titel
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Ein weitere bekannter Name, dieses Mal im Trikot des FC Everton: Olivier Dacourt (r.)
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Eine der Kultkicker der Toffees: Thomas Gravesen. Der Däne war unter anderem auch für den Hamburger SV und Real Madrid aktiv
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In Liverpool nahm eine große Karriere seinen Anfang: Wayne Rooney kam aus der Jugend des FC Everton und wechselte 2004 zu ManUnited. Links ein Foto von Legende Dixie Dean
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Der torgefährliche Australier Tim Cahill (l.) spielte von 2004 bis 2012 bei den Toffees
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Der Ex-Dortmunder Steven Pienaar kehrte im Februar 2012 nach einer Leihe an Tottenham wieder zu Everton zurück
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Tony Hibbert verbrachte bisher seine gesamte Karriere beim FC Everton, ein Tor ist ihm aber bislang in über 300 Pflichtspielen verwehrt geblieben
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Tony Hibbert verbrachte bisher seine gesamte Karriere beim FC Everton, ein Tor ist ihm aber bislang in über 300 Pflichtspielen verwehrt geblieben
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Mikel Arteta absolvierte zwischen 2005 bis 2011 insgesamt 174 Premier-League-Spiele für die Toffees, bevor er zum FC Arsenal wechselte
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Mikel Arteta absolvierte zwischen 2005 bis 2011 insgesamt 174 Premier-League-Spiele für die Toffees, bevor er zum FC Arsenal wechselte
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Außenverteidger Leighton Baines (r.) begeistert die Everton-Fans seit 2007 und hat sich zu einem ihrer wertvollsten Spieler entwickelt
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Publikumsliebling Marouane Fellaini kam 2008 aus Lüttich zu Everton und verließ die Toffees im Sommer 2013 für 32,4 Mio. Euro Richtung Manchester United
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Publikumsliebling Marouane Fellaini kam 2008 aus Lüttich zu Everton und verließ die Toffees im Sommer 2013 für 32,4 Mio. Euro Richtung Manchester United
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David Moyes stand über eine Dekade an der Seitenlinie im Goodison Park, im Sommer 2013 trat er die Nachfolge von Sir Alex Ferguson als ManUnited-Trainer an
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David Moyes stand über eine Dekade an der Seitenlinie im Goodison Park, im Sommer 2013 trat er die Nachfolge von Sir Alex Ferguson als ManUnited-Trainer an
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Der ehemalige Wigan-Coach Roberto Martinez soll die erfolgreiche Arbeit von Vorgänger Moyes beim "Peoples Club" fortsetzen
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Der ehemalige Wigan-Coach Roberto Martinez soll die erfolgreiche Arbeit von Vorgänger Moyes beim "Peoples Club" fortsetzen
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Der Goodison Park in Liverpool: Von den Fans geliebt, doch finanziell eine Bürde. Ein Stadionum- oder neubau ist seit längerem in Planung
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Beliebter und geschätzter Coach

Umso bemerkenswerter ist die Arbeit, die David Moyes seit Jahren leistet. Der 47-jährige Schotte hat es immer wieder geschafft, qualitativ hochwertige Kicker kostengünstig zu verpflichten. Cahill, Mikel Arteta und Pienaar haben insgesamt nur rund sieben Millionen Euro gekostet. "Alle drei haben unter Moyes eine herausragende Entwicklung genommen", lobt Hunter.

Moyes kam 2002 von Preston North End an die Mersey. Seine Handschrift war schnell erkennbar. Moyes hat das Team zu einer physisch starken, hart arbeitenden und defensiv disziplinierten Einheit geformt. Auf diesen Tugenden besteht er auch heute noch, versucht aber mit den kreativen Arteta, Pienaar und Fellaini mehr Flair in das Spiel zu bekommen.

"Moyes wird von seinen Tainerkollegen sehr geschätzt und stets als Beispiel angeführt, wie man mit einem Verein, der nicht die Mittel wie Manchester United, Manchester City und Chelsea hat, erfolgreich sein kann", sagt Hunter.

Sturkopf Moyes fest im Sattel

Bei den eigenen Anhängern ist Moyes, der bereits drei Mal zum Trainer des Jahres der Premier League gewählt wurde, ohnehin sehr beliebt. "Die Fans haben ihn am ersten Tag ins Herz geschlossen, als er den Verein als den 'People's Club' Liverpools bezeichnete", erinnert sich Hunter.

Moyes hat viele Krisen bei Everton überlebt, ernsthaft vor dem Rauswurf stand er nie. Diskussionen um seine Zukunft gibt es auch diesmal nicht, wenngleich dem Sturkopf Moyes immer mal wieder Beratungsresistenz vorgeworfen wird.

Das Vertrauen in Moyes ist nach wie vorhanden. Er soll Evertons lange titellose Durststrecke beenden. Die letzte Meisterschaft liegt fast 24 Jahre zurück, 1995 holten die Toffees mit dem FA-Cup und dem englischen Supercup die vorerst letzten Trophäen.

Villarreal-Pleite hängt noch nach

2005 war Everton nah dran an der ganz großen Bühne, scheiterte aber in der Champions-League-Quali am FC Villarreal. "Moyes betrachtete die Qualifikation für die Champions-League-Gruppenphase als Schlüssel für das langfristige Schicksal des Vereins", erklärt Hunter die Reichweite des Ausscheidens gegen die Spanier.

Durch das Aus gegen Villarreal entgingen Everton garantierte Einnahmen von 20 Millionen Euro.

Mit zwölf Punkten Rückstand auf den vierten Tabellenplatz ist die Königsklasse auch in diesem Jahr wieder in weiter Ferne. Dass es Everton dennoch drauf hat, zeigte der 2:1-Sieg bei Manchester City kurz vor Weihnachten.

"Es gibt keinen Zweifel daran, dass das Potenzial da ist, sich für die Europapokalplätze zu qualifizieren. Die Liga ist so eng beieinander, dass sie bei einem Lauf wieder im Rennen dabei sind", glaubt Hunter an eine mögliche Aufholjagd.

Es gibt schließlich Dinge, die man beeinflussen kann. Sogar in Liverpool.

Der FC Everton im Steckbrief

Tim Frische

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