Aus Jogi wird Herr Löw

Von Für SPOX.com bei der EM: Stefan Rommel
Sonntag, 22.06.2008 | 16:50 Uhr
em 2008, deutschland, löw, trainer
© Getty
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Ascona - Es ist richtig langweilig auf der Insel. Die Engländer sind ja bekanntlich nicht dabei bei der EM. Sie waren an den Kroaten gescheitert und die wiederum mussten jetzt den Türken weichen.

Was macht man also in England, wenn man einen Sommer ohne Fußball verlebt? Man dreht durch. Die Revolverblätter Londons machten am Freitag mit der Invasion eines UFOs auf, das angeblich beinahe einen walisischen Polizeihelikopter gerammt haben will und faseln etwas vom "Independence Day".

Großbritannien ist damit "Number one UFO hotspot", was ja immerhin etwas ist. So richtig abenteuerlich wird es dann aber erst in den Sportteilen mit ihren zahlreichen Kolumnen.

Neben dem großen Thema Cristiano Ronaldo gegen Manchester United interessiert die Engländer vor allem eins: Wie können die Deutschen auf einmal wieder so gut sein?

Keine Witzfigur mehr

Vor ein paar Monaten wurde Joachim Löw noch veräppelt, wie die Deutschen in Britannien eben veräppelt werden. Im Internet kursierten Videos, in denen der Bundestrainer zum Geruchscheck unter die Achsel fasst oder beseelt in der Nase bohrt.

Und dann dieser seidene Schal... Eingefangen in einem unbedachten Moment, war er wieder da, der "bloody german", der immer so tollpatschig ist, dass es förmlich danach schreit, ihn zu karikieren.

Nach zwei Wochen Europameisterschaft und dem Aufstieg der Deutschen aus ihrem Tal aber ist aus der Witzfigur Löw der Vater des deutschen Erfolgs geworden. Und plötzlich - man mag es kaum glauben - lieben die Engländer den deutschen Fußball.

Immer ausgeglichen

"Wie die Deutschen aus dem Nichts wieder aufgetaucht sind und der Welt gezeigt haben, wie man verdammt noch mal mit Druck umzugehen hat, ist unbegreiflich. Das größte Lob geht dabei an Löw, der aus den Kroatien-Losern innerhalb einer Woche eine Armada geformt hat", schrieb die "Times" nach dem 3:2 gegen Portugal.

Neben seinen taktischen und personellen Winkelzügen -  er konnte den skeptischen Kapitän Michael Ballack von der Systemumstellung überzeugen - demonstriert der Bundes-Jogi in diesen Tagen aber noch mehr. Nach außen wirkt er wie immer ausgeglichen, nie aus der Balance zu bringen.

Gedanken an einen Rücktritt

Nach dem Spiel gegen die Kroaten vermied Löw bewusst jegliche öffentliche Kritik an der Mannschaft, obwohl man ihm die innere Unruhe und Verletztheit deutlich anmerken konnte, die die harsche Niederlage hinterlassen hatte.

Er knöpfte sich sein Team lieber intern vor, hinter den verschlossenen Türen der Nobelherberge im Lago Maggiore. Bis heute ist von den Ansagen, "in denen der Bundestrainer sehr laut wurde" (Ballack) kein Wörtchen nach draußen gedrungen.

Allerdings habe er auch an einen möglichen Rücktritt gedacht, wenn das Projekt EM 2008 schief gegangen wäre. "Diese Gedanken kommen, selbstverständlich. Aber ich versuche, sie sofort in etwas Positives umzumünzen."

Ob er wirklich zurückgetreten wäre, ließ er offen. "Das weiß ich nicht. Es wäre möglicherweise vieles über uns hereingebrochen. Wir hätten uns hingesetzt und in Ruhe unterhalten, wie die Stimmung insgesamt ist und ob es noch Sinn macht"

Aus Jogi wird Herr Löw

Vielleicht ist es auch diese Unverkrampftheit, mit der er über seinen Job spricht, die ihm mehr und mehr Profil verschafft. Sein Vorgänger Jürgen Klinsmann war ja auch bekannt dafür, keine große Rücksicht zu nehmen auf alte Seilschaften mit der Presse, die großen Boulevardblätter mussten sich ebenso anstellen wie die kleine Kreiszeitung.

Löw verfährt ähnlich, aber er ist auch clever genug, ab und an auch Eingeständnisse zu machen, um danach wieder in Ruhe weiterarbeiten zu können. Und wenn es dann sein muss, wird er auch zum harten Hund. Aus dem Jogi wird dann Herr Löw.

Richtiggehend verschreckt waren die Journalisten am Freitag, als Löw mit den kritischen Peters-Aussagen über Fitness- und Vorbereitungsstand der Mannschaft konfrontiert wurde. Ganz ruhig knipste sich Löw das Mikro an und stellte dann kurz, aber heftig auf Dauerfeuer.

Mit Rotwein und Zigarette

In der VIP-Loge im St. Jakob-Park, wohin ihn die UEFA verbannt hatte, "standen Aspirintabletten und Baldriantropfen", so Löw. Ein reichlich dämlicher Scherz der Herren Verbandsfunktionäre, die den Bundestrainer in ihrer Urteilserklärung als "nervös" dargestellt hatten.

Natürlich rührte Löw davon nichts an, er genehmigte sich lieber ein Glas Rotwein, später eine Zigarette, zur Beruhigung. Natürlich war das kein spektakulärer Akt der Rebellion, aber ein Zeichen. Unterschwellig aber sichtbar.

Es war ja eh eine absurde Episode, die die UEFA ihm da einbrockte mit ihrer aberwitzigen Sperre. Aber Löw ließ sie einfach an sich abprallen, so wie Wasser an Teflon abprallt: Ohne Rückstände und geräuschlos.

Reaktionäre Despoten wie etwa Fatih Terim oder Luiz Felipe Scolari hätten einen Kleinkrieg mit dem Verband angezettelt. Löw verhielt sich wie ein Gentleman, völlig tiefenentspannt und jederzeit souverän.

Raus aus Klinsmanns Schatten

Bei seinem Amtsantritt im Juli 2006, als sich der Klinsi plötzlich aus dem Staub gemacht hatte, trauten dem Jogi nur die wenigsten zu, dem schwersten Job im deutschen Fußball Herr zu werden.

Allenfalls war der Jogi der Fortführer der Klinsmann'schen Hauruckbewegung, vielleicht sogar noch beeinflusst mit Tipps via E-Mail und SMS aus dem fernen Huntington Beach.

Zwei Jahre später ist Herr Löw der eloquenteste Bundestrainer, den Deutschland je hatte. Er hat sich emanzipiert von den ganzen Vorurteilen und ist aus dem langen Schatten seines be- und geliebten Vorgängers getreten. Er ist der Beste unter 80 Millionen Bundestrainern. Als Bestätigung fehlt ihm jetzt nur noch der EM-Titel.

"So sollte Fußball sein!"

"Löw ist ein guter, loyaler, rücksichtsvoller Trainer. Doch er muss sich auch wehren können, und am Montag hat er sich gewehrt. Das hat ihm Respekt bei der Mannschaft eingebracht. Aus Jogi ist vielleicht Herr Löw geworden", hatte ihn Bayern-Manager Uli Hoeneß jüngst geadelt.

Das ist schön, aber nichts gegen das, was von den Erzrivalen zu hören und lesen ist. "Das Spiel gegen Portugal war ein echter Kampf der Giganten - und nicht dieser Müll, den unsere englischen Primadonnas spielen. So sollte Fußball sein!", verneigte sich die "Times".

Ein größeres Lob kann es für einen deutschen Bundestrainer nicht geben.

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