Fussball

Der Kosovo sorgt für Furore: Eine junge Fußballnation auf der Überholspur

Von Robin Haack
Benjamin Kololli bejubelt seinen Treffer beim 3:1-Sieg gegen Malta.
© imago

In der Nations League steht der Kosovo vor dem größten Spiel seiner Geschichte. In Liga D geht es im direkten Duell mit Aserbaidschan um den Gruppensieg. Schon ein Remis reicht zum Aufstieg in Liga C. Dank Talent und Leidenschaft ist die junge Fußballnation im Aufwind.

"Im Kosovo kann etwas Großes entstehen", erklärte Nationalspieler Besar Halimi im Goal-Interview im April dieses Jahres. Zu einem Zeitpunkt, an dem die junge Fußballnation noch keine Erfolgsgeschichte vorzuweisen hatte. Bei der ersten Teilnahme an einer WM-Qualifikation war der Kosovo, der erst seit 2016 offiziell Mitglied der FIFA wurde, als Gruppenletzter sang- und klanglos gescheitert.

Heute, rund sieben Monate später, kann man das nicht mehr zweifelsfrei behaupten, denn die Kosovaren haben es geschafft, gehörig auf sich aufmerksam zu machen. Grund dafür ist die Nations League, in der der 1,8-Millionen-Einwohner-Staat in Liga D mächtig für Furore sorgt.

Denn während in Deutschland viel über das neu geschaffene Ligensystem für Nationalteams gemeckert wird, hat man in kleinen Verbänden wie dem Kosovo die große Chance des Wettbewerbs verstanden. Neben einem Aufstieg in die nächsthöhere Liga winkt nämlich auch ein Platz bei der Europameisterschaft 2020.

Kosovo mit Endspiel gegen Aserbaidschan in der Nations League

Unter diesen Vorzeichen blieb der Kosovo in Liga D in fünf Spielen ohne Niederlage und steht einen Spieltag vor Schluss zwei Punkte vor Verfolger Aserbaidschan an der Tabellenspitze. Beide Teams stehen sich am Dienstag in einem Endspiel um den Gruppensieg gegenüber (20.45 Uhr live auf DAZN und im LIVETICKER) und die Vorfreude im Land ist riesig, schließlich reicht den Kosovaren ein Unentschieden zum Aufstieg.

"Wir sind sehr euphorisch und die Leute hier drehen alle völlig durch", verriet Halimi kurz vor dem wegweisenden Duell SPOX und Goal. "Es wird das größte Spiel unserer Verbandsgeschichte."

Kosovo an der Spitze: Die Tabelle von Gruppe 3 der Liga D

Platz

Mannschaft

Spiele

Diff.

Punkte

1

Kosovo

5

9

11

2

Aserbaidschan

5

5

9

3

Faröer-Inseln

5

-5

4

4

Malta

5

-9

2

"Für viele im Kosovo bedeutet der Fußball alles und die Bevölkerung macht es unglaublich stolz, uns siegen zu sehen", schwärmt auch Nationalspieler Donis Avdijaj im exklusiven Gespräch mit SPOX und Goal von der Leidenschaft seiner Landsleute.

Der 22-jährige Ex-Schalker überzeugt inzwischen bei Willem II in der Eredivisie und erzielte beim 5:0-Sieg gegen Malta seine ersten beiden Länderspieltore für das Geburtsland seiner Eltern. Ein Spiel, das weit über die Grenzen des Kosovos hinaus für Schlagzeilen sorgte und auch in Deutschland viele Fußballfans mit kosovarischen Wurzeln stolz machte.

Riesige Begeisterung für die Nationalmannschaft des Kosovo

Wie groß die Sportbegeisterung beim FIFA-Neuling tatsächlich ist, zeigt schon die Nachfrage nach Tickets für die Länderspiele im eigens für die Nations League errichteten Stadion. "Die Karten für unser letztes Heimspiel in der Nations League waren nach 32 Minuten ausverkauft. Die Nachfrage war so groß, dass wir als Spieler nicht einmal mehr Karten für unsere Familien bekommen haben", sagt Avdijaj.

Doch nicht nur mit ausgeprägter Leidenschaft kann der Kosovo überzeugen. Auch fußballerisch steckt viel Qualität in der Mannschaft von Nationaltrainer Bernard Challandes. Besonders auffällig ist dabei die Fülle an talentierten Spielern wie etwa dem Bremer Milot Rashica.

Nur zwei Spieler des aktuellen Kaders sind älter als 26 Jahre. Mit Blick auf Profis wie Arber Zeneli (SC Heerenveen, 23), Valon Berisha (Lazio Rom, 25), Edon Zhegrova (KRC Genk, 19), Arijanet Muric (Manchester City, 20) oder Avdijaj, Halimi und Rashica scheint es, als hätten diese hungrigen Kosovaren in den vergangenen Jahren nur darauf gewartet, sich auf internationaler Ebene zeigen zu dürfen. "Was die Einzelspieler angeht, sind wir auf einem sehr guten Weg", findet Halimi.

Kosovo: Viele Talente, doch Kühe auf dem Trainingsplatz

"Wir haben sehr viele starke Talente und ich glaube, dass unsere Mannschaft das Potenzial hat, in den kommenden Jahren für Furore zu sorgen", erklärt Avdijaj, macht aber gleichzeitig klar, dass man von der jungen Fußballnation nicht zu viel erwarten sollte. "Wir müssen kleine Schritte machen, auch wenn es in der Nations League sehr gut läuft. Wir hängen noch in vielen Dingen hinterher. Es ist noch ein weiter Weg bis zu den Top-Nationen."

Grund für den Tritt auf die Euphoriebremse sind die noch längst nicht ausgereiften Strukturen und Rahmenbedingungen im Verband, was schon ein Blick auf die Trainingsbedingungen zeigt. "Als wir einmal aus der Kabine kamen und zum Trainingsplatz gingen, waren Kühe auf dem Platz. Bevor wir also mit dem Training beginnen konnten, mussten wir die Kühe vom Platz treiben", erzählte Halimi im April mit einem Lachen.

Doch auch wenn solch kuriose Geschichten im sonst so perfekt organisierten Profifußball lustig klingen, zeigen sie, dass der Kosovo noch längst nicht auf Augenhöhe mit den Top-Nationen arbeitet. "Da die meisten Plätze derart schlecht sind, fahren wir mit der Nationalmannschaft teilweise zwei Stunden, um auf dem besten Trainingsplatz des Landes zu trainieren. Als ich dort das erste Mal war, war ich geschockt, denn auch dieser Platz war miserabel", macht Avdijaj den Ernst der Lage klar.

Nationalspieler des Kosovo verdienen in ganz Europa ihr Geld

Die Nationalspieler selbst ärgern diese schlechten Bedingungen allerdings nur bedingt, obwohl sie aus ihren Vereinen andere Standards gewohnt sind. Bis auf Ersatztorwart Visar Bekaj, der beim FC Prishtina sein Geld verdient, spielt der komplette Kader in renommierteren Ligen in ganz Europa. "Wir Kosovaren sind lockere Typen, die solche Dinge mit einem Lächeln hinnehmen", meint Halimi, der beim dänischen Pokalsieger Bröndby IF spielt.

Diese Lockerheit machte sich bislang auch in der Nations League bemerkbar, in der das Team noch ohne Niederlage ist. Schafft man es, die gute Stimmung weiter an den Tag zu legen, könnte Halimi tatsächlich Recht behalten und im Kosovo kann "etwas Großes entstehen".

Ein gutes Ergebnis gegen Aserbaidschan und der Aufstieg in Liga C wären ein erster Fingerzeig für das, was im Balkanstaat möglich ist. "Natürlich reicht ein Unentschieden", weiß Halimi. "Doch jeder hier erwartet einen Sieg von uns und ich bin sicher, dass wir Aserbaidschan schlagen, wenn wir unser Potenzial auf den Rasen bringen können - und dann wird gefeiert."

Werbung
Werbung
Werbung
Werbung