"Ich bin der mit den vielen Toren"

Rainer Rauffmann wurde in Zypern zur Stürmer-Legende
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SPOX: Bereuen Sie diese Phase insofern, dass Sie auch in Deutschland erfolgreicher hätten Fußball spielen können?

Rauffmann: Ich bereue gar nichts in meinem Leben. Das waren alles Erfahrungen, die ich machen musste, um zu dem zu werden, der ich jetzt bin. Mein ehemaliger Trainer und Lehrmeister Horst Ehrmantraut hat mich sehr geprägt, ich saß ja auch zwei Mal wöchentlich bei ihm im Büro. (lacht) Der muss auch geglaubt haben, dass ich ihm nie richtig zugehört habe, weil ich seine Ratschläge anfangs nicht wirklich umgesetzt habe. Erst in Zypern konnte ich seinen Aufruf zu mehr Professionalität umsetzen, das hat mir auch gut getan.

SPOX: Bis heute halten sich Geschichten von Weißbier-Abenden in der Meppener Fußballkneipe "Strohhalm", dass Sie Mitspieler bis kurz vor dem Anpfiff eines Spiels suchen mussten oder Sie sich wegen eines Insektenstichs krankschreiben ließen. Was stimmt?

Rauffmann: Die ersten beiden Geschichten sind richtig, die dritte falsch. Zur zweiten Story: Das war in Meppen, dort bin ich häufig zu spät gekommen. An diesem Tag hatte ich Tag klassisch verschlafen, das Handy war auf lautlos geschalten. Meine Mitspieler fuhren zu mir nach Hause und klopften so laut an die Tür, bis ich wach wurde. Ich konnte einfach nicht im Hotel schlafen. Ich war immer anwesend und auch beim gemeinsamen Abendessen, aber um Mitternacht bin ich ausgebüxt und habe mich ins eigene Bett verzogen. Das wusste bis zu dem Tag, an dem ich verschlafen hatte, niemand.

SPOX: Wegen eines Knorpelschadens im Knie beendeten Sie 2003 Ihre aktive Karriere. Ein Jahr später im Mai stand Ihr Abschiedsspiel an, das in Zypern nur verdiente Spieler bekommen.

Rauffmann: Da haben wir mit Omonia 8:1 gegen eine Landesauswahl gewonnen, für die auch Andreas Möller auflief. Ich wollte einen großen Namen aus Deutschland holen. Als ich ihn anrief und fragte, ob er sich das vorstellen könne, sagte er: Ich sitze morgen im Flieger. Ich stand bei dem Kick nur vorne rum, weil ich mich nicht mehr richtig bewegen konnte. Immerhin ist mir noch ein Hattrick gelungen.

SPOX: Anschließend arbeiteten Sie eineinhalb Jahre lang als Sportdirektor bei Omonia, wechselten danach als Trainer zum Lokalrivalen Olympiakos. Wieso ist das bis heute Ihre einzige Station als Trainer?

Rauffmann: Ich habe nie einen Trainerschein gemacht. Mein Co-Trainer bei Olympiakos besaß eine Lizenz und ich habe a la Franz Beckenbauer den Teamchef gegeben. Ich wollte es auf jeden Fall mal probieren, wir haben uns aber nach nur einem halben Jahr wieder getrennt. Ich habe gemerkt, dass der Trainerjob nicht meins ist. Ich kann Spieler einschätzen und habe ein gutes Auge, aber um mit über 20 verschiedenen Charakteren umzugehen, dafür bin ich nicht Psychologe genug.

SPOX: 2013 kehrten Sie zu Omonia zurück. Was haben Sie in den fünf Jahren zuvor gemacht?

Rauffmann: Ich hatte in der Nähe meines Hauses in Nikosia eine Fußballschule für Kinder. Das ist ein riesiger Boom, es gibt knapp 200 Fußballschulen auf Zypern. Fast jedes fünf- oder sechsjährige Kind ist dort angemeldet, drei Mal pro Woche wird jeweils eineinhalb Stunden trainiert. Die Kids spielen auch in Vereinen, aber nutzen das als eine Art Extra-Training. Ich habe selbst auf dem Platz gestanden, mit Kindern kann ich einfach gut. Die Schule gibt es auch noch, aber ich habe meine Anteile daran zwischenzeitlich verkauft.

SPOX: Welche Funktion haben Sie aktuell bei Omonia genau?

Rauffmann: Ich sehe mich als Feuerwehrmann und Mädchen für alles, einen offiziellen Titel brauche ich nicht. Sie brauchten einen Frontmann. Es lodert hier immer wieder mal, oft brennt es auch richtig. Bei Omonia muss man viel Wasser im Tank haben, um alle Brände zu löschen.

SPOX: Was ist los?

Rauffmann: Der Klub hat ein riesengroßes finanzielles Problem. 2008 wurde ein Präsident installiert, der keine Ahnung vom Fußball hatte und verschwenderisch mit dem Geld umging. Fünf Jahre später hatten wir 35 Millionen Euro Schulden und standen vor dem Aus. Und dann ist etwas passiert, was mir heute noch die Haare zu Berge stehen lässt.

SPOX: Erzählen Sie!

Rauffmann: Unsere Fans sind sammeln gegangen. Da haben Rentner ihren Monatsscheck abgegeben. Die Liebe für den Verein ist kaum zu beschreiben. So kamen einige Millionen zusammen, in den letzten vier Jahren konnten wir den Schuldenstand auf rund 13 Millionen verringern. Jetzt kann man wieder einigermaßen vernünftig arbeiten. Die neue Vereinsführung ist seriös und hat einen Igel in der Tasche, jede Ausgabe wird genau abgewogen.

SPOX: Heißt für Ihre Arbeit?

Rauffmann: Wir können nur ablösefreie Spieler verpflichten. Aus Deutschland kann ich nur Profis ansprechen, die in ein Loch gefallen oder am Ende ihrer Laufbahn sind. Die größte Ausländergruppe hier besteht aus Portugiesen, Brasilianern und Argentiniern. Ich war letztes Jahr beispielsweise drei Wochen in Argentinien. Dort ist der Fußball auch finanziell angeschlagen, aber da laufen junge Talente herum, das ist der Wahnsinn. Urlaub ist in unserem Klub ohnehin ein Fremdwort. Wir spielen meistens ganz früh die Qualifikationsrunden für die Europa League, so dass die Vorbereitung recht schnell nach Saisonende begonnen werden muss. Im Idealfall kommt man auf sieben Tage Urlaub im Jahr.

SPOX: Der Fußball in Zypern wird immer wieder von Skandalen erschüttert. Es gibt Korruptions- und Manipulationsvorwürfe. Wie beobachten Sie das?

Rauffmann: Im südzyprischen Teil des Landes leben 850.000 Menschen, es gibt aber 28 Profiteams in den beiden ersten Ligen. Das sind zunächst einmal viel zu viele Vereine, bei manchen Erstligaspielen werden keine 50 Eintrittskarten verkauft. Ich habe keine Ahnung, wie diese Klubs ihre Spieler bezahlen und ob das Fernsehgeld wirklich ausreicht. Die größten Probleme haben wir aber mit den Schiedsrichtern.

SPOX: Die sich schon Bombendrohungen ausgesetzt sahen.

Rauffmann: Zypern braucht unbedingt den Videoassistenten, denn hier werden sehr, sehr viele merkwürdige Entscheidungen getroffen. Der Einfluss von APOEL, des reichsten Klubs der Insel, ist einfach enorm. Auch auf den Fußballverband, denn hier ist vieles politisch beeinflussbar. Ein unabhängiges, am besten noch ausländisches Schiedsrichter-Gericht würde dem gesamten Fußball nur gut tun.

SPOX: Sie leben hier in einem geteilten Land: Die Griechen im Süden, die Türken im Norden - durch Nikosia läuft die Trennlinie. Wie erleben Sie diesen politischen Konflikt und wie sehr beherrscht er den Alltag?

Rauffmann: Er beherrscht ihn tagtäglich. Meine Frau ist ein Flüchtling im eigenen Land, sie hat ihr Geburtshaus seit über 40 Jahren nicht mehr gesehen. Als die Türken 1974 einmarschierten, musste sie ihre Heimat mitten in der Nacht verlassen. Seit fünf Jahren darf sie wieder in den nordzyprischen Teil, übernachten ist allerdings verboten. Ihre Heimat fehlt ihr und sie erzählt oft, wie schön es dort war. So geht es sehr vielen hier. Die meisten teilen dasselbe Schicksal, deshalb ist der Zwist auch allgegenwärtig. Es wird in Südzypern nicht gerne gesehen, wenn Touristen ihr Geld auch im Norden ausgeben.

SPOX: Ist ein Ende dieses Konflikts in Ihren Augen realistisch?

Rauffmann: Die Südzyprer wollen auf jeden Fall ein gemeinsames Land, aber die Türken nicht. Die Geschichte hat gezeigt, dass die Türkei nichts mehr zurückgibt, was sie mit ihrem eigenen Blut geholt hat.

SPOX: Herr Rauffmann, vielen Dank für die Einblicke. Zum Schluss noch zwei "deutsche" Fragen: In Ihrem Geburtsland gelten Sie längst als Kultkicker. Können Sie sich mit einer solchen Bezeichnung anfreunden?

Rauffmann: Mit Kultkicker habe ich kein Problem, das passt. (lacht) Ich war und bin wohl einfach ein Typ, früher noch mit wilder Mähne. Das scheint den Leuten einfach zu gefallen, auch hier. Ich glaube, 99 Prozent der Einheimischen haben mittlerweile meine Telefonnummer.

SPOX: 2009 sagten Sie uns, dass Ihnen als Bayer die Knödel am meisten fehlen würden. Ist das noch so?

Rauffmann: Gott sei Dank war ich zum Hinspiel zwischen APOEL und Dortmund bei Sky in München eingeladen. Da habe ich mir als erstes einen Schweinsbraten mit Knödeln gegönnt. Und meine Gefriertruhe ist jetzt wieder gerammelt voll, 15 Pakete Knödel habe ich mitgenommen. Die muss ich mir immer auf diese Weise besorgen. Für Weißwürste habe ich in Nikosia mittlerweile einen Münchner Metzger gefunden.

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