Analyse: DFB-Elf vor dem Duell mit Italien

Keep calm and score

Von Johannes Raif
Donnerstag, 30.06.2016 | 12:18 Uhr
Raus gegen den Angstgegner: Deutschland scheiterte 2012 an Italien im EM-Halbfinale
© getty
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Das Aus im EM-Halbfinale 2012 gegen Italien war die wohl größte Niederlage für Jogi Löw als Bundestrainer. Zwei Jahre vor dem WM-Triumph in Brasilien galt die DFB-Auswahl schon reif für den Titel, doch Löws Taktik ging gegen die abgezockten Italiener nicht auf. Die Zahlen zeigen, was Deutschland damals falsch gemacht hat und dieses Mal besser machen muss.

Vor seinem zweiten Aufeinandertreffen als Cheftrainer der DFB-Auswahl mit Deutschlands Angstgegner gibt sich Joachim Löw entspannt: "Wir haben kein Italien-Trauma", sagte der Bundestrainer auf der DFB-Pressekonferenz. Dabei hatte insbesondere der Bundestrainer nach dem verloren Halbfinale gegen die Squadra Azzurra (1:2) zu kämpfen und wurde erstmals in der Öffentlichkeit angezählt. Für Löw kein Grund, die Zuversicht zu verlieren.

Das Halbfinale vor vier Jahren hätte ja auch durchaus anders laufen können. Es bleibt müßig, darüber nachzudenken, was passierte wäre, wenn Andrea Pirlo in der dritten Minute nach Mats Hummels' Schuss nicht für den bereits geschlagenen Gianluigi Buffon auf der Linie geklärt hätte, oder wenn eben jener Buffon in der 61. Minute nicht einen Freistoß von Marco Reus an die Latte gelenkt hätte.

Mit Blick auf die Zahlen hatte Deutschland ein klares Übergewicht: 20:11 Torschüsse, 8:4 Schüsse aufs Tor, 14:0 Ecken - der Ball wollte aber eben nicht (oder erst zu spät) ins italienische Tor und die effektiveren Italiener zogen so verdient ins Finale ein.

Chancenverwertung schon länger ein Manko der DFB-Elf

Doch genau diese Chancenverwertung ist auch bei dieser EM-Endrunde das Manko der deutschen Elf. 83 Torschüsse gaben die Deutschen im Turnierverlauf ab, das ist Höchstwert aller Teams. Die Ausbeute ist mit sechs Treffern aber eher dürftig. Ob es nun ausgerechnet gegen das italienische Bollwerk und einen erneut bärenstarken Buffon besser wird, muss sich zeigen.

Zumal Deutschland ja vor vier Jahren nicht nur an fehlender Kaltschnäuzigkeit scheiterte. Oft waren die Angriffe einfach zu plump vorgetragen. Die auf dem Papier guten Werte verblassen bei genauer Betrachtung. Von 20 Torschüssen damals gab Deutschland knapp die Hälfte aus der Distanz ab (acht). Von insgesamt 34 Flanken erreichten gegen die gut gestaffelte italienische Abwehr nur sieben einen Abnehmer.

Nun sind auch bei dieser Europameisterschaft Flanken fester Bestandteil des deutschen Offensivspiels, kein Team flankte so oft bei dieser Endrunde wie die Deutschen (88-mal). Resultiert ist daraus jedoch nur ein Tor. Im ersten Gruppenspiel gegen die Ukraine erreichte Mesut Özils Hereingabe Bastian Schweinsteiger.

Kurioserweise kassierten die Italiener ihr bisher einziges Turniergegentor nach einer Flanke, jene Abwehr samt Keeper Salvatore Sirigu aus dem unbedeutenden letzten Gruppenspiel gegen Irland wird aber auch nur wenig mit der zu tun haben, die am Samstag gegen Deutschland auflaufen wird.

88 Flanken, ein Tor

Bezeichnend für Deutschlands Probleme bei Flanken ist wohl Außenverteidiger Jonas Hector, der zwar am häufigsten im DFB-Team flankte (25-mal), aber nur einmal damit auch einen Mitspieler erreichte. Das Problem des Kölners ist, dass er zu viele Flanken aus dem Halbfeld schlägt. Genauer gesagt kam er nur bei gut jeder fünften Flanke bis zur Grundlinie durch. Um die Italiener zu knacken, muss aber genau dies der Schlüssel sein.

Über schnelle Spielverlagerungen auf die Flügel muss Deutschland 1:1-Situationen schaffen, in deren Folge die Außenspieler hinter die Abwehr kommen. Gegen das extrem verdichtete Zentrum der Italiener - wie sie es im Achtelfinale gegen die Spanier gezeigt hatten - wird sonst wohl kein Durchkommen sein.

Es waren aber nicht nur die Spielweise, sondern vor allem Löws Personalentscheidungen, die vor vier Jahren für Kritik sorgten. Für Marco Reus, der zuvor eine überzeugende Leistung beim 4:2 gegen die Griechen im Viertelfinale abgeliefert hatte, kam Toni Kroos zu seinem ersten Startelf-Einsatz bei der EM. Nominell auf dem rechten Flügel, doch letztendlich agierte Kroos damals als Sonderbewacher von Italiens Spielmacher Andrea Pirlo. Dass ausgerechnet ein Techniker wie Kroos die meisten Zweikämpfe im Halbfinale führte, sprach Bände. Seine spielerischen Möglichkeiten kamen so nur selten zum Zuge.

Kroos auf verschenkter Position

Solch ein Fehler wird Löw nicht noch einmal passieren. Zum einen verfügt Italien nicht mehr über einen Spielgestalter von der Klasse von Pirlo damals, zum anderen weiß Löw mittlerweile, was er an Kroos hat. Der zweifache Champions-League-Sieger ist das, was Pirlo damals für Italien war, hatte mit Abstand die meisten Ballaktionen bei diesem Turnier (518) und spielte als deutscher Taktgeber auch die meisten erfolgreichen Pässe (410). Umstellungen in der Startelf sind bei Löw natürlich immer möglich, nur ist das deutsche Spielsystem mittlerweile so gefestigt, dass der Bundestrainer es nicht erneut gegen die Italiener über den Haufen werfen wird.

Was bleibt ist der Blick auf die Defensive, die bei dieser EM ja im Gegensatz zur EURO 2012 das deutsche Prunkstück darstellt. Im Halbfinale vor vier Jahren fiel das 0:1 durch Mario Balotelli nach einem individuellen Fehler, als sich Mats Hummels vor der Flanke von Antonio Cassano zu leicht austanzen ließ. Einen solchen Patzer kann die deutsche Defensive auch heute nur schwer verteidigen. Beim 0:2 wurde Deutschland ausgekontert. Ausgerechnet nach einer deutschen Ecke hatte Riccardo Montolivo Balotelli auf die Reise geschickt. Immerhin gehört Kontern bei der EM 2016 bislang nicht zu den Stärken der Italiener, die bisher noch gar keinen Abschluss nach einem Gegenstoß vorweisen können.

Beide Gegentore fielen in eine deutsche Drangphase hinein. Zu sagen, dass mit der nötigen Kaltschnäuzigkeit vorne diese Situationen hinten gar nicht erst hätten entstehen können, ist wohl sehr vereinfacht. Ob sich Deutschland wie vor vier Jahren 90 Minuten lang die Zähne am italienischen Bollwerk ausbeißen wird, bleibt abzuwarten. Zumal fraglich ist, wie oft die alten Herren aus Italien, deren Startelf im Achtelfinale durchschnittlich 30 Jahre und 319 Tage alt war, ein solcher Kraftakt wie gegen die Spanier noch gelingen wird. Schon da zeigte sich, dass die das Tempo nicht über die ganze Distanz gehen können. Unter anderem fiel die Zweikampfquote der Squadra Azzurra im zweiten Durchgang von 61 auf 43 Prozent. Irgendwann muss jede Serie einmal enden - auch gegen den größten Angstgegner.

Alle Informationen zur EM 2016

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