Der FC Everton in der Krise

Der beliebte Sturkopf und seine Anti-Torjäger

Von Tim Frische
Freitag, 31.12.2010 | 11:55 Uhr
Jermaine Beckford ist mit zwei Saisontreffern noch der gefährlichste Angreifer des FC Everton
© Getty
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Everton ging mit hohen Erwartungen in die Saison. Alex Ferguson glaubte gar an eine Champions-League-Qualifikation der Toffees. Die Realität heißt jedoch Mittelmaß. Hauptverantwortlich dafür ist eine erschreckend schwache Offensive. Neue Spieler sollen her - doch Geld gibt es kaum. Trainer-Sturkopf Moyes kann weiter auf seine Beliebtheit bauen.

Es gibt Dinge, die kann der Mensch nicht beeinflussen. Das fängt früh an: Welches Erbgut bekommt man von Vater und Mutter verpasst? Kommt man als Junge oder Mädchen auf die Welt? Wird man Everton- oder Liverpool-Fan?

Zugegeben: Letztere Frage ist fast ausnahmlos für alle Menschen in der rund 430.000-Einwohner zählenden Stadt im Nordwesten Englands wichtig. Und ebenfalls zugegeben: Ein Zusammenhang zwischen Erbgut und Fanzughörigkeit dürfte einer empirischen Untersuchung wohl nicht Stand halten.

Dennoch ist letztere Frage entscheidend in der fußballverrückten Stadt an der Mersey. Als Fußballfan hat man in Liverpool entweder ein Blauer oder ein Roter zu sein. Ein Zwischending, gar eine Form von Zuneigung dem Nachbarn gegenüber, darf es nicht geben.

Mehr als nur ein Geheimtipp

Dabei gab es durchaus Zeiten der Annäherung. "Früher standen Rote und Blaue gemeinsam im Wembley nebeneinander. Auch zu Zeiten des Hillsborough-Desasters 1989 waren beide Fangruppen sehr miteinander verbunden. Erst in der letzten Dekade hat sich das geändert", sagt Andy Hunter, Liverpool- und Everton-Experte des "Guardian", im Gespräch mit SPOX.

Was beideTeams derzeit verbindet, ist allemal die sehr durchwachsene Saison 2010/11. Dabei waren gerade die Toffees bei Trainern und Experten vor der Saison ein Geheimtipp.

Nicht Arsenal, Tottenham oder Liverpool, dem FC Everton wurden die besten Chancen auf Platz vier eingeräumt. "Fast jeder in Everton ging davon aus, dass man um die Champions-League-Plätze spielen würde. Auch Sir Alex Ferguson tippte Everton vor der Saison auf Platz vier", sagt Hunter.

Miese Trefferquote

Die hohen Erwartungen kamen nicht von ungefähr: In den letzten 24 Premier-League-Spielen der vergangenen Spielzeit legten die Toffees eine phänomenale Serie hin und verloren nur noch zwei Mal.

Die Euphorie rund um den Goodison Park ist aber mittlerweile wieder verflogen: Rang elf nach 19 Spielen mit nur vier Siegen. Der Schuh drückt vor allem im Angriff. Erfolgreichster Stürmer ist aktuell Jermaine Beckford - mit zwei Saisontreffern.

Die Quote von Louis Saha (0 Tore in 13 Spielen) und Aiyegbeni Yakubu (1 Tor in 13 Spielen) ist noch schlechter. Tim Cahill ist es derzeit, der die Toffees mit seinen neun Treffern vor den hinteren Tabellenplätzen bewahrt.

Kaum finanzielle Mittel für neue Spieler

Trainer David Moyes setzt in dieser Saison, egal ob auswärts oder im heimischen Goodison Park, meist auf ein System mit nur einer echten Spitze, die vom offensiv ausgerichteten Cahill unterstützt wird. Mit dieser taktischen Variante kommen die Stürmer scheinbar allerdings nicht zurecht.

"Moyes hatte die Befürchtung schon vor der Saison geäußert und es hat sich bestätigt: Die Mannschaft braucht händeringend einen neuen Stümer", weiß Hunter. Everton benötigt dringend Verstärkung im Angriff, zumal Cahill im Januar mit der australischen Nationalmannschaft die Asien-Meisterschaft in Katar spielen wird.

Doch die finanziellen Mittel sind begrenzt. Die Toffees haben keinen Abramowitsch oder Scheich Mansour in der Hinterhand. Besitzer Bill Kenwright, als Schauspieler und Theaterproduzent vermögend geworden, muss man im Vergleich zu seinen Pendants aus London und Manchester schon fast als einen armen Schlucker bezeichnen.

Baines will bleiben

Englische Medien spekulierten zuletzt, dass mit Steven Pienaar, dessen Vertrag im Juli 2011 ausläuft und mit dem es wohl keine Einigung über eine Vertragsverlängerung geben wird, ein Mann aus dem gut besetzten Mittelfeld im Winter verkauft wird, um das nötige Geld für einen neuen Stürmer zusammenzukratzen. Auch Yakubu und Innenverteidiger Johnny Heitinga stehen zum Verkauf.

Leighton Baines, Objekt der Begierde des FC Bayern, würde Everton zehn Millionen Euro in die Kassen spülen. Doch der Linksverteidiger erklärte, den Verein nicht verlassen zu wollen.

Ein Grund für das klamme Vereinsportemonnaie ist das Stadion. "Der Goodison Park ist ist zwar ein atmosphärisches Stadion, das aber nicht die Einnahmen garantiert wie eine neue Arena. Die Fans lieben das Stadion, wissen und akzeptieren aber auch gleichzeitig, dass der Verein eine neue Spielstätte für seine Entwicklung braucht", erklärt Hunter.

Ein Umbau des Goodison Parks, wie von den Everton-Fans gewünscht, ist aus Kostengründen derzeit nicht realisierbar. Wahrscheinlicher ist ein Neubau, doch auch da bleibt vorerst die Frage nach der Finanzierung.

Beliebter und geschätzter Coach

Umso bemerkenswerter ist die Arbeit, die David Moyes seit Jahren leistet. Der 47-jährige Schotte hat es immer wieder geschafft, qualitativ hochwertige Kicker kostengünstig zu verpflichten. Cahill, Mikel Arteta und Pienaar haben insgesamt nur rund sieben Millionen Euro gekostet. "Alle drei haben unter Moyes eine herausragende Entwicklung genommen", lobt Hunter.

Moyes kam 2002 von Preston North End an die Mersey. Seine Handschrift war schnell erkennbar. Moyes hat das Team zu einer physisch starken, hart arbeitenden und defensiv disziplinierten Einheit geformt. Auf diesen Tugenden besteht er auch heute noch, versucht aber mit den kreativen Arteta, Pienaar und Fellaini mehr Flair in das Spiel zu bekommen.

"Moyes wird von seinen Tainerkollegen sehr geschätzt und stets als Beispiel angeführt, wie man mit einem Verein, der nicht die Mittel wie Manchester United, Manchester City und Chelsea hat, erfolgreich sein kann", sagt Hunter.

Sturkopf Moyes fest im Sattel

Bei den eigenen Anhängern ist Moyes, der bereits drei Mal zum Trainer des Jahres der Premier League gewählt wurde, ohnehin sehr beliebt. "Die Fans haben ihn am ersten Tag ins Herz geschlossen, als er den Verein als den 'People's Club' Liverpools bezeichnete", erinnert sich Hunter.

Moyes hat viele Krisen bei Everton überlebt, ernsthaft vor dem Rauswurf stand er nie. Diskussionen um seine Zukunft gibt es auch diesmal nicht, wenngleich dem Sturkopf Moyes immer mal wieder Beratungsresistenz vorgeworfen wird.

Das Vertrauen in Moyes ist nach wie vorhanden. Er soll Evertons lange titellose Durststrecke beenden. Die letzte Meisterschaft liegt fast 24 Jahre zurück, 1995 holten die Toffees mit dem FA-Cup und dem englischen Supercup die vorerst letzten Trophäen.

Villarreal-Pleite hängt noch nach

2005 war Everton nah dran an der ganz großen Bühne, scheiterte aber in der Champions-League-Quali am FC Villarreal. "Moyes betrachtete die Qualifikation für die Champions-League-Gruppenphase als Schlüssel für das langfristige Schicksal des Vereins", erklärt Hunter die Reichweite des Ausscheidens gegen die Spanier.

Durch das Aus gegen Villarreal entgingen Everton garantierte Einnahmen von 20 Millionen Euro.

Mit zwölf Punkten Rückstand auf den vierten Tabellenplatz ist die Königsklasse auch in diesem Jahr wieder in weiter Ferne. Dass es Everton dennoch drauf hat, zeigte der 2:1-Sieg bei Manchester City kurz vor Weihnachten.

"Es gibt keinen Zweifel daran, dass das Potenzial da ist, sich für die Europapokalplätze zu qualifizieren. Die Liga ist so eng beieinander, dass sie bei einem Lauf wieder im Rennen dabei sind", glaubt Hunter an eine mögliche Aufholjagd.

Es gibt schließlich Dinge, die man beeinflussen kann. Sogar in Liverpool.

Der FC Everton im Steckbrief

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