Freitag, 06.06.2008

Übervater Beenhakker und die Polen

Dominanz und Kontrolle

Ascona - Auch weise Menschen können mal irren. "Er ist von seiner Verletzung voll genesen", sagte Leo Beenhakker vor ein paar Tagen.

Leo Beenhakker ist auch Trainer der polnischen Nationalmannschaft
© Getty
Leo Beenhakker ist auch Trainer der polnischen Nationalmannschaft

Gemeint war damit Jakub "Kuba" Blaszczykowski. Der Dortmunder hatte mit einer hartnäckigen Oberschenkelverletzung zu kämpfen und war wohl auf dem Weg der Besserung.

Mittlerweile sitzt Kuba schon zu Hause auf dem Sofa. Er hat den Wettlauf gegen die Zeit verloren und kann bei der EM (Deutschland - Polen am Sonntag, ab 20.45 Uhr im SPOX-Ticker) nicht mitwirken.

Streit und Grüppchenbildung

Das ganze Unternehmen begann eigentlich mit einem großen Irrtum. Spätsommer 2006: Beenhakker stand vor seiner Premiere als polnischer Nationalcoach. Vor dem ersten Testspiel gegen Dänemark erwartete er eine hoffnungsvolle, hungrige Mannschaft.

Schließlich versagten die Polen bei der WM ein paar Wochen zuvor komplett und hatten einiges gutzumachen.

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Das Spiel in Odense (0:2) aber öffnete ihm schnell die Augen: Das Team lag in Trümmern, Grüppchen hatten sich gebildet, die Spieler waren untereinander zerstritten. Keine guten Voraussetzungen für Mannschaftssportler.

Beenhakker musste handeln - und zwar schnell. Erfahrung hatte er ja, jede Menge Erfahrung sogar. Mit den Niederlanden und Trinidad & Tobago nahm er an zwei Weltmeisterschaften teil. Als Vereinstrainer war er in Spanien, in der Schweiz, Saudi-Arabien, der Türkei und Mexiko beschäftigt, spricht insgesamt sechs Sprachen.

Kontrolle, Kontrolle, Kontrolle

Traditionell war Polen immer ein Team, das nur darauf bedacht war, einfach ein Tor mehr zu schießen als der Gegner. Im Grunde gefiel Beenhakker diese Ausrichtung, schließlich war er auch Leiter der Ajax-Akademie, wo das anarchische 4-3-3-System gelehrt wurde bis zum Erbrechen.

Für sein neues Betätigungsfeld aber eine gänzlich unbrauchbare Variante. "Man versucht, seine Erfahrung mit den Gegebenheiten des Arbeitsplatzes in Einklang zu bringen. Man kann nun nicht hergehen und in Polen sagen, ab heute spielen wir holländischen Fußball."

Von da an sollte es nur noch um eines gehen: Um Kontrolle. "Wir Holländer sind Kontrollfreaks, wir möchten das Spiel am liebsten immer unter Kontrolle haben und dirigieren", sagt Beenhakker.

"Aber dafür braucht man den Ball. Wenn wir ihn verlieren, wollen wir ihn gleich zurück. Das heißt, bei Ballverlust sofortige Versuche ihn zurückzuerobern."

Der Schlüssel des Spiels

Klingt ebenso einleuchtend wie banal. In seiner komplexen Umsetzung aber liegt der Schlüssel des modernen Fußballspiels. "Früher wurde abgewartet. Jetzt versuchen wir bei Ballverlust die Positionen zu halten und mit Pressing den Ball zurückzubekommen. Es geht um Spieldominanz und Kontrolle."

Die Mannschaft aber brauchte einige Zeit. Nach der Heimniederlage in der EM-Qualifikation gegen Finnland hagelte es Kritik. Der Wendepunkt zum Guten war der Sieg gegen den haushohen Favoriten Portugal zwei Spiele später.

Zum ersten Mal war dort ein Kollektiv zu sehen, eine Mannschaft, die diesen Namen auch verdiente. In den nächsten Monaten formte er aus einer Ansammlung von Einzelspielern eine echte Einheit, deren obersten Maxime taktische Disziplin in der Defensive und flexibles Konterspiel in der Offensive waren.

"Leo, Du bist unser Gott", ließen die Fans ihren Helden fortan bei jedem Spiel wissen.

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Der Übervater

Beenhakker wirkt nach außen immer knurrig und verbissen. Das mag an seiner hageren Erscheinung liegen, es trifft die Sache aber noch nicht mal annähernd. Für seine Spieler ist der Holländer vielmehr eine Art Übervater.

"Er hat uns neue Kraft und eine neue Vision gegeben. Wir können mit allen Problemen zu ihm kommen. Er ist wie ein Vater für uns, immer positiv und unterstützt jeden einzelnen Spieler", sagt Wolfsburgs Jacek Krzynowek.

Besonders augenscheinlich wurde das innige Verhältnis Beenhakkers zu Ebi Smolarek. Der ging bei der WM gnadenlos unter. Beenhakker, der geborene Rotterdamer, kam, machte Smolarek, den geborenen Rotterdamer, zu seinem Lieblingsschüler. Der zahlte es seinem Mentor und Polen mit neun Treffern in der Qualifikation zurück.

Alt und erfolgreich

In einer Zeit, in der eine neue Generation Trainer den Fußball reformiert und mit Heerscharen von Fitnesstrainern, Psychologen, Ernährungswissenschaftlern und Leistungsdiagnostikern arbeitet, lebt Beenhakker, 65, immer noch seinen ganz eigenen Stil.

Ganz so falsch kann er damit nicht liegen. Ebenso wenig wie die Herren Rehhagel (69), Europameister 2004, Ferguson (66), Champions-League-Sieger 2008, oder Advocaat (60), UEFA-Cup-Sieger 2008.

Zum ersten Mal überhaupt führte Beenhakker die Polen zu einer EM-Endrunde. Für seine Verdienste würdigte ihn der polnische Präsident mit dem Orden Polonia Restituta, der höchsten Würde des Landes.

Fehlgriff gegen Stuttgart

Nur einmal - und das bleibt eine seiner lustigsten und schmerzhaftesten Anekdoten zugleich - lag er völlig daneben. Vor zehn Jahren schlug er mit Feyenoord Rotterdam den VfB Stuttgart im Daimler-Stadion 3:1.

Auf die Frage, an was der deutsche Fußball denn nun kranke, erwiderte Beenhakker etwas arrogant: "Haben Sie eine Stunde Zeit?" Eine Woche später war Feyenoord aus dem UEFA-Pokal ausgeschieden. Der kranke deutsche VfB siegte in Rotterdam mit 3:0.

Stefan Rommel

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