Mittwoch, 18.06.2008

Nach der Sperre von Löw

Rebellion im Wäschekorb

Ascona - Der Deutsche Fußball Bund ist jetzt 108 Jahre alt, seit 1908 misst sich die Auswahl der besten Fußballer des Verbands in Länderspielen.

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© Getty

805 Vergleiche gab es bisher, mit freundschaftlichem oder Wettbewerbscharakter. Beim Spiel gegen Portugal ( 20.30 Uhr im SPOX-TICKER) , so ganz nebenbei auch noch das Viertelfinalmatch der EM 2008, erwartet selbst den alten Haudegen DFB eine völlig neue Situation.

Zum ersten Mal in der Geschichte der Nationalmannschaft wird das Team ohne seinen Cheftrainer auf den Platz laufen.

"Beide Trainer sehr nervös"

Nach der Verbannung durch Schiedsrichter Enrique Mejuto Gonzalez beim letzten Gruppenspiel gegen Österreich hat die UEFA-Disziplinarkommision die dafür vorgesehene Strafe von einem Spiel Sperre bestätigt und Bundestrainer Joachim Löw damit zum Zuschauen auf der Tribüne verurteilt.

"Gemäß den im Bericht des Schiedsrichters wiedergegebenen Ausführungen des Vierten Offiziellen verhielten sich die beiden Trainer sehr nervös. In der 35. Minute kam es zu einem Wortgefecht zwischen den beiden Teamverantwortlichen, in dessen Verlauf sie sich gegenseitig anschrien. Als der Vierte Offizielle die Situation beruhigen wollte, wurde er von den beiden Teamverantwortlichen angeschrien", begründete die UEFA ihren Urteilsspruch.

Flick auf der Bank

An Stelle von Löw wird Co-Trainer Hans-Dieter Flick das Kommando auf der DFB-Bank übernehmen, Teammanager Oliver Bierhoff nach dem Spiel der offiziellen Pressekonferenz beiwohnen.

Löw wird auf der Tribüne wohl einen Aufpasser der UEFA zur Seite gestellt bekommen, der dann penibel darauf achtet, dass er "weder vor noch während des Spiels mit der Mannschaft in Kontakt treten darf", wie es in Artikel 70 Absatz 2 ihrer UEFA-Rechtsordnung heißt.

Zur Mannschaft gehören in diesem Fall nicht nur die Spieler, sondern auch der gesamte Betreuerstab. Im Grunde alle Personen, die sich im Innenraum des Stadions aufhalten.

Kein Kontakt zur Mannschaft

Die UEFA erlaubt nichts, keinen telefonischen Kontakt, keine SMS, keine Zettelbotschaften, noch nicht einmal verbale Anweisungen von der Tribüne aus, auch wenn es noch so abwegig und unrealistisch klingen mag.

Was das für die deutsche Elf und das Spiel gegen Portugal heißt? "Ich bin optimistisch, dass die UEFA-Sperre für Löw unsere Mannschaft nur noch zusätzlich motiviert und wir die richtige Antwort auf dem Platz geben werden", glaubt Bierhoff.

Lehmann sieht Feldversuch

Im wichtigsten Spiel seit zwei Jahren muss die DFB-Elf also improvisieren. Hansi Flick stand zuletzt vor über drei Jahren als verantwortlicher Cheftrainer an der Linie, damals für die TSG Hoffenheim in der Regionalliga Süd.

"Das sollte kein Problem sein, er war ja in Hoffenheim lange genug Cheftrainer", sagt Bierhoff. Trotzdem wird das Spiel unfreiwillig zu einem Experiment auf höchstem Niveau.

Für Torhüter Jens Lehmann sogar eine Art Feldversuch für eine ganz neue Interprätation des Trainerjobs. "Ich könnte mir sogar vorstellen, dass in Zukunft viele Trainer auf der Tribüne Platz nehmen. Von dort hat man einfach den besten Überblick."

Tribünen-Adler Berti

Vergleichbares gab es in der Bundesliga vor acht Jahren, als der damalige Leverkusen-Coach Berti Vogts als erster in der Liga einem großen Trainerstab vertraute und bei Spielen der Bayer-Elf selbst auf der Tribüne Platz nahm.

"Berti macht den Tribünen-Adler" witzelte damals die "Bild"-Zeitung, Vogts' Neuerung scheiterte mit dessen Rauswurf nur sechs Monate später.  Pierre Littbarski, einer von Vogts' Co-Trainern, soll hinter vorgehaltener Hand von einer Schnapsidee gesprochen haben.

Erfolgreichen Anschauungsunterricht gibt es stattdessen von Walter Smith. Der Coach der Glasgow Rangers sitzt schon seit Jahren zu Beginn jedes Spiels auf der Tribüne, verschafft sich dort einen Eindruck und wechselt dann während des Spiels runter an die Bank.

Und immerhin erreichten die Rangers mit Chef-Spion Smith letzte Saison das Finale im UEFA-Cup-Wettbewerb.

Mourinho im Wäschekorb

Sollte aber eine rebellische Ader in Jogi Löw schlummern, sei an Jose Mourinho erinnert. Der wurde vor drei Jahren in der Champions League ebenfalls mit einem Innenraumverbot belegt.

Im Viertelfinalspiel des FC Chelsea gegen die Bayern trug Chelseas Fitness-Trainer Faria mitten im April trotz milden Wetters eine dicke Wollmütze, ein Knopf im Ohr war unübersehbar.

Torwart-Trainer Silvino Louro verschwand in der zweiten Hälfte gleich dreimal auf die Toilette - und kehrte mit weißen Zettelchen in der Hand zurück.

Mourinho soll damals in einem Hotel gesessen und das Spiel am Fernseher verfolgt haben, so die offizielle Version der Blues. Bis heute hält sich jedoch hartnäckig das Gerücht, der Portugiese sei schon Stunden vor dem Spiel im Innenraum gewesen und habe sich dann vor den UEFA-Inspektoren versteckt. Das Stadion soll er völlig unbemerkt verlassen haben - in einem großen Wäschekorb.

Für SPOX in Ascona: Stefan Rommel

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