Montag, 17.05.2010

Kommentar zu Ballacks WM-Aus

Keine Nachnominierung: Richtig oder falsch?

Michael Ballack fällt für die WM 2010 in Südafrika aus. Joachim Löw will aber nicht nachnominieren. Der Bundestrainer vertraut seinem erweiterten Kader. Liegt Löw damit richtig oder sollte er seine Meinung überdenken? Die SPOX-Redakteure Andreas Lehner und Thomas Gaber diskutieren.

Torsten Frings und Michael Ballack bildeten jahrelang das zentrale Mittelfeld in der DFB-Elf
© Getty
Torsten Frings und Michael Ballack bildeten jahrelang das zentrale Mittelfeld in der DFB-Elf
Thomas Gaber
Thomas Gaber

Löw muss Frings holen

Ein Kommentar von Thomas Gaber

Michael Ballack fällt für die WM aus. Ein schwerer Schlag für die deutsche Nationalmannschaft. Der Kapitän eckte an, bei den Trainern, beim Manager, bei den Spielern. Ballack war nicht immer pflegeleicht, aber stets eine Respektperson. Der absolute Leader im DFB-Team über Jahre hinweg. Dieser Leader fehlt in Südafrika. Andere müssen das Vakuum füllen. Auf dem Platz, aber auch außerhalb. Joachim Löw sucht eine interne Lösung. Der starke Bayern-Block mit Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger und Miroslav Klose soll's richten.

Doch zusätzliche Verstärkung kann nicht schaden. Vor allem in sportlicher Hinsicht. Weder Christian Träsch noch Sami Khedira oder Jerome Boateng können Ballack ersetzen. Khedira kommt Ballacks Spielweise am nächsten. Der Stuttgarter ist in seinen Leistungen aber noch zu inkonstant und hat international wenig vorzuweisen. Gleiches gilt für Vereinskollege Träsch. Boateng ist mit der U 21 als Innenverteidiger Europameister geworden und spielte auch beim HSV in der abgelaufenen Saison stets in der Abwehr. Philipp Lahm ist als Außenverteidiger unverzichtbar.

In Ballacks Abwesenheit soll Schweinsteiger die Chefrolle im Mittelfeld übernehmen. Bei Bayern spielt er bereits dominant, nimmt die ersten Bälle und leitet die Angriffe ein. In der DFB-Elf war Ballack für diese Aufgabe vorgesehen, Schweinsteiger hätte sich anpassen, bzw. unterordnen müssen. Ohne den Capitano ist er der Boss. Er brilliert bei Bayern, hat aber mit Mark van Bommel einen starken Mann neben sich.

Dieser starke Mann in der DFB-Elf kann nur Torsten Frings heißen. Der Bremer hat 79 Mal für Deutschland gespielt. Gemeinsam mit Ballack und Jens Lehmann war Frings Wortführer bei der WM 2006 und der EM 2008. Durch unbedachte Äußerungen fiel Frings bei Löw in Ungnade. Trotz einer starken Saison bei Werder Bremen purzelte er durchs WM-Casting. Frings spiele keine Rolle mehr, da Deutschland ein offensives Spielsystem bevorzuge, begründete Löw. Frings war mit 33 Jahren ein Auslaufmodell. Er hat bei Werder vor allem in der Rückrunde das Gegenteil bewiesen.

Wie Ballack war Frings manchmal unbequem, aber stets loyal und von bedingungslosem Einsatz getrieben. Das hat ihm viel Respekt bei den Mitspielern eingebracht. Frings war länger nicht im Kreis der Nationalmannschaft. Aber er ist erfahren und vernünftig genug, sich in eine bestehende Hierarchie einzuordnen. Frings ist der Einzige, der Ballacks Ausfall einigermaßen kompensieren könnte: auf und außerhalb des Platzes.

 

Andreas Lehner
Andreas Lehner

Löws Strategie ist richtig

Ein Kommentar von Andreas Lehner

Joachim Löw hat seine Entscheidung gefällt: er wird trotz der Verletzung von Michael Ballack keinen Spieler nachnominieren. Aufgrund von nur drei verbleibenden defensiven Mittelfeldspielern eine gewagte, aber auch richtige Entscheidung. Schließlich hat sich der Bundestrainer am 6. Mai nicht ohne Grund auf einen 27 Mann starken Kader und eine Strategie festgelegt.

Die Nominierung sei ein Resultat von "wochen-, monate-, vielleicht sogar jahrelanger Analysen", hatte Löw betont. Auch wenn mit Ballack der Kapitän und Fixpunkt der deutschen Mannschaft ausfällt, kann und darf der Bundestrainer seine Entscheidungskriterien nicht über den Haufen werfen. Er hat sich mit der Berufung von Sami Khedira und Christian Träsch als Alternativen für die Zukunft auf dieser Position entschieden und bewusst auf Thomas Hitzlsperger und Torsten Frings verzichtet.

Der Bundestrainer nannte für die Nichtberücksichtung des Bremers spieltaktische Gründe und hatte Zweifel, dass Frings noch die nötige Fitness für eine WM mitbringt. Gegen Hitzlsperger sprach sein Reservistendasein in Stuttgart und Rom. An den Absagegründen hat sich auch durch die Verletzung von Ballack nichts geändert. Dass Löw jetzt nicht reflexartig nach Frings oder Hitzlsperger greift, ist konsequent und ein Vertrauensbeweis für seine jungen Spieler.

Den Ausfall von Ballack als Führungsfigur könnte Löw auch mit einer nachträglichen Nominierung eines anderen Spielers nicht kompensieren. Natürlich ist der Kapitän in dieser Hinsicht schwer zu ersetzen. Auf der anderen Seite bietet die Situation aber für die Nationalmannschaft die Chance, sich auf die anstehende Zeit nach Ballack vorzubereiten. Löw ist ein Verfechter flacher Hierarchien. Ballack setzte noch vor ein paar Monaten seinen Herrschaftsanspruch zu starrsinnig durch und eckte damit auch bei seinen Mitspielern an.

Diese müssen jetzt zeigen, dass sie auch ohne ihren Frontmann eine stabile Mannschaft stellen und ein starkes Turnier spielen können. Spieler wie Bastian Schweinsteiger, Philipp Lahm und Per Mertesacker sind ab sofort gefordert, noch mehr Verantwortung zu übernehmen und die Mannschaft auf und neben dem Platz zu führen.

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