Freitag, 23.05.2008

Denis Wucherer exklusiv

Sogar Schweini hatte Spaß

München - Derzeit bereitet sich die deutsche Nationalmannschaft im Trainingslager auf Mallorca auf die Europameisterschaft in Österreich und der Schweiz vor. Dabei setzt Bundestrainer Joachim Löw auf neue Methoden: Basketball mit Denis Wucherer (links im Bild).

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© Getty

Der 35-Jährige, der seine erfolgreichste Zeit bei den Bayer Giants Leverkusen (1992-98; 2002-05) hatte, trainierte Montag, Dienstag und Mittwoch auf Mallorca mit den Nationalspielern. 

Im Interview mit SPOX.com spricht der ehemalige langjährige Basketball-Nationalspieler über den Streetballer Lukas Podolski, über Fast-Break-Drills und seinen ersten Kontakt zum deutschen Rekordmeister.

SPOX: Joachim Löw setzt neuerdings auf Basketball. Ein Konzept mit Zukunftscharakter?

Denis Wucherer: Generell ist es so, dass jede Mannschaftsportart von einer anderen etwas lernen kann. Joachim Löw hat sich überlegt, dass Fußballer von den Basketballern viel lernen können, was die Verteidigungs- und die Beinarbeit angeht. Aber auch körperlich zu spielen ohne direkt zu foulen und blöde Freistöße zu bekommen, die eventuell zu unnötigen Gegentoren führen.

SPOX: Wie ist der Kontakt zum DFB entstanden?

Wucherer: Der Kontakt entstand über Dirk Bauermann (Brose Baskets) und Andreas Köpke. Die beiden kennen sich schon länger. Man hatte zunächst an Bauermann selbst gedacht. Der hatte aufgrund der Playoffs keine Zeit und hat mich dann an den Bundestrainer weiterempfohlen.

SPOX: Wieso ausgerechnet Sie?

Wucherer: Ich war bis vor Kurzem noch aktiv und Bauermann war davon überzeugt, dass ich mit den Spielern gut zurechtkommen würde. Mit dem Vorschlag waren die Trainer sehr einverstanden.

SPOX: Wann haben Sie persönlich Kontakt zum Trainergespann Löw, Flick und Köpke gehabt?

Wucherer: Ich hab die drei Trainer vor gut zwei Wochen in Düsseldorf gesprochen und wir waren sofort auf einer Wellenlänge. Wir haben dann festgelegt, das Basketballtraining die ersten drei Tage auf Mallorca durchzuziehen.

SPOX: Nur die ersten drei Tage, oder kommt noch mal eine Einheit?

Wucherer: Das war jetzt erstmal eine einmalige Geschichte, die aber sehr fruchtbar war und meiner Meinung nach auch viel genutzt hat. Inwieweit das ein Konzept für die Zukunft ist, weiß ich noch nicht, könnte mir das aber sehr gut vorstellen. Vielleicht springen ja einige Bundesligisten auf diesen Zug auf, die Spieler waren jedenfalls begeistert.

SPOX: Das hört sich nach einem vollen Erfolg an.

Wucherer: Ja definitiv. Die Begeisterung war echt riesig. Die Spieler wussten auch vorher von nichts. Wir haben sie damit überrascht - positiv, wie sich herausgestellt hat. Fußballer scheinen von Hause aus sehr begeistert zu sein, was Basketball angeht. Es ging ja auch darum, den Spielern mal eine Abwechslung zu bieten. Einfach mal abschalten vom Ligaalltag und an was anderes denken, bevor sie dann richtig loslegen.

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SPOX: Welche Spieler waren besonders überzeugt?

Wucherer: Rene Adler und Simon Rolfes waren beispielsweise sehr begeistert und wollen die Art Training unter anderem Rudi Völler nahe legen, um nur zwei zu nennen. Das sind alles wirklich bodenständige, anständige Kerle, die alle super mitgezogen und eine gute Einstellung gezeigt haben.

SPOX: Wie haben sich die Jungs denn so angestellt?

Wucherer: Die Spieler haben echte Qualitäten auf dem Court gezeigt. Philipp Lahm und Piotr Trochowski wären bestimmt gute Point Guards geworden und hätten genauso gut eine Karriere als Basketballprofis starten können.

SPOX: So stark?

Wucherer: Ja. Die beiden haben echt eine Menge Ballgefühl und eine hervorragende Übersicht. Das war schon stark. Aber auch der Lukas Podolski ist einer, der gerne spielt und einen tollen Wurf von außen hat. Lukas ist aber mehr der Streetballer.

SPOX: Da ist die Starting Five fast komplett.

Wucherer: Die kriegen wir locker aufgestellt. Rene Adler hat eine unglaubliche Physis, die er auch umsetzt und auch hin und wieder zum Dunk hochgeht. Ansonsten war der Per Mertesacker aufgrund seiner Größe natürlich am Brett eine Macht. Oder der kleine Odonkor, der jeden Fast Break gelaufen ist und die langen Pässe bekommen hat.

SPOX: Klingt nach purem Spaß.

Wucherer: Es hat auch unheimlich viel Spaß gemacht. Mir persönlich, aber auch den Spielern. Auch denen, die bisher wenig mit Basketball zu tun hatten. Auch die haben wir so ein bisschen infizieren können.

SPOX: Wen zum Beispiel?

Wucherer: Bastian Schweinsteiger hat noch nie richtig gespielt, auch Jens Lehmann nicht. Und auch die hatten ihren Spaß.

SPOX: Haben Sie das Training zusammen mit dem Bundestrainer entwickelt?

Wucherer: Er hat mir natürlich mitgeteilt, wo er die Schwerpunkte sieht. Ich habe mich dann im Vorfeld mit Bauermann und Hansi Gnad zusammengesetzt und überlegt, wie ich die Vorgaben des Coachs umsetzen kann. Entscheidend war: Das Training durfte auch nicht zu hart sein. Man stelle sich vor, Gomez und Podolski knallen mit den Köpfen zusammen und fallen für die EM aus. Dann hätte ich auswandern können.

SPOX: Wie sahen die Trainingseinheiten aus?

Wucherer: Ich hab im ersten Training geguckt: Was kannst du machen, wie gut sind die? Wir haben Basics wie Dribbling, Passen und Werfen trainiert. Ich hab dann aber schnell gemerkt, dass die eine Menge können, so dass wir die Sache dann doch intensiver angegangen sind.

SPOX: Inwiefern?

Wucherer: Wir konnten relativ komplizierte Fast-Break-Drills durchziehen, haben einen gewissen Competition-Gedanken reingebracht, viele Schuss-Drills zwischendurch gehabt, und natürlich auch gespielt. Das sind Sportler, die wollen gewinnen. Und wenn man dann zwei, drei Teams hat, wo dieser Wettkampfgedanke da ist, dann sind natürlich alle Feuer und Flamme.

SPOX: Drills. Klingt hart.

Wucherer: Nach dem ersten Training haben die Jungs auf jeden Fall gemerkt, dass die Abläufe beim Basketball völlig andere sind. Rechts, links, springen, wieder verteilen, verteidigen, Arsch runter. Die haben nach 60 Minuten ordentlich gepumpt, obwohl sie topfit sind.

SPOX: Ist Basketballtraining härter als Fußballtraining?

Wucherer: Es ist zumindest anders. Das geht glaube ich jedem Sportler so. Ich bin selbst immer ein relativ fitter Basketballer gewesen. Wenn ich aber mit meinen Jungs mal Tennis gespielt habe, war ich auch ganz schön fertig. Das sind nicht die Abläufe, die ich gewohnt bin. Und so geht das einem Fußballer natürlich auch, wenn er Basketball spielt. Prinzipiell waren sie aber glaub ich schon überrascht, wie intensiv Basketball ist.

SPOX: Hatten Sie freie Hand, oder hat Löw Ihnen genaue Vorgaben gemacht?

Wucherer: Nein, er hat mir da völlig freie Hand gelassen. Jogi Löw stand nur außen und hat sich das angeguckt, teilweise ist er auch mit einem strahlenden Gesicht dort gesessen. Die Zusammenarbeit, auch mit den Fitness-Coaches, war sehr harmonisch und professionell. Gerade die Amerikaner im Trainerstab haben eine hohe Affinität zum Basketball. Wir haben zusammen abgeschätzt, wie weit ich gehen kann.

SPOX: Wann spielt man beim FC Bayern unter der Regie von Jürgen Klinsmann Basketball? Gibt es da schon Kontakt?

Wucherer: Konkret noch nicht. Aber der Fitnesstrainer Oliver Schmidtlein ist zeitgleich auch im Trainerstab der Nationalmannschaft. Mit ihm hab ich mich sehr gut verstanden und er war sehr angetan von dieser neuen Trainingsmethode und von meiner Art, wie ich mit den Spielern umgehe. Angedeutet hat er, dass er sich das in München auch sehr gut vorstellen könnte.

SPOX: Würde auch zu Klinsmanns Faible für neue Trainingsansätze passen.

Wucherer: Definitiv. Zumal er mit dem Jogi Löw im engen Kontakt steht. Genauso könnte es durch Adler und Rolfes in Leverkusen was werden. Vielleicht entsteht da ja was. Vorstellen kann ich mir schon, dass sich diese Art von Training durchsetzt.

SPOX: Wie ist die Stimmung im Team?

Wucherer: Die Stimmung ist wunderbar. Ein ganz ganz netter Haufen, sehr professionell, aber sehr freundschaftlich, auch mir gegenüber.

SPOX: Eine tolle Erfahrung für Sie?

Wucherer: Allerdings. Das war eine schöne Erfahrung. Mit vielen netten Menschen und vielen interessanten Gesprächen. Wir haben uns alle sehr gut ausgetauscht.

Jedes Rad greift in das andere, von der medizinischen Abteilung bis hin zum Bundestrainer. Ich glaube, es war für beide Seiten eine nette Erfahrung, einen Einblick zu bekommen, wie man woanders arbeitet. Das war ein Geben und Nehmen, das meiner Meinung nach sehr erfolgreich war.

SPOX: Ihr Tipp für die EM? Bis wo kommt die deutsche Nationalmannschaft?

Wucherer: Ich hoffe auf ein Finale: Deutschland gegen Frankreich.

Interview: Kevin Bublitz

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