EM: Taktik und Systeme

Alle Macht den Außen

Von Haruka Gruber/Daniel Börlein
Freitag, 06.06.2008 | 09:07 Uhr
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München - Es war irgendwann in der Winterpause, da bat Jogi Löw seinen Chefscout Urs Siegenthaler zum Gespräch.

Es galt, das Jahr der DFB-Elf Revue passieren zu lassen und Verbesserungsmöglichkeiten zu erörtern. Vor allen Dingen aber wollte sich Löw über Siegenthalers Beobachtungen zum internationalen Fußball informieren.

Der Schweizer bestätigte dem Bundestrainer letztlich das, wovon sich der 48-Jährige bereits selbst bei zahlreichen Spielanalysen im Europapokal und der Copa America überzeugt hatte: Bei vielen Teams ist ein neuer taktischer Trend erkennbar. "Das Spiel mit einem Fünfermittelfeld, mit einem Stürmer davor, kommt mehr und mehr in Mode", so Löw.

Weltmeister mit Kurswechsel

Ein Trend, der offenbar selbst den aktuellen Weltmeister überzeugte, lässt Italiens Coach Roberto Donadoni doch mittlerweile nur noch Luca Toni als einzige "echte" Spitze agieren.

Dabei hatte die Squadra Azzurra während der WM 2006 in Deutschland nach Meinung vieler Experten den letzten, neuen Trend, die so genannte Doppel-Sechs, perfektioniert. Selbst davon ist Donadoni allerdings abgerückt und bietet nun neben Gennaro Gattuso und Andrea Pirlo einen dritten Mann vor der Abwehr auf.

Doppel-Sechs oder Dreierkette? Ein, zwei oder drei Stürmer? Und was passiert da eigentlich auf den Außenbahnen?  Ein Blick auf die Taktiktrends der EM.

Hier geht's zu den taktischen Aufstellungen der 16 EM-Teilnehmer

Die Doppel-Sechs: Neun von 16 Teilnehmer haben sich auf zwei Akteure im zentralen Mittelfeld festgelegt. Die Doppel-Sechs hat sich längst etabliert und soll dem Spiel nach vorne durch zwei Spieler mehr Impulse geben, der Defensive allerdings gleichzeitig die nötige Absicherung verleihen. Ganz wichtig: Beide Sechser halten das Zentrum, um dadurch den kürzesten Weg zum eigenen Tor nie freizugeben. Frankreichs Duo Makelele/Vieira demonstriert dies in Perfektion.

Fast ausgestorben ist mittlerweile die Raute. Lediglich Kroatien, Schweden und teilweise auch die Russen lassen mit je einem zentralen Mittelfeldspieler vor der Abwehr und hinter den Spitzen agieren.

Österreich und Italien probieren es vor der Viererkette (je nach Bedarf) mit einem Dreiermittelfeld auf einer Linie, bei den Tschechen, der Türkei oder Spanien soll ein Sechser als Absicherung reichen.

Nur ein Stürmer: Noch immer starten sechs Teams - von den Topfavoriten nur Deutschland und Frankreich - ganz klassisch mit zwei Stürmern ins Turnier. Der Trend, den die restlichen zehn Mannschaften praktizieren, geht allerdings zu nur einem "richtigen" Angreifer hin.

Und der ist in der Regel einer, der den Ball behaupten und verteilen kann. Keiner, auf den der Pass in die Tiefe gespielt werden soll. Auch keiner, der Kilometer runterreißt und in der Defensive rackert, sondern vielmehr einer, der vor dem Tor nicht lange fackelt und am besten auch noch kopfballstark ist. Einer wie Ruud van Nistelrooy, Luca Toni oder Spaniens Fernando Torres eben.

Die Außen: Nur noch ein echter Stürmer, dafür alle Macht den Außen. Ob in einem 4-4-2 mit vorgezogenen Flügelspielern, wie es die Deutschen zeigen, oder in 4-3-2-1 (Italien), 4-1-2-2-1 (z..B. Tschechien) oder 4-2-1-2-1 (Portugal), der Fokus wird zunehmend auf die Außenbahnen gelegt. Und häufig werden Spiele auch dort entschieden.

Der Grund für die Verlagerung auf die Flügel: Im Zentrum werden die Räume oft komplett dicht gemacht (siehe Doppel-Sechs), einfach zu gut verschoben und eingerückt. Die einzige Möglichkeit, um eine Abwehr zu knacken, ist deshalb häufig, das äußerste Glied einer Viererkette zu isolieren und den eigenen Flügelspieler in eine Eins-gegen-Eins-Situation zu bringen.

Genau deshalb müssen die Außen schnell sein, exzellent dribbeln können und zudem Zug zum Tor besitzen, so wie es Portugals Cristiano Ronaldo in dieser Saison perfekt zelebrierte.

Hier klicken und die taktischen Aufstellungen aller 16 Teilnehmer anschauen!

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