Bastis neuer Pragmatismus

Von Für SPOX.com in Ascona: Stefan Rommel
Mittwoch, 25.06.2008 | 03:18 Uhr
© Getty
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Ascona - Einen Hang zum schlichten Pragmatismus kann man Bastian Schweinsteiger nun wirklich nicht nachweisen. Sofern es um seine äußere Erscheinung geht.

Wie viele Aufnahmen es wohl schon in seinen flippigen Klamotten gab? Wie oft wurde schon eine Kleinigkeit, ein neues Armband oder eine Strähne im Haar zum großen Thema aufgebauscht?

Teenie-Zeitschriften, Modemagazine und Boulevard-Zeitungen steigern mit Schweini-Geschichten die Auflage. Eine Alltäglichkeit.

Schweinsteigers Karriere in der Diashow!

Die Themen sind im Prinzip immer dieselben, nur eben anders interpretiert: Ein bisschen Fingernägel, sehr viel Frisur oder, wie bei dieser EM, seine atemberaubende Freundin Sarah.

Schweini-Manie wie 2005

Da traf es sich sehr prima, dass er gegen Portugal wohl das beste Länderspiel seiner Karriere gemacht und Deutschland - welch angenehmer Begleiteffekt - auch noch ins Halbfinale des EM-Turniers geschossen hatte.

Die absurde Schweini-Manie in den Tagen nach Basel war nichts Neues für Bastian, zeichneten sie doch lediglich jenes Bild nach, dass die Nation schon im Sommer 2005 beim Confed Cup und ein Jahr später bei der WM präsentiert bekam: Das des perfekten Teenie-Idols.

Dabei hat der 23-Jährige in gerade einmal vier Jahren im Nationalteam schon 54 Länderspiele absolviert. Hält er diesen Schnitt, holt er Rekordnationalspieler Lothar Matthäus (150) ohne größere Probleme ein.

Zu viel Ikone und Popstar

Mehr als 100 Einträge zählt das Gästebuch seiner Website, das unter der polyglotten Bezeichnung "You&Me" firmiert, während der EM pro Tag. Vom Heiratsantrag bis zum gehauchten "Hab Dich lieb!" ist alles dabei.

Den Puristen des Spiels ist Schweinsteiger zu viel Role Model, Ikone, Popstar und zu wenig Fußballspieler, Angestellter, Befehlsempfänger. Aber meistens kann Schweinsteiger gar nichts dafür.

Jubel sogar in China 

Im verrückten Fußballgeschäft mit seinen verschwimmenden Grenzen zwischen Sport und Glitzerwelt füllt Schweinsteiger das Klischee mit Leben. "Wehre dich nicht gegen ein Bild, das andere sich von dir machen. Bediene es!", lautet eine merkwürdige Weisheit im Showgeschäft.

Und etwas anderes ist Fußball heute nicht mehr. Sogar die Chinesen verkauften Millionen Blätter nach dem Portugalspiel mit Schweinsteiger auf Seite eins.

"Xiao Zhu" wurde abgefeiert, das "kleine Ferkelchen", was Schweinsteiger ins chinesische übersetzt offenbar heißt. "Ger-MAN-y" hieß es darüber, mit dem chinesischen Zusatz: "Zhen Yemen", "Echte Kerle".

Ex-Manager erhebt Klage

Außerhalb des Platzes läuft nicht alles nach Plan. Vor ein paar Tagen lud ihn die Zivilkammer des Landgerichts München I für den 24. Juli vor. Schweinsteiger ist der einzige Bundesligaprofi, der binnen sechs Jahren die Dienste von fünf verschiedenen Spielerberatern in Anspruch genommen hat.

Einer dieser Berater, der Mönchengladbacher Rechtsanwalt Gerrit Hartung, geht nun gerichtlich gegen seinen früheren Schützling vor. Angeblich soll Schweinsteiger Hartung noch Honorare in Höhe von 28.000 Euro schuldig geblieben sein.

In einem zweiten, noch nicht terminierten Verfahren will Hartungs Firma GH Sport Management GmbH & Co. KG weitere 800.000 Euro einklagen. Irgendwie will auf diesem Gebiet nicht so recht Ruhe einkehren.

In einem Reifeprozess

Immerhin kann er die Probleme drumherum sehr gut ausblenden. Der "echte Kerl" durchläuft im Moment einen Reifeprozess, außerhalb und auf dem Feld.

Und dort führt er ihn offenbar nicht nur einen, sondern gleich mehrere Schritte weiter nach vorne in seiner Karriere.

Ähnlich wie das deutsche Team bei der EM weiß auch Schweinsteiger nicht so richtig, wo er jetzt denn steht. Zwei passablen Kurzeinsätzen folgte die Dummheit gegen den Kroaten Leko und das Turnier schien für Schweinsteiger nach 59 Minuten Einsatzzeit bereits gelaufen. Dann aber die Renaissance gegen Portugal.

Wo steht Deutschland? Wo steht Schweinsteiger?

So wie niemand weiß, ob der Auftritt gegen Kroatien oder der gegen Portugal jetzt der Maßstab sein wird für die Elf, steht auch Schweinsteigers Beweis gegen die Türken im Halbfinale noch aus (20.30 Uhr im SPOX-TICKER).

SPOX.com fragte den Bundestrainer, ob Schweinsteiger in der Lage wäre, die hervorragende Leistung auch richtig einzuordnen. "Ich denke, es gilt jetzt für alle, für alle, nicht abzuheben. Da werden wir schon Gespräche führen", sagte Joachim Löw.

Jener Löw, der für gewöhnlich sehr zielsicher auf Fragen antwortet, flüchtete sich sofort in Untiefen der Verallgemeinerung und nahm Schweinsteiger aus der Schusslinie.

Bastians älterer Bruder Tobias, Profi bei der SpVgg Unterhaching in der Dritten Liga, ist da offener: "Der Basti kann das auf jeden Fall einordnen. So, wie er auch die Spiele davor, als er in der öffentlichen Wahrnehmung ja nicht so gut wegkam, einordnen konnte. Dafür hat er schon genug Erfahrung."

Pragmatisch und effizient

Seine größte Errungenschaft ist ein neuer Pragmatismus auf dem Platz. Die Tempo verschleppenden Haken hat er sich abgewöhnt, viel seltener drängt der juvenile, aber völlig uneffiziente Spieltrieb durch in seinen Aktionen.

Wo er früher noch in einem nutzlosen Zweikampf fummelte, sucht er jetzt lieber den Quer- oder Rückpass.

Darüber vergisst er aber seine freche Spielweise nicht, seine Dribblings, Soli, raffinierten Freistöße. Er setzt sie nur gemäßigter und sorgfältiger ausgewählt ein.

"Im Halbfinale versucht er natürlich wieder so zu spielen wie gegen Portugal. Wir telefonieren täglich, er geht völlig locker in die Partie. So wie eigentlich immer", sagt Tobias.

In seiner Kernkompetenz auf dem Rasen hat Bastian Schweinsteiger offenbar einen großen Schritt in die richtige Richtung gemacht.

Zwei fehlen noch, dann hat der vierfache deutsche Meister und Pokalsieger ein weiteres Etappenziel erreicht: den Gewinn eines großen internationalen Titels.

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