John Guidetti im Porträt

Der Teenager, vor dem die Männer Angst haben

Von Tim Habicht
Mittwoch, 29.02.2012 | 16:23 Uhr
John Guidetti wurde 2011 von Manchester City zu Feyenoord Rotterdam ausgeliehen
© Imago
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Der FC Bayern München ist an ihm interessiert. In seiner schwedischen Heimat nennt man ihn den kleinen Pit Bull und vergleicht ihn mit einem Fleischball. Und: In 17 Spielen traf er 18 Mal in die Maschen. John Guidetti. Der 19-jährige Angreifer ist von Manchester City an Feyenoord Rotterdam ausgeliehen und begeistert das niederländische Publikum. Aber wer ist der Schwede mit italienischen Wurzeln überhaupt?

Am 29. Januar um 14.15 Uhr kocht das Stadion von Feyenoord Rotterdam. 48.000 Zuschauer bejubeln ihre Mannschaft nach dem grandiosen 4:2-Erfolg gegen Ajax Amsterdam. Der erste Sieg seit über sechs Jahren gegen den Rivalen. Ein Spieler steht im Mittelpunkt: John Guidetti. Der 19-jährige Schwede feiert ausgelassen mit den Fans. Frenetisch lassen die Rotterdamer ihren Helden im De Kuip hochleben. Ein Publikumsliebling ist geboren. Doch was ist passiert?

Guidetti, der seit Beginn der Saison von Manchester City an Feyenoord Rotterdam ausgeliehen ist, erzielte seinen zweiten Hattrick in der laufenden Saison und zerlegte den holländischen Rekordmeister quasi im Alleingang.

Besonders beeindruckend: Guidetti lag wenige Tage vor der Begegnung noch mit 40 Grad Fieber im Krankenhaus. Der Schwede mit italienischen und brasilianischen Wurzeln hat jetzt 18 Treffer in 17 Spielen (dazu noch sieben Torvorlagen) in der niederländischen Eredivisie erzielt. Eine sagenhafte Quote - und Guidetti war vor der Saison ein absoluter Nobody. In Rotterdam lieben ihn inzwischen alle.

Transfer-Posse mit Enschede

Guidetti und Rotterdam war allerdings nicht Liebe auf den ersten Blick. Der Mittelstürmer war sich eigentlich schon mit Twente Enschede über einen Vierjahresvertrag einig. Der Teenager war mit seinem Vater Mike in Enschede, absolvierte den medizinischen Test und wollte unterschreiben. Dann ein Anruf seines Beraters Per Jonsson: Unterschreibe nicht! Transfer-Wirr-Warr in Holland.

Denn kurzfristig flatterte ein Angebot von Feyenoord Rotterdam ein. Also musste sich Jonsson etwas überlegen: Guidetti wolle den Vertrag vor der Unterschrift noch mit einem schwedischen Anwalt durchgehen, ließ der Twente wissen. Die wahren Gründe waren aber andere.

Guidetti war sich offenbar nicht mehr sicher, ob er bei Twente, das bereits Luuk de Jong verpflichtet hatte, genügend Einsatzzeit bekommen würde. Also entschied sich der Stürmer um und unterschrieb bei Feyenoord. Jonsson über die Transfer-Posse: "Das wichtigste für einen jungen Spieler ist: zu spielen. Und da mussten wir uns fragen, ob Twente die richtige Wahl war."

Besonders bitter für Enschede: Ausgerechnet gegen den Klub, für den er eigentlich hätte spielen sollen, schnürte der junge Schwede seinen ersten von inzwischen drei Dreierpacks. Der letzte Feyenoord-Spieler, der mehr als einen Hattrick in einer Saison erzielen konnte, war Dirk Kuyt in der Saison 2004/2005.

"Ich nenne ihn den kleinen Pit Bull"

Rotterdam war im nachhinein definitiv die richtige Wahl für das 1,85 Meter große Kraftpaket. Spielerisch beeindruckt Guidetti durch seine körperliche Präsenz. Er ist erst 19 Jahre alt, aber schon derart wuchtig und kräftig gebaut, dass seinen Gegner Angst und Bange wird, wenn er auf sie zuläuft. Sein Trainer Ronald Koeman: "Die gegnerischen Spieler haben Angst vor Guidetti. Man sieht das sogar bei Spielern wie Jan Vertonghen. Sie geben ihm einen zusätzlichen Meter Platz, den er dann eiskalt nutzt. Selbst erfahrene Spieler versuchen ihn zu meiden."

Sein Revier des ist der gegnerische Strafraum. Guidetti fordert ständig den Ball, schirmt ihn gegen seine Gegenspieler gekonnt ab und sucht immer sofort den Abschluss. Der Schwede erzielt seine Treffer oft in Torjägermanier. Er steht einfach genau da, wo das Leder hinkommt. Kein unnötiger Haken. Schnörkellos und erfolgreich.

Für zehn Millionen Euro zum FCB? Bayern interessiert an Schweden-Knipser

John Alberto Fernando Andres Luigi Olof Guidetti, wie der Stürmer mit vollem Namen heißt, strotzt nur so vor Selbstvertrauen und übernimmt viel Verantwortung. Er schießt jeden Elfmeter und zimmert die Kugel mit Vorliebe links oben unter die Latte. Und auch neben dem Platz führt Guidetti die Feyenoord-Truppe an: In der Kabine soll der 19-Jährige die Musik aussuchen. "Jeder Mitspieler richtet sich an ihm auf", sagt Koeman.

Mit 15 Jahren ging Guidetti vom schwedischen Klub Brommapojkarna nach Manchester. Den selben Weg (allerdings zu Manchester United), legte auch Bojan Djordjic zurück. Beide Schweden sind miteinander befreundet. Inzwischen spielt Djordjic bei Royal Antwerp in Belgien: "John ist äußerst reif für sein Alter. Er weiß, was er will und er setzt das in die Tat um. Wenn man ihn nicht kennt, kann man denken, dass er frech oder aufmüpfig ist. Aber er ist einfach immer offen und ehrlich und steht zu dem, was er macht und sagt." Nicht nur seine Persönlichkeit erinnert an den letzten großen schwedischen Superstar: Zlatan Ibrahimovic. Und Guidetti könnte der nächste schwedische Spieler sein, der in aller Munde ist.

"Nach Zlatan Ibrahimovic gab es in Schweden keinen talentierten jungen Spieler mehr, über den man in Europa geredet hat. Jetzt ist John da." Und lächelnd fügt Djordjic hinzu: "Ich nenne ihn den kleinen Pit Bull und er hat einen Kopf, der mich ein bisschen an einen schwedischen Fleischball erinnert."

Der Lohn: Berufung zum Nationalspieler

Gegen Kroatien feierte der schwedische Fleischball sein Debüt in der A-Nationalmannschaft. Seine Berufung war ohnehin nur eine Frage der Zeit. Schwedens Nationaltrainer Erik Hamren zur Guidetti-Berufung: "Ich sehe in John einen Spitzenstürmer. 18 Tore in 17 Spielen sagen eigentlich alles."

Und auch Ole Kindvall, die Feyenoord-Legende, die die Niederländer zum Europacup-Titel schoss, ist voll des Lobes für seinen Landsmann: "Er hat bei Feyenoord so starke Leistungen gezeigt. Er gehört in die Nationalmannschaft. Ich meine: 18 Tore in 17 Spielen, das ist verdammt gut. Er hat Selbstvertrauen und weiß, was er kann. Er ist erst 19 Jahre alt, aber so verdammt gut."

Die Nominierung des Feyenoord-Stürmers sorgte in den schwedischen Medien für kontroverse Diskussionen. Soll Hamren sein 4-2-3-1-System ändern - extra für Guidetti? Markus Johannesson, ehemaliger schwedischer Nationalspieler, ist bei "svt.se" eher skeptisch: "Man muss sehen, dass wir eine große Konkurrenz in der Mannschaft haben. Wir haben Zlatan, einen der besten Angreifer der Welt, und Johan Elmander, der richtig gut bei Galatasaray spielt. Ich glaube, Guidetti ist nur ein Ersatzspieler."

Glenn Strömberg, ebenfalls Ex-Schweden-Nationalspieler, sagt allerdings: "Warum nicht Ibra und Guidetti? Beide zeigen eine starke Leistung und haben eine ausgeprägte Siegermentalität. Außerdem sind beide unglaublich gefährlich im Strafraum. Ich glaube, Zlatan würde sich super mit Guidetti ergänzen. Denn der ist etwas flinker."

Die Emotionen gehen mit ihm durch: Gelb-Rot

Ob mit oder ohne Guidetti in der Startelf. Der junge Stürmer wird seinen Weg in der Nationalmannschaft gehen. Und obwohl er auf dem Platz voller Selbstvertrauen sprüht und zuweilen durchaus arrogant rüberkommt, bleibt er neben dem Platz bescheiden. In einem Interview mit "Feyenoord-TV" sagt Guidetti: "Ich bin stolz, bei einem Klub wie Feyenoord spielen zu dürfen. Das ist eine absolute Top-Adresse mit unglaublichen Fans."

Natürlich muss der Youngster noch lernen. Zum einen geht ihm die Gefährlichkeit mit dem linken Fuß etwas ab, was ihn für seine Gegenspieler berechenbarer macht. Zum anderen geht manchmal das Temperament mit dem 19-Jährigen durch. Bestes Beispiel: Im Spiel gegen die RKC Waalwijk. In der 77. Minute erzielte er per Elfmeter das 1:0 im strömenden Regen. Bei seinem Jubel war er derart durch die Stimmung angeheizt und voller Emotionen, dass Guidetti sein Trikot auszog und auf den Rasen warf. Nur blöd, dass der Stürmer schon die gelbe Karte hatte und mit Gelb-Rot vom Platz flog. Feyenoord kassierte noch den 1:1-Ausgleich und musste im Topspiel gegen die PSV Eindhoven auf seinen besten Angreifer verzichten.

Ex-Feyenoord-Stürmer Roy Makaay sagt dazu: "Dass er seine Emotionen nach diesem Tor nicht zurückhält, sagt viel über seine Persönlichkeit aus." Guidetti ist eine ehrliche Haut. Wenn er im Interview sagt, dass er "immer 110 Prozent geben und allen zeigen will", dass er "alles für den Klub" gibt, dann glaubt man ihm das.

Aber wie geht es weiter mit dem Super-Talent? Kindvall findet: "Er muss es ruhig angehen. Noch ein Jahr in den Niederlanden wäre gut für ihn." Doch die großen internationalen Top-Klubs locken. Der FC Bayern München lässt den Schweden bereits beobachten. Und schließlich gehört der 19-Jährige noch immer Manchester City.

John Guidetti im Steckbrief

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