Del Bosques System sorgt für Diskussionen

SID
Montag, 11.06.2012 | 10:47 Uhr
Fernando Torres (r.) konnte sich nach seiner Einwechslung nicht nachhaltig empfehlen
© Getty
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Die Mixed Zone im Danziger Stadion wirkte unendlich lang, aber Cesc Fabregas machte das gar nichts aus. Erst nach einem viertelstündigen Interviewmarathon war der spanische Matchwinner beim 1:1 (0:0) gegen Italien zum EM-Auftakt freudestrahlend bei den letzten Journalisten angekommen.

Fernando Torres stellte indes hinter seinem Rücken einen neuen Rekord auf. Keine 30 Sekunden hatte der Stürmer für die rund 50 Meter zum lilafarbenen Mannschaftsbus gebraucht - und Fabregas keines Blickes gewürdigt.

"Nicht mal ich dachte daran, spielen zu dürfen. Ich war der Überraschteste von allen", bekannte Fabregas äußerst glaubwürdig.

Im System ohne echte Spitze hatte der Mittelfeldspieler mit dem Ausgleich des italienischen Führungstreffers durch Antonio Di Natale seine Aufstellung gerechtfertigt und die Spanier bei der "Mission Titelverteidigung" vor einem Fehlstart bewahrt.

Der auf die Bank verbannte Torres hingegen vergab nach seiner Einwechslung den Sieg - und entfachte eine Diskussion, die Spanien mindestens bis zum nächsten Gruppenspiel am Donnerstag gegen Irland begleiten wird.

Mourinho: "Spiel wirkt steril"

Nichts gewonnen und nichts verloren hat der Welt- und Europameister im wohl schwierigsten Spiel der Gruppe C: "Mit zwei Siegen sind wir doch im Viertelfinale", sagte Fabregas äußerst lässig. Die Geister der 38.869 Zuschauern aber schieden sich trotz des Fußballspektakels im Duell der beiden Weltmeister an der überraschenden Taktik von Spaniens Trainer Vicente del Bosque.

"Die Mittelfeldspieler waren sehr gut. Aber das Spiel ohne Stürmer wirkte steril", meckerte etwa Real Madrids Trainer Jose Mourinho. Del Bosque selbst befand, sein Plan sei "gar nicht so schlecht aufgegangen. Fabregas ist zwar Mittelfeldspieler, aber ein sehr spezieller. Ich wollte seine Vorteile ganz vorne ausprobieren." Die gab es gewiss - Spanien aber wirkte keineswegs so unverwundbar wie erwartet.

Fabregas gibt den Villa

Seit eineinhalb Monaten hatte der Barca-Spieler keine ganze Partie mehr bestritten, zudem nach einer leichten Verletzung am Dienstag zum ersten Mal mit der Mannschaft trainiert. Die spanischen Journalisten waren sich kollektiv einig, dass del Bosque wie in allen Trainings Champions-Laegue-Sieger Torres als Ersatz für den verletzten Rekordtorschützen David Villa bringen würde. Der 61-Jährige aber entschied sich nach vier Jahren als Nationaltrainer für sein allererstes Spiel ohne Stürmer.

"Wir haben diese Aufstellung nicht geübt. Aber es zeigt doch nur, dass wir viele Varianten haben", sagte Fabregas. Gegen die um Aushilfs-Libero Daniele Di Rossi clever verteidigenden und nach vorne fast auf Augenhöhe befindlichen Italiener spielte Spanien allerdings nur in der Schlussphase wie ein haushoher EM-Favorit - und da versagten ja Torres (75./85.) die Nerven.

"Es war der richtige Moment, um Fernando zu bringen. Und er hat sich ja auch einige Chancen erarbeitet", sagte del Bosque, ließ die zwei vergebenen Siegchancen des Torjägers vom FC Chelsea aber lieber unkommentiert. Vielmehr versuchte das spanische Lager den nötigen Optimismus auf dem Weg zum "Titel-Hattrick" aus seinem dominanten Mittelfeldspiel zu ziehen.

Kritik am Rasen: "UEFA muss sich etwas einfallen lassen"

"Es ist ein bittersüßes Gefühl. Aber der Schlüssel liegt nur bei uns. Ich vertraue darauf, dass wir ein starkes Turnier spielen", sagte Andres Iniesta, der das Spiel durch zahlreiche Weltklasse-Aktionen in der zweiten Hälfte belebt hatte.

Neben Torres war offiziell ohnehin der Rasen schuld: "Viel zu trocken. Wir konnten unser schnelles Spiel nicht wie gewohnt aufziehen. Die UEFA muss sich dafür etwas einfallen lassen", forderte Xavi wie Fabegras und Iniesta. Von der UEFA kam offiziell noch keine Antwort - und von der italienischen Seite auch keine Klagen.

Italiener stolz auf eigene Leistung

Immerhin hatte sich die vom Wettskandal, Verletzungssorgen und dreier Testspiel-Niederlagen gebeutelte Truppe am Montagabend ganz nebenbei zum Mitfavoriten gemausert. "Das ist eben Italien! Wir sind geistig und körperlich gewachsen", sagte Trainer Cesare Prandelli stolz, gab aber zu, dass das Spiel "sehr, sehr viel Kraft gekostet hat". Aufbauarbeit für das kommende Spiel gegen Kroatien leistete Staatspräsident Giorgio Napolitano noch in der Kabine.

Bedarf hatte vor allem Skandal-Spieler Mario Balotelli, der nach einer vergebenen Großchance (Prandelli: "Weiß nicht, was mit ihm los ist") von der Bank aus zusehen musste, wie "Oldie" Di Natale zur Führung traf.

Entspannen kann sich der Stürmer von Manchester City aber wie alle Italiener zumindest beim Blick auf die anhaltende spanische Stürmerdiskussion: Zu einem erneuten Aufeinandertreffen kommt es frühestens in drei Wochen - beim Finale in Kiew.

Spanien - Italien: Daten zum Spiel

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