Dienstag, 17.06.2008

Sandro Mazzola exklusiv

"Cannavaros Ausfall hat uns schwer getroffen"

München - Weltmeister Italien droht das Aus in der Vorrunde. Gegen Frankreich muss heute ein Sieg her - aber selbst der könnte am Ende nicht reichen, da die Azzurri auch auf Schützenhilfe der Niederländer gegen Rumänien angewiesen ist.

Fußball, EM 2008, Italien, Frankreich, Mazzola
© Imago

Sandro Mazzola weiß, wie man Europameister wird. Der 65-Jährige war im Team, das 1968 den einzigen EM-Titel der Italiener sicherte, und arbeitet heute als TV-Experte beim italienischen Staats-TV "RAI".

Bei SPOX.com spricht er über das "ewige Duell" gegen Frankreich (20.30 Uhr im SPOX-TICKER) und bricht eine Lanze für Nationaltrainer Roberto Donadoni.

SPOX: Eine einfache Frage zu Beginn: Erreicht Italien das Viertelfinale?

Sandro Mazzola: Hmm, wenn ich das wüsste (lacht). Ich bin davon überzeugt, dass die Azzurri Frankreich schlagen werden. Aber ich weiß nicht, was im zweiten Spiel passieren wird.

SPOX: Die italienischen Medien befürchten, dass die Niederländer gegen Rumänien nicht 100 Prozent geben werden.

Mazzola: Die Niederländer werden sich auf sich konzentrieren und die für sie ideale Formation aufs Feld schicken. Donadoni würde das an van Bastens Stelle genau gleich machen. Der Bondscoach ist in der glücklichen Lage, sich bereits mit dem Viertelfinale beschäftigen zu können. Und ich bin überzeugt davon, dass die niederländischen Spieler auf Sieg spielen werden. Es wird nur davon abhängen, wer auflaufen wird.

SPOX: Die Niederlande wird Ihrer Meinung nach also alles geben?

Mazzola: Die Spieler, die auf dem Platz stehen, werden versuchen zu gewinnen. Davon bin ich überzeugt.

SPOX: Marco van Basten wird aber wohl einige Stammspieler auf der Bank lassen.

Mazzola: Van Basten ist eine intelligente Person. Es ist klar, dass er die vorbelasteten und müden Spieler schonen wird. Nach diesen Kriterien wird er seine Mannschaft aufstellen. Dabei wird er nicht an Italien, sondern an die Niederlande denken. Alles andere interessiert ihn nicht.

SPOX: Wie bereitet man sich als Spieler auf eine Partie vor, wenn man weiß, dass das Schicksal nicht nur in den eigenen Händen liegt?

Mazzola: Das ist eine schwierige Situation, aber es stehen viele Weltmeister und erfahrene Spieler im Team. Deshalb bin ich fest davon überzeugt, dass sie dieses Spiel bestmöglich vorbereiten werden.

SPOX: Und als Trainer?

Mazzola: Obwohl Donadoni nach der Auftaktpleite gegen die Niederlande hart kritisiert worden ist, hat er meiner Meinung nach gute Arbeit geleistet. Er hatte die Spieler zur EM genommen, mit denen er sich qualifiziert hatte. Jeder andere Trainer hätte auch so gehandelt. Ich verstehe die Kritik überhaupt nicht.

SPOX: Wie bewerten Sie Donadonis Arbeit bei dieser EM?

Mazzola: Donadoni ist keiner, der sich groß um eine positive Außendarstellung bemüht. Er ist ein sehr ruhiger und zurückgezogener Typ. In Italien wird nach einer Niederlage traditionell vieles in Frage gestellt. Diesmal widersprechen sich die Kritiker allerdings. Sie sagen, dass das erste Tor der Niederländer äußerst umstritten war und das Tor von Luca Toni gegen Rumänien regulär war. Da frage ich mich: Hat Donadoni die Schuld an diesen Entscheidungen? Nein!

SPOX: Auffällig war bisher, dass die italienische Abwehr, die für ihre Stärke bekannt ist, diesmal nicht sehr sattelfest wirkt. Wieso?

Mazzola: Italien hat nicht mehr so viele erstklassige Verteidiger wie früher. Vor fünf oder zehn Jahren gab es immer eine Handvoll von Innenverteidigern, die alle auf hohem Niveau spielten. Heute ist das nicht mehr so. Deshalb hat uns Cannavaros Ausfall so schwer getroffen.

SPOX: Wird Donadoni gegen Frankreich sein Team erneut umstellen?

Mazzola: Ich glaube, dass er höchstens ein bis zwei Wechsel vornehmen wird.

SPOX: Ein Name der in diesem Zusammenhang fällt, ist der von Antonio Cassano.

Mazzola: Das stimmt. Ich bezweifle allerdings, dass er Antonio von Anfang an bringt. In Italien ist man immer auf der Suche nach einem Heilsbringer. Jetzt ist es eben Cassano. Klar, er hat seine Sache gegen Rumänien gut gemacht. Aber da wurde er eben eingewechselt. Deshalb würde ich erneut auf Alessandro Del Piero oder Antonio Di Natale setzen und Cassano als Joker bringen.

SPOX: Wie erklären Sie es sich, dass Donadoni nach dem 0:3 gegen die Niederlande sein Spielsystem komplett über den Haufen geworfen hat? Immerhin hat er die letzten Monate konsequent im 4-3-3-System gespielt.

Mazzola: Das 4-3-3 ist für die drei Mittelfeldspieler und die zwei Außenstürmer sehr aufwendig. Donadoni hat gesehen, dass er gegen die Teams in unserer Gruppe mit diesem System nur schwer zum Erfolg kommt und dass die athletischen Voraussetzungen dafür nicht ganz vorhanden sind. Deshalb hat er meiner Meinung nach die einzig richtige Entscheidung getroffen und die Spielweise verändert.

SPOX: Hat Donadoni im Vorfeld der EM Fehler begangen?

Mazzola: Sein einziger Fehler war, dass er nur ein Freundschaftsspiel vor der EM angesetzt hat. Meiner Meinung nach hätte es zwei oder drei Spiele gebraucht, um die Spieler intensiver auf ihren Formstand prüfen zu können. So hätte er auch die vermeintlichen Reservespieler besser beobachten können.

SPOX: Bei Italien gegen Frankreich denken die meiste Menschen automatisch an Zidane und Materazzi. Wird diese Szene heute eine Rolle spielen?

Mazzola: Diese Situation wird keinen Einfluss auf das Spiel haben, da bin ich mir ganz sicher. Alle Spieler sind Profis genug und außerdem werden beide Hauptdarsteller nicht auf dem Platz sein. In den zwei EM-Qualifikationsspielen war ja auch alles ruhig.

SPOX: Was würde passieren, wenn der Weltmeister nicht das Viertelfinale erreichen würde?

Mazzola: Ich hoffe, dass es nicht passiert. Sollte es doch so kommen, würde wahrscheinlich wie so oft der Trainer dafür den Kopf hinhalten müssen. Auch wenn es meiner Meinung nach nicht richtig wäre.

SPOX: Marcello Lippis Name geistert bereits durch die Gazetten.

Mazzola: Lippis Name ist nicht zufällig in diesen Tagen gefallen. Meiner Meinung nach hätte man damit bis nach dem Turnier warten können und auch sollen. Aber Donadoni ist hart im Nehmen und charakterstark. Er ist zwar klein von Statur, aber hart im Nehmen. Ich bin voll auf Donadonis Seite. Nach einem gewonnen WM-Titel ist es immer schwierig sich zu behaupten. Er hatte ein paar Probleme in den ersten zwei Monaten seiner Amtszeit, danach haben die Azzurri aber einen schönen Fußball gezeigt.

Interview: Christian Bernhard

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