Donnerstag, 07.06.2012

England Inside - Die Honigstein Kolumne

Wer ist hier der Boss?

Englands Nationaltrainer Roy Hodgson nominierte überraschend John Terry für die EM und ließ Rio Ferdinand zuhause. Nicht jeder hat dafür Verständnis. Zumal sich der Chelsea-Star als Kopf der Mannschaft sieht. Doch was ist mit Steven Gerrard? Und welche Rolle spielt Gary Neville?

John Terry (l.) mit Scott Parker und Kapitän Steven Gerrard (r.)
© Getty
John Terry (l.) mit Scott Parker und Kapitän Steven Gerrard (r.)

Um Punkt 17 Uhr Ortszeit sollte am 16. Mai Englands Aufgebot für die EM bekannt gegeben werden, aber die Sache verzögerte sich dann doch einige Minuten: die Internetseite der Football-Association war unter dem Ansturm der User zusammengekracht.

Der Crash war dem großen Knall vom Abend zuvor gefolgt. Roy Hodgson hatte sich in der Frage Rio Ferdinand oder John Terry entgegen der Erwartungen für den Chelsea-Kapitän entschieden und damit effektiv Rios Nationalmannschaftskarriere beendet.

"Es waren nur Fußballgründe ausschlaggebend", sagte Hodgson in der Pressekonferenz im Wembley. "John Terry hat zuletzt sehr gut gespielt. Er war hat eine große Rolle beim Gewinn des FA-Pokals und in Chelseas Einzug ins Champions-League-Finale gespielt. Natürlich hätte er das in Barcelona (Rote Karte wegen Tätlichkeit, Anm. d. Red.) nicht machen sollen, aber ich hatte ihn über einen längeren Zeitraum beobachtet."

Steilvorlage von Ferguson

Der Verzicht auf Ferdinand wurde nicht explizit erklärt, doch Angst um Ferdinands körperliche Verfassung war sicher ein Faktor. Manchester-United-Trainer Alex Ferguson hatte dem 33-Jährigen bereits am Sonntag die nötige Fitness für das Turnier abgesprochen. "Man spielt alle vier Tage, Rio kann das nicht mehr", hatte der Schotte gesagt und damit Hodgson die Steilvorlage gegeben.

Der 64-Jährige betonte, dass Terrys Strafverfahren wegen der mutmaßlich rassistischen Beleidigung von Anton Ferdinand (QPR), dem Bruder von Rio, keinen Einfluss auf die Entscheidung gehabt habe. "Ich hatte die freie Wahl", sagte der frühere West-Brom-Coach. "Ich wusste, dass einige Leute sich wundern würden, aber es ist meine Entscheidung und ich stehe dafür gerade."

Ferdinand-Berater: "Eine Schande"

Nur Fußballgründe? Das ist natürlich nicht die ganze Wahrheit. Terry und Ferdinand konnten laut Hodgsons Empfinden offensichtlich nicht zusammen nach Polen und in die Ukraine fahren, die Spannungen in der Kabine wären zu stark gewesen.

Mit der "Fußballgründe"-Notlüge wäre der Trainer wohl auch durchgekommen, wenn sich nicht in den Wochen darauf dummerweise Gareth Barry, Frank Lampard und Gary Cahill verletzt hätten. Hodgson nominierte neben Liverpools Mittelfeldmann Jordan Henderson nämlich auch die zwei Verteidiger Phil Jagielka (Everton) und Martin Kelly (Liverpool) nach - und brüskierte damit Ferdinand vollends.

"Es ist eine Schande, wie absolut respektlos mit Rio umgegangen wird", sagte Jamie Moralee, der Berater des United-Abwehrmanns. "Niemand kann mir sagen, dass Ferdinand nicht der siebtbeste Verteidiger Englands ist", wunderte sich der ehemalige Nationalspieler Paul Ince. "Hodgson will uns wohl veräppeln."

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Terry vs. United-Block?

Der erfahrene Fußballlehrer weicht jedoch nicht von seiner offiziellen Begründung ab. Aus politischen Gründen hatte dabei ja zunächst alles für Rio gesprochen. Nachdem die Football Association Terry die Binde im Februar im Alleingang abgenommen und Hodgson Anfang der Woche den früheren Man-Utd-Spieler Gary Neville als Assistent verpflichtet hatte, schien "JT" schlechte Karten zu haben.

Neville hatte als Kolumnist in der "Mail on Sunday" erklärt, dass Terrys Absetzung "halbherzig" gewesen wäre, außerdem war er einer der Rädelsführer beim (letztlich abgeblasenen) Streik der englischen Nationalspieler, als Ferdinand 2003 wegen einer verpassten Dopingprobe für acht Monate gesperrt wurde.

Nun darf man gespannt sein, wie gerade der starke Man-Utd-Block (Rooney, Welbeck, Young, Jones) mit Terry klar kommt. "Mr Chelsea" sieht sich, wie er ja schon während der WM erklärte, mit oder ohne Binde am Arm als Führungspersönlichkeit der Nationalmannschaft.

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Wie reagiert Gerrard?

Mit Terrys Machtanspruch muss auch Steven Gerrard umgehen, der Kapitän. "Meiner Meinung nach ist er der Mann, der diese Auszeichnung verdient", sagte der Nationaltrainer. "Ich kenne ihn als Spieler und als Mensch. Ich weiß, wie sehr er sich der Nationalmannschaft verpflichtet führt. Ich zähle darauf, dass er mir dabei hilft, die Mannschaft zu einer Einheit zu formen."

Das dürfte aus zweierlei Gründen nicht so leicht werden. Zum einen weiß Gerrard seit Terrys missglücktem Putschversuch in Rustenburg, dass "JT" scharf auf seinen Posten ist. Zum anderen ist Gerrard jemand, der lieber auf dem Platz sein Team führt, nicht mit Worten. Wer ihn bei der WM in Südafrika vor den Spielen erlebte, weiß das. Gerrard wirkte stets zaudernd und gequält; wie jemand, der lieber ganz woanders sein will.

Kluger Schachzug zu Hodgson

Dass er trotzdem wieder das Kapitänsamt von dem angeschlagenen Scott Parker (Tottenham) zurück bekam, ist wohl auch der jüngsten Vergangenheit geschuldet. Gerrard gehörte hinter vorgehaltener Hand zu den stärksten Kritikern von Hodgson, als dieser in der Vorsaison fünf Monate erfolglos den FC Liverpool trainierte.

Mit der Binde hat ihn Hodgson nun mit ins Boot geholt und damit zumindest fürs Erste einen potenziellen Nörgler - Gerrard war mit dem sehr auf Taktik fokussierten Liverpool-Training nicht zufrieden - kalt gestellt.

Außerdem hat der Coach nach dem Ausfall von Lampard immerhin zwei Probleme weniger. Er muss zum einen nicht länger überlegen, wie er Gerrard und "Lamps" in sein Lieblingssystem, das 4-4-2 einbaut. In der Zentrale hatten beide in gefühlt 100 Versuchen ja nie überzeugt. Und ohne Lampard ist auch Terrys Lobby in der Mannschaft schwächer. Der Chelsea-Skipper wird sich wohl oder übel unterordnen müssen.

Kompliziert bleibt die Hierarchie in der Truppe jedoch allemal. Hodgson muss hoffen, dass Neville ihm mit seiner Autorität in der Kabine hilft, den von vielen Partikularinteressen bestimmten Kader bei Laune zu halten. Das wird von den vielen rein fußballerischen Problemen (kein Rooney in den ersten zwei Spielen, zum Beispiel) abgesehen mit die schwerste Aufgabe bei diesem Turnier.

Englands EM-Gruppe D

Raphael Honigstein lebt und arbeitet seit 18 Jahren in London. Für die "Süddeutsche Zeitung" berichtet er über den englischen Fußball und ist Kolumnist für die britische Tageszeitung "The Guardian". Beim früheren Premier-League-Rechteinhaber "Setanta Sports" fungierte Honigstein als Experte für den deutschen Fußball. In Deutschland wurde der 37-Jährige auch bekannt durch sein Buch "Harder, Better, Faster, Stronger - Die geheime Geschichte des englischen Fußballs". Zudem ist er als Blogger bei footbo.com tätig und auch unter twitter.com/honigstein zu finden.

Raphael Honigstein

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