Fussball

Kasachstan als Experimentierfeld?

Von Andreas Lehner
Das Spiel gegen Kasachstan dient auch für Experimente
© getty

Der zweite Vergleich gegen die Nummer 139 der Welt (Di., 20.30 Uhr im LIVE-TICKER) binnen vier Tagen ist weiterhin als Pflichtspiel deklariert - und gleichzeitig auch die letzte Chance für den Bundestrainer, einige Dinge auszuprobieren.

Marcell Jansen hat sich am Sonntag auf den Weg gemacht zur deutschen Nationalmannschaft. Jansen kamen dabei einigermaßen glückliche Umstände zupass. Der 27-Jährige war innerhalb einer Stunde von zu Hause bis nach Herzogenaurach unterwegs, wo der DFB-Tross sich auf die zweite Partie binnen vier Tagen gegen Kasachstan vorbereitet.

Diese eine Stunde nimmt sich recht wenig aus im Vergleich zu den über zweieinhalb Jahren, die der Hamburger nicht mehr im Kader einer deutschen Auswahl stand. Jansen war zeitweise förmlich verschollen, sowohl als Figur im linken Mittelfeld wie auch eine Stelle dahinter als äußeres Glied der Viererkette nicht mehr sonderlich gefragt. Aber eben auch nie ganz aus dem Blickfeld.

"Wir haben diese Spieler nicht vergessen", sagte Hansi Flick am Sonntag, "die meisten sind immer noch in unserem erweiterten Fokus." Also ist Jansen wieder Bestandteil einer Mannschaft, die ein offizielles Länderspiel angehen wird. Wobei die Definition des Vergleichs mit der Nummer 139 der Welt und angesichts der Eindrücke aus dem Spiel vom vergangenen Samstag nicht klar geregelt ist.

Kasachstan als Experimentierfeld?

Die FIFA besteht hartnäckig darauf, dass es sich um ein Pflichtspiel im Rahmen der Qualifikation zur WM-Endrunde in Brasilien handelt. Und natürlich würde es keinen deutschen Offiziellen geben, der dem Spiel gegen die Kasachen im Vorfeld weniger Bedeutung beimessen würde als etwa einem Aufeinandertreffen mit Frankreich, Italien oder England.

Genau das sind die spannenden Gegner des Länderspieljahres 2013, die Deutschland allerdings allesamt zu Testzwecken trifft. Kontrahenten vom Kaliber Kasachstans fallen hierfür schon lange durchs Raster. "Wir wollen uns mit den Besten messen, um unsere Mannschaft weiterzuentwickeln", sagt Oliver Bierhoff, der die Idee der Freundschaftsspiele gegen hochkarätige Gegner lebt wie kein anderer - wobei für den Teammanager da selbstredend auch finanzielle Faktoren eine Rolle spielen.

So verlangt der DFB von seinem Ausrichterklub bei Heimspielen unter anderem 1500 Business Seats. Der aktuelle Gastgeber Nürnberg kann da mit 800 Plätzen im gehobenen Segment nicht mithalten. Nicht umsonst erscheint die Veranstaltung auch wie eine Art Almosen für den Club, der sein letztes Länderspiel vor über viereinhalb Jahren ausrichten durfte: Ein Testspiel direkt nach der EM 2008 gegen die damals zweitklassigen Belgier.

Die Rahmenbedingungen suggerieren einen vorhersehbaren Verlauf der Partie, auch wenn man als deutsche Nationalmannschaft damit vorsichtig sein muss nach dem Schweden-Spiel vom letzten Herbst. Aber die am Samstag Überlegenheit mit halber Kraft zur Schau gestellte Überlegenheit und die Tatsache, dass es für sehr lange Zeit das letzten wirklich ernstzunehmende Spiel dieser Mannschaft sein dürfte, könnten Löw doch dazu bewegen, gegen die Kasachen neben der Pflichterfüllung auch ein wenig zu experimentieren.

Boateng für Höwedes

Zwar macht sich der DFB Ende Mai auf zur Reise nach Nordamerika mit je einem Spiel gegen die USA und gegen Ekuador. Eingebettet zwischen Champions-League- und DFB-Pokal-Finale dürften da jedoch etliche Spieler des engeren Kaders nicht zur Verfügung stehen. Also bleibt bis Mitte August nur noch dieser eine Termin am Dienstag in Nürnberg.

Ein paar Dinge werden Löw dabei quasi ohne eigenes Zutun serviert. Da in Holger Badstuber und Mats Hummels die beiden etatmäßigen Innenverteidiger verletzungsbedingt fehlen, kann Löw die Alternativen jenseits der EM-Abwehrformation weiter testen.

In Astana bekamen Per Mertesacker und erstmals nach langer Zeit auch Benedikt Höwedes wieder eine Bewährungschance im Zentrum. Da Höwedes am Dienstag aufgrund einer Muskelverhärtung abreisen musste, dürfte nun Jerome Boateng auflaufen, der in Kasachstan noch 90 Minuten auf der Bank saß. Der alte, neue Jansen wäre eine Alternative für die linke Abwehrseite. Dort hat er beim Hamburger SV in dieser Saison schon solide Schichten geschoben.

Schmelzer und Gündogan spielen

Ein Einsatz von Beginn an dürfte aber nicht in Frage kommen. Dafür hat Löw den derzeit gesetzten Marcel Schmelzer noch nicht lieb genug gewonnen, hier lasse er die anstehenden Belastungen in Liga und Champions League für den Dortmunder auch nicht gelten.

"Marcel wird spielen. Aber vielleicht kann Höwedes nicht spielen. Deswegen haben wir Marcell Jansen nachnominiert, um vielleicht über links noch mehr Druck zu machen. Er ist körperlich wieder stark und hat gute Leistungen beim HSV gezeigt", sagte Löw am Montag bei der abschließenden Pressekonferenz. "Wir können seine Flanken-Qualität auf der linken Seite gut gebrauchen, und defensiv hat er sich auch sehr verbessert", hatte er bereits einen Tag zuvor erklärt.

Die Rolle des gesperrten Bastian Schweinsteiger im defensiven Mittelfeld wird definitiv Ilkay Gündogan einnehmen, den Platz an seiner Seite dürfte im Normalfall Sami Khedira einnehmen. Allerdings wäre auch die Dortmunder Variante mit Sven Bender, der nach seiner überstandenen Grippe wieder zum Team gestoßen ist und einsatzbereit wäre.

Reus als Draxler- und Gomez-Ersatz

Die zuletzt überaus leidenschaftlich diskutierte Rolle des einzigen nominellen Angreifers bleibt weiterhin nicht von einem nominellen Stürmer besetzt, da neben Höwedes auch Mario Gomez das DFB-Quartier verließ.

So wird wohl erneut Mario Götze oder, als noch reizvollere Variante, Marco Reus bereitstehen. Reus fehlte in Astana aufgrund einer Gelbsperre und verbrachte die Partie auf der Tribüne im Beisein vom Bierhoff. Er wird ziemlich sicher ins Team rücken, entweder auf Gomez' oder der Position des verletzten Julian Draxler im linken Mittelfeld.

Löw kündigt Veränderungen an

"Es wird morgen auf jeden Fall zwei, drei Änderungen geben", war alles, was Löw zu seinen Überlegungen verraten mochte.

Zur überbordenden Diskussion um einen "fehlenden" Stürmer hielt sich Löw betont bedeckt. "Wir werden nie ohne eine Neun spielen. Egal wer da vorne spielt, er muss sich in den Räumen zwischen den Innenverteidigern bewegen", war das einzige, das sich Löw dazu entlocken ließ. Der Hype darüber ist ihm seit geraumer Zeit schon nicht mehr geheuer.

Bleiben also die personellen Veränderungen und die grundlegende Herangehensweise seiner Mannschaft an die Aufgabe. "Ich erwarte, dass wir im Heimspiel das Tempo von Beginn an hochhalten und ein frühes Tor machen. In Kasachstan haben wir uns zu sicher gefühlt und die Dinge schleifen lassen. Wenn wir nachlassen, verlieren wir die Konzentration. Die richtige Raumaufteilung ist auch wichtig. Die ist uns in Kasachstan etwas abhanden gekommen", forderte Löw.

Der Gladbacher Patrick Herrmann hat es nach einer deutlich längeren Reise von Sonntag auf Montag auch zur Mannschaft geschafft. Fast die ganze Nacht sei Herrmann vom Quartier der U-21-Nationalmannschaft in Tel Aviv zurück nach Deutschland geflogen. Gegen 11 Uhr sei er dann zu seiner Premiere im DFB-Kreis eingetroffen. Und wo er jetzt schon mal hier ist, könnte er doch gleich auch spielen...

Die WM-Qualifikation im Überblick

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