Felix Magath trifft auf Louis van Gaal

Das Duell: Pragmatiker vs. Dogmatiker

Von Haruka Gruber
Mittwoch, 24.03.2010 | 16:00 Uhr
Der Kampf um den Pokalsieg und die Meisterschaft: Felix Magath (l.) und Louis van Gaal
© spox
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Im Pokal-Halbfinale messen sich mit Schalkes Felix Magath und Louis van Gaal vom FC Bayern die beiden erfolgreichsten Trainer, die die Bundesliga zu bieten hat. Zwei Männer, die sehr unterschiedlich sind - und doch so ähnlich...

Die Frage gefällt ihm nicht besonders, daher antwortet er auch nur mit einem Satz. "Ich spiele nicht gegen Louis van Gaal", sagte Felix Magath - und schon war das Thema für ihn zugenüge abgehandelt.

Dennoch bleibt es eine der spannendsten Geschichten des Pokal-Halbfinals zwischen dem FC Schalke 04 und dem FC Bayern München (20.30 Uhr im LIVE-TICKER und auf SKY): Wer gewinnt das Duell der erfolgreichsten Trainer der Bundesliga?

Magath ist der herausragende Coach der letzten Jahre und wurde seit 2005 dreimal deutscher Meister und zweimal Pokalsieger, sein Gegenüber van Gaal wiederum gewann in seiner Karriere unter anderem die Champions League und den UEFA-Pokal.

Ansatzweise mithalten können nur Leverkusens Jupp Heynckes (2x deutscher Meister, 1x Champions-League-Sieger), Stuttgarts Christian Gross (6x Schweizer Meister) und Bremens Thomas Schaaf (1x deutscher Meister, 3x Pokal-Sieger) - und doch reichen sie nicht an die Strahlkraft eines Magath und van Gaal heran.

Die beiden Toptrainer im Vergleich:

Die Fußball-Philosophie

Vereinfacht formuliert: Pragmatiker Magath trifft auf Dogmatiker van Gaal. Während der Niederländer seinem Postulat des dominanten Positions- und Passspiels folgt, interessiert Magath vor allem die Zweckmäßigkeit.

Er analysierte anfangs den Kader und entschied daraufhin, dass mit den vorhandenen Spielern eine offensive Ausrichtung unmöglich sei und verordnete dem Team eine unattraktive, dafür aber höchst effiziente Strategie: hinten diszipliniert stehen und vorne mit Kontern oder Standards treffen.

Nichts anderes meinte Bayern-Sportdirektor Christian Nerlinger, als er das Schalker Spiel auf zwei Facetten reduzierte: taktische Fouls und ruhende Bälle. Der Schöngeist mag dies bedauern, maßgeblich für Magath ist jedoch nur der Erfolg.

Aber auch bei van Gaal ist mittlerweile ein gewisser Pragmatismus zu erkennen. Zu Beginn betonte er fast schon penetrant die Bedeutung des Kollektivs, doch angesichts des schleppenden Saisonstarts zeigte er sich wesentlich flexibler als erwartet. Er gewährte seinen Kreativspielern Franck Ribery und Arjen Robben ungewohnte Freiheiten auf dem Platz, obwohl dies der für van Gaal so wichtigen Grundidee von Organisation und Ordnung widerspricht.

Das Verhältnis zur Mannschaft

Der Kumpeltyp ist aus der Mode, derzeit erweist sich das Modell "distanzierter Trainer" als das erfolgreichere - mit Magath wie auch van Gaal als Prototypen. Nur zwei Beispiele: Magath missfiel, dass die Spieler vor und nach dem Training Zerstreuung suchten, daher verbannte er die Playstations aus dem Kabinentrakt. Und van Gaals Lehrer-Attitüde geht soweit, dass er beim Teamessen feste Sitzordnungen durchsetzte.

Jedoch verhält sich van Gaal nicht mehr wie der Hardliner vom Saisonstart, als ihm wie schon bei Barca Unfähigkeit im Umgang mit Stars vorgeworfen wurde. Er ist seitdem entspannter geworden und lässt seinen Spielern mehr Freiheiten. Ein Reifeprozess, den er mit Hilfe der Bayern-Bosse durchlief.

Zwar bleibt er kritisch ("Meistens kommen die Spieler nicht so gut weg"), aber seitdem seine Regeln von der Mannschaft verinnerlicht wurden, hat sich das Verhältnis entspannt. Selbst bei taktischen Fragen bekommen die Spieler nun ein Mitspracherecht.

"Jeder Spieler versucht, sich einzubringen. Wir diskutieren mit dem Trainer auch über taktische Dinge. Es kommt vor, dass er seine Vorstellungen dann zurückzieht. Spieler und Trainer haben viel Vertrauen zueinander", sagte Bastian Schweinsteiger im SPOX-Interview.

Die Spielerkarriere

Magath und van Gaal waren beide Spielmacher. Nur mit einem Unterschied: Magath war der wesentlich bessere. Er wurde Europapokalsieger der Landesmeister (1983), Europapokalsieger der Pokalsieger (1977) und errang drei deutsche Meisterschaften. Außerdem: Teilnahme an zwei Weltmeisterschaften sowie der EM-Sieg 1980.

Und van Gaal? Er wechselte mit großen Ambitionen Anfang der 70er Jahre zu Ajax Amsterdam, war dort aber chancenlos gegen Johan Cruyff. Daraufhin spielte er bei kleineren Klubs und bewährte sich in den Niederlanden und Belgien als Erstliga-Profi mit über 300 Einsätzen.

Die Trainerkarriere

Gegensätzlicher hätten die Trainerkarrieren kaum beginnen können. Van Gaal, von seiner wenig glamourösen Profi-Laufbahn etwas enttäuscht, verschrieb sich nach dem Rücktritt mit Haut und Haaren dem Coaching und hatte sofort Erfolg. Er formte in Amsterdam die vielleicht aufregendste Jugendmannschaft der letzten Jahrzehnte und holte mit den Heranwachsenden sogar den Champions-League-Sieg. Oder anders formuliert: Van Gaal war einer der einflussreichsten Trainer der 90er Jahre.

Doch mit dem Wechsel zum FC Barcelona begann trotz zweier Meistertitel der schrittweise Abstieg, der seinen Tiefpunkt bei der niederländischen Nationalmannschaft fand, mit der er die WM-Qualifikation verpasste. Erst in Alkmaar gewann van Gaal ausreichend Renommee zurück, um für eine Mannschaft wie die Bayern in Frage zu kommen.

Magath hingegen wurde als Trainer lange belächelt, da er sich zu sehr als überharter Diktator gerierte, dem Empathie und Charme abgingen. Da seine größte Stärke darin bestand, ein Team für einen überschaubaren Zeitraum zu motivieren, galt er als reiner Spezialist für abstiegsbedrohte Vereine.

Über die Jahre arbeitete Magath jedoch an seinen Schwächen, schaffte in Stuttgart den Durchbruch und versteht sich nun als moderner Fußball-Projektleiter, der darbende Vereine wie Wolfsburg und nun auch Schalke auf allen Ebenen wettbewerbsfähig macht.

"Was Felix leistet, ist phänomenal. Er ist derzeit der deutsche Fußball-Trainer schlechthin", sagt stellvertretend Franz Beckenbauer.

Die Außendarstellung

Van Gaal ist ein Stimmungsmensch, der sich je nach Laune jovial-witzig oder arrogant-herablassend gibt. Inakzeptabel sind unqualifizierte Fragen und Inkompetenz der Journalisten.

Er nutzt die Öffentlichkeit, um der Welt den Fußball zu erklären und die Darstellung der Medien zu widerlegen. Van Gaal agiert in dieser Hinsicht oft antizyklisch, um Druck aufzubauen oder von der Mannschaft zu nehmen.

Kurios und für einige ein Zeichen seiner eigenbrötlerischen Art, dass er sich noch immer weigert, zusammen mit dem Trainer des Gegners für ein Interview bereitzustehen.

Im Gegensatz zu van Gaal tritt Magath nicht als Gegenspieler der Medien auf, sondern instrumentalisiert diese zu seinen Zwecken. Einerseits nutzt er das Stilmittel der Ironie und des süffisanten Untertons, um seinen Standpunkt zu verdeutlichen, ohne jedoch anders als der emotionalere van Gaal unnötige Angriffsflächen zu bieten.

Andererseits sucht er bei Bedarf den Kontakt zur Presse, um gezielt seine Spieler zu motivieren. Nach eigenen Angaben spielt Kevin Kuranyi beispielsweise nur so gut, weil er von Magath in zahlreichen Interviews und im Training angestachelt wird.

Dass aber auch bei Magath nicht alles durchgeplant ist, bewies er nach dem Derbysieg gegen Dortmund, als er heftig mit Sky-Kommentator Jan Henkel wegen einer angeblichen TV-Verschwörung gegen Schalke aneinandergeriet.

Eine Szene, die auch von van Gaal hätte stammen können.

Die voraussichtlichen Aufstellungen:

Schalke: Neuer - Rafinha, Höwedes, Bordon, Westermann - Matip, Kluge (Baumjohann), Rakitic, Schmitz - Farfan, Kuranyi

Bayern: Butt - Lahm, van Buyten, Badstuber, Alaba - Robben, van Bommel, Schweinsteiger, Müller (Ribery) - Klose, Olic (Müller)

Schalke vs. Bayern: Die ewige Bilanz

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