Die Gründe der deutschen Pleite

Die ersten Kratzer

Von Für SPOX.com bei der EM: Stefan Rommel
Freitag, 13.06.2008 | 09:47 Uhr
Kroatien, Deutschland, Lehmann, Mertesacker
© Imago
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Ascona - Als Gitarrist der Rock-Combo Rawbau hat Slaven Bilic natürlich Ahnung von Musik.

Die Einschätzung von Kroatiens Coach, die deutsche Nationalmannschaft sei wie die Gruppe Rammstein, hart und unerbittlich, war da aber wohl etwas sehr undifferenziert.

Schließlich kann die DFB-Elf auch filigran sein und poetisch. Mehr als ein abgehalftertes Klischee gab der Vergleich also nicht her.

Taktische Höchstleistung von Bilic

Bilic wollte wohl die Geradlinigkeit herausstellen, mit der die deutsche Elf zunächst durch die EM-Qualifikation marschiert und später auch im ersten Gruppenspiel gegen Polen überlegen war.

Sehr lange habe er sich Gedanken gemacht, wie man der Deutschen Herr werden könnte. Offensichtlich haben ihn seine Überlegungen zu einer taktischen Höchstleistung getrieben, die er dann vor Spielbeginn in Klagenfurt bis ins Detail auf seine Mannschaft umlegen konnte.

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Erste große Niederlage für Löw

Beim überzeugenden 2:1 gegen Deutschland machten die Kroaten "Das beste Spiel seit Langem. Es war noch besser und der Erfolg war noch wichtiger als das 3:2 in Wembley gegen England", wie Joe Simunic bekannte.

Aus Sicht der DFB-Elf aber war es ein Rückschlag und ein richtiger Dämpfer, mindestens. Nie zuvor war eine Mannschaft unter Joachim Löw so chancenlos. Es war die erste große Niederlage für den Bundestrainer, seit dieser im Amt ist.

Nach Gründen für die Ernüchterung wurde gesucht. Gefunden wurden mehrere Ansätze, die allesamt richtig sind und miteinander verknüpft eine Hardrock-Band ergaben, der einfach mal so der Saft abgedreht worden war.

Richtiges System, falsche Spieler

Bilic' Meisterstück war sein verqueres System. Mit einem 4-1-4-1 entnervte er das deutsche Mittelfeld. Die Kroaten kombinierten und liefen die Deutschen im Rechteck 30 Meter dies- und jenseits der Mittellinie förmlich in Grund und Boden.

Kroatien hatte die Zentrale im Griff und verwundete den Gegner ein ums andere Mal über die flinken Außen. Mit dem starren 4-4-2 hatte Löw wenig dagegen zu setzen. Zum an sich richtigen System wählte er die falschen Spieler.

Nur halbherzig reagiert

Im Vorfeld des Spiels war viel über die linke Seite diskutiert worden, Löw legte sich erneut auf die offensive Variante mit Lukas Podolski und Marcell Jansen fest. Ein erster Fehler. Immer wieder verschafften sich die Kroaten Überzahl in Ballnähe und kombinierten sich über die deutsche linke Seite bis vor zur Grundlinie.

Löw hatte sich vercoacht, er erkannte seinen Fehler und reagierte in der Pause - allerdings nur halbherzig. Philipp Lahm rückte von rechts nach links, Clemens Fritz dafür eine Position nach hinten auf die rechte Seite der Viererkette. David Odonkor kam. Der zweite Fehler.

Die "Waffe" bleibt verschenkt

Die "Waffe" Odonkor entpuppte sich mit seiner überschaubaren Qualität als völlig verschenkt, sie verpuffte im Nichts.

Weder Spielstand noch der tief stehende Gegner rechtfertigten seinen Einsatz. Im Grunde spielte die DFB-Elf damit fast nur zu zehnt.

Der dribbelstarke Bastian Schweinsteiger wäre wohl die erste Option für einen Wechsel auf der rechten Seite gewesen.

Löw hat die grundsätzlich richtigen Gedanken aus dem Polen-Spiel und seine dafür richtigen Personalentscheidungen nicht konsequent zu Ende gedacht und auf den anstehenden Gegner modifiziert.

Selbstsicher oder arrogant?

Selbstzweifel hatten bislang keinen Platz im Löw'schen Katechismus, weshalb der Bundestrainer die Anforderungen wohl schlichtweg unterschätzte, die die kroatische Raffinesse und Bauernschläue an die deutsche Mannschaft stellen würde.

"Wir haben eine bestimmte Grundordnung und die spielen wir auch durch. Wir nehmen dabei wenig Rücksicht auf den Gegner und stellen nichts um", hatte Co-Trainer Hansi Flick noch vor dem Spiel ausgegeben.

Stimmt dann das Ergebnis, spricht man vom nötigen Selbstvertrauen und Glauben in die eigenen Stärken. Geht es schief, sieht die Entscheidung unflexibel und vielleicht auch arrogant aus.

Jeder unter seinen Möglichkeiten

Zu den taktischen Fehlern gesellte sich auch eine eigenartige Melange aus eigener Überheblichkeit und dem Unterschätzen der gegnerischen Fähigkeiten, die Mannschaft war offensichtlich zu selbstsicher und zu selbstverliebt.

"Vielleicht haben einige gedacht, wir hätten schon etwas erreicht", zürnte Michael Ballack. Der Kapitän selbst war aber wie seine Mitstreiter mindestens eine Klasse schlechter als gewohnt. Jeder einzelne Spieler blieb weit unter seinen Möglichkeiten.

Im Mittelfeld ging die Partie verloren, Ballack und Kollege Torsten Frings hatten die Zentrale dort zu keiner Zeit im Griff. Kroatiens Taktgeber Luka Modric wurde viel zu spät in Empfang genommen und konnte einen Angriff nach dem anderen initiieren.

Die Kroaten zermürbten die deutschen Spieler mit ständigen Tempowechseln, verschleppten das Spiel sehr geschickt, um dann plötzlich wieder blitzschnell durchzustoßen.

Die Übergabe der ständig rochierenden Angreifer aus dem kroatischen Mittelfeld stellte die deutsche Defensive ständig vor neue Rätsel.

Favoritenrolle abgestreift

So wurde aus dem Abend von Klagenfurt ein ernüchterndes Beispiel dafür, wie dem deutschen Power-Fußball beizukommen ist.

Zwei Dinge stimmen aber positiv: Die Favoritenrolle hat die deutsche Elf erstmal nonchalant abgetreten. Andere stehen jetzt im Fokus.

Und Vergleiche mit Rammstein sind ab sofort auch nur noch unter Androhung drakonischer Strafen zulässig.

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