Luzern-Trainer Markus Babbel im Interview

"Wieso nicht der Klopp von Luzern?"

Dienstag, 04.08.2015 | 10:45 Uhr
Führte den FC Luzern im Vorjahr vom letzten Platz fast bis in die Europa League: Markus Babbel
© imago
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SPOX: Wie meinen Sie das?

Babbel: Man muss natürlich auch hier in erster Linie Resultate liefern und bekommt sein Fett weg, wenn das nicht gelingt. Dafür hat man aber unter der Woche viel mehr Ruhe, um sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Wenn ich sehe, wie zunehmend hektisch es in der Bundesliga zugeht und wie schnell dort gegen die Trainer geschossen wird, dann geht es hier deutlich angenehmer zur Sache.

Super League: Die Tabelle im Überblick

SPOX: Das hat wohl auch damit zu tun, dass der Fußball in der Schweiz nicht diesen exponierten Stellenwert innerhalb der Gesellschaft einnimmt wie in Deutschland. Ist das hier noch die Art von Entschleunigung, der so mancher Fußballromantiker hinterhertrauert?

Babbel: Es ist Back to the roots, ganz eindeutig. Es herrscht ein Stück weit Normalität, die andernorts häufig vollkommen verloren gegangen ist. Schauen Sie sich die Gehälter meiner und vergleichbarer Spieler in Deutschland an - da stimmt das Verhältnis überhaupt nicht mehr. Dazu ist es angenehm, dass man hier mit relativ wenig Aufwand eine Top-Mannschaft zusammenstellen und viel erreichen kann. Wir verfolgen beim FCL den Ansatz der Talentförderung und müssen uns zwei Mal überlegen, ob wir 300.000 Euro in einen Spieler investieren. Sie sehen, in welch gemäßigten Dimensionen man sich hier bewegt - und das gefällt mir.

SPOX: Geht Ihnen der Wahnsinn, der in den europäischen Top-Ligen in Sachen Gehaltsstrukturen oder Ablösesummen Einzug erhalten hat, gegen den Strich?

Babbel: Ich bin der Meinung, dass ein Top-Spieler viel kosten und viel verdienen darf. Ich tue mich vor allem mit dieser Vielzahl an durchschnittlichen Spielern schwer, die definitiv zu viel verdienen. Wegen der Stars kommen die Zuschauer in die Stadien, weil sie außergewöhnliche Leistungen bringen. Der Durchschnittskicker hält da sportlich kein bisschen mit, liegt beim Gehalt aber nur knapp darunter - das ist mir ein Dorn im Auge. Wenn ich einem 18-Jährigen, der noch nichts geleistet hat, ein Millionengehalt bezahlen muss, damit er bleibt, dann tut das dem Fußball nicht gut. Leider wird sich diese ganze Entwicklung aber wohl nicht aufhalten lassen, sondern stattdessen immer rasanter voranschreiten.

SPOX: Damit einhergehend hat sich auch die Dauer von Traineranstellungen verändert. Sie sagen, es wäre für Sie ein großer Traum, wenn Sie mal zehn Jahre am Stück für einen Verein arbeiten könnten. Das ist doch mittlerweile vollkommen unrealistisch, oder?

Babbel: Ich weiß es nicht. Letztlich ist vor allem das Verhalten des Präsidiums im Misserfolgsfall wichtig. Es darf die Überzeugung, die es zuvor vom Trainer hatte, einfach auch in einer solchen Phase nicht verlieren. Dabei hilft es sicherlich, bereits eine zwischenmenschliche Basis entwickelt zu haben, die das Band in solchen Situationen dann stärkt. Nur so wird es in meinen Augen künftig möglich sein, dass eine solche Dauer vorkommen kann. Thomas Schaaf in Bremen oder auch Jürgen Klopp in Dortmund sind solche Ausnahmen, die gibt es ja zum Glück immer mal. Wieso also nicht der Klopp von Luzern werden wollen? (lacht)

SPOX: Man kann es auch an Ihrer eigenen Trainer-Vita ablesen: Weder in Stuttgart, noch in Berlin oder Hoffenheim sind Sie in die dritte Saison gegangen. Das Ende bei der Hertha war das unrühmlichste und wurde als Schlammschlacht bezeichnet. Wie denken Sie heute darüber?

Babbel: Über Berlin darf ich nicht mehr reden. Sonst sind sie wieder beleidigt.

SPOX: Wie unangenehm aber war es für Sie, die ständigen Nachfragen zu Ihrer möglichen Vertragsverlängerung ertragen zu müssen?

Babbel: Das war für mich natürlich sehr unangenehm und es ist sehr schade, wie es auseinander gegangen ist. Ich weiß aber wiederum nicht, wie ich es anders hätte lösen können - außer gleich öffentlich zu sagen, dass ich meinen Vertrag nicht verlängern werde. Was nach den Erfolgen, die wir zuvor gemeinsam erzielen konnten, auf einmal daraus geworden ist, bleibt extrem bedauerlich. Wenn man sich die aktuelle Geschichte um Peter Niemeyer vergegenwärtigt (der Ex-Kapitän wurde aussortiert und durfte am Training nicht mehr teilnehmen, Anm. d. Red.), sieht man allerdings, dass ich kein Einzelfall bin.

SPOX: Gab es zwischenzeitlich eine Aussprache mit Manager Michael Preetz?

Babbel: Nein, dazu habe ich kein persönliches Bedürfnis. Es ist gut so, wie es ist.

SPOX: Als Sie kurz darauf in Hoffenheim unterschrieben, befand sich der Klub ein bisschen auf der Suche nach sich selbst. Waren Sie damals einfach zur falschen Zeit am falschen Ort?

Babbel: Letztlich würde ich sagen: Ich habe Hoffenheim nie richtig verstanden. Wir dachten damals, dass man vom Image der grauen Maus wegkommen müsse und haben solche Charaktere wie Tim Wiese, Eugen Polanski oder Matthieu Delpierre in den Verein geholt. Das war im Nachhinein gesehen eine völlig falsche Entscheidung.

SPOX: Inwiefern?

Babbel: Hoffenheim ist so, wie es ist - und das ist auch gut so. Es war einfach ein Missverständnis. Wir sind falsch gelegen und haben Spieler in Positionen gebracht, die sie nicht bestätigen konnten. Es wirkte dann nach außen so, als ob der Verein seine Identität verloren hätte. Hoffenheim hat nicht zu mir und ich habe nicht zu Hoffenheim gepasst.

SPOX: Hegen Sie einen Groll dem Verein gegenüber?

Babbel: Um Gottes Willen, auf keinen Fall. Die Philosophie, die aktuell verfolgt wird, ist ja wieder diejenige, mit der man auch in die Bundesliga gestartet ist. Ich freue mich, dass sie dank des Kurswechsels wieder in der Spur sind und durch die Länge der Teilnahme an der Bundesliga gewisse Sympathien zurückgewonnen haben. Es kommen gute junge Talente nach und sie liefern attraktive Spiele ab. Markus Gisdol und Alexander Rosen machen dort einen exzellenten Job.

SPOX: Das Hoffenheim-Wappen haben Sie sich aber nicht tätowieren lassen.

Babbel: Nein. Ich habe ja schon einmal betont, dass es mir einfach nicht so gut gefällt. Ich habe aber eine andere Erinnerung an diese Zeit unter der Haut.

SPOX: Wie sieht es mit dem FC Luzern aus? Der Schweizer Boulevard berichtete, dass Sie in einem Tattoo-Studio aufkreuzten, aber nicht bezahlen wollten.

Babbel: Man hat sich dafür mittlerweile öffentlich bei mir entschuldigt. Das war natürlich Blödsinn und letztlich wohl eine Verwechslung. Das Luzern-Tattoo ist mittlerweile drauf.

SPOX: Und bezahlt?

Babbel: Selbstverständlich. Ich bin ganz normal in ein Tattoo-Studio bei mir in der Straße gegangen, habe ein Vorab-Gespräch geführt, mir einen Termin geben lassen und eine Anzahlung geleistet. Dann kam ich wieder und habe mir das Ding stechen lassen. Schön, dass ich das hier einmal klarstellen konnte. (lacht)

Seite 1: Babbel über die Toten Hosen und wieso er froh war, entlassen worden zu sein

Seite 2: Babbel über sein Hertha-Aus, Fehler in Hoffenheim und die Tattoo-Affäre

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