Ballacks WM-Aus und die Folgen

Das große Vakuum

Von Andreas Lehner
Montag, 17.05.2010 | 17:17 Uhr
Wer tritt im jungen deutschen Team in die Fußstapfen von Capitano Michael Ballack?
© Imago
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Deutschland muss die WM in Südafrika ohne Michael Ballack spielen. Ein Schock für Fans, Spieler und Trainer. Joachim Löw ist gefordert. Er braucht einen neuen Kapitän, eine neue Hierarchie und ein neues Konzept.

Joachim Löw trug schwarz. Als der Bundestrainer im Regenerationstrainingslager in Sizilien vor die Presse trat und Michael Ballacks WM-Aus kommentierte, symbolisierte der Bundestrainer mit seiner Kleidung Trauer.

Natürlich war die Nachricht auch für Löw, den restlichen Betreuerstab und die Mannschaft ein großer Schock. Der nächste nach der verletzungsbedingten Absage von Rene Adler. Aber Löw wirkte in seiner Ansprache sehr gefasst und trotzdem voller Tatendrang.

Schon fast staatsmännisch verkündete er: "So schlimm der Ausfall ist: Für uns heißt das, jetzt alle Kräfte zu bündeln. Von Resignation kann keine Rede sein. Es gab immer mal wieder solche Fälle, in denen dann andere, junge Spieler nachgerückt und in diese Rolle hineingewachsen sind."

Große Herausforderung für Löw

Löw würdigte in seinen Worten Ballacks Leistungen für die Nationalmannschaft und stellte seine Bedeutung für das Team heraus. Es klang ein bisschen nach Abschied. Und die WM sollte auch Ballacks letztes großes Turnier werden, die erhoffte Krönung seiner Karriere.

Jetzt muss er mit der "bittersten Verletzung meiner Karriere" fertig werden. Der Bundestrainer mit der Absenz seines Kapitäns und dem Verlust einer starken, erfahrenen Persönlichkeit in einer auf Weltniveau jugendlichen Mannschaft.

Ballack wird trotz seiner Verletzung (Riss des Innenbandes und ein Teilriss des vorderen Syndesmosebandes des rechten oberen Sprunggelenks) nach Sizilien reisen und die Mannschaft unterstützen.

Am 21. Mai reist die Nationalelf dann nach Südtirol, um in die entscheidende Phase der WM-Vorbereitung einzutreten. Die Verletzung von Ballack stellt Löw vor weitere große Probleme. SPOX beantwortet die fünf wichtigsten Fragen.

Wie wird Ballacks Aus sportlich kompensiert?

Ballack war seit Jahren DIE feste Größe im zentralen Mittelfeld. Ob im 4-4-2 oder im 4-2-3-1. Bei der WM sollte Bastian Schweinsteiger an seiner Seite vor der Abwehr agieren. Ballacks ehemalige Adjutanten Torsten Frings, Thomas Hitzlsperger und Simon Rolfes  wurden von Löw aus den unterschiedlichsten Gründen für Südafrika nicht nominiert. Die wichtigste Position im modernen Fußball auf der Sechs war also ohnehin ein Experimentierfeld.

Einen Spieler mit der Klasse und Erfahrung von Ballack hat Deutschland schlicht und ergreifend nicht. Sami Khedira ähnelt in seiner Spielweise dem Kapitän, geht oft in die Spitze und entwickelt aus der zweiten Reihe Torgefahr. International mangelt es dem 23-Jährigen allerdings an Erfahrung. Zumal im Verbund mit Schweinsteiger wie bei Bayern mit Mark van Bommel ein eher defensiverer Spielertyp gefragt ist.

Der dritte und letzte verbliebene defensive Mittelfeldspieler im Kader ist Christian Träsch. Der 22-Jährige feierte in dieser Saison in Stuttgart einen rasanten Aufstieg und etablierte sich im defensiven Mittelfeld als Spielzerstörer und Wasserträger. Seine Länderspielerfahrung beruht allerdings auf Spielen gegen die Vereinigten Arabischen Emirate und Malta. Beim Aus in der Champions League gegen den FC Barcelona bekamen die Stuttgarter ihre Grenzen aufgezeigt. DFB-Sportdirektor Matthias Sammer sprach von "Kindergarten-Fußball".

Dennoch dürfte Löw nicht von seiner Spielweise mit zwei Sechsern abrücken und das System ändern. Ebenfalls Erfahrung im defensiven Mittelfeld haben Jerome Boateng und Philipp Lahm, der 2007 beim 2:1-Sieg gegen England in Wembley eine herausragende Leistung ablieferte. Ein Experiment in diese Richtung scheint aber völlig ausgeschlossen. Denn wer sollte Lahm dann auf Außen ersetzen?

Wie sieht die Hierarchie in der DFB-Elf ohne Ballack aus?

Die Vorbereitung auf die WM und das Turnier selbst werden zu einem Vorgriff auf die Post-Ballack-Ära. Der Chelsea-Spieler ist momentan noch die unumstrittene Führungsfigur und der einzige Spieler, der sich in der Öffentlichkeit auch mit dem Bundestrainer oder dem Teammanager anlegen kann.

Oft wird er als Deutschlands einziger Weltklassespieler bezeichnet. Seine aggressive, herrische Art wurde von den Mitspielern aber teilweise auch als zu autoritär empfunden. Trotzdem wird er von allen als Führungsperson akzeptiert und respektiert. Er ist der letzte verbliebene Querdenker und Meinungsmacher, der auch schon bei der WM 2006 und der EM 2008 die Mannschaft führte.

Jens Lehmann und Torsten Frings fanden bei Löw keine Berücksichtung mehr. Christoph Metzelder hat sich selbst aus dem Rennen genommen. Ballack stand auf einer eigenen Stufe, weit über allen anderen. Seine Verletzung schafft ein Machtvakuum im Team, das nicht von heute auf morgen gefüllt werden kann. Die Mannschaft muss sich ohne Ballack neu orientieren und ausrichten.

Miroslav Klose hat nach Ballack die meisten Länderspiele und war bisher stellvertretender Kapitän. Das Wort des Stürmers hat ebenfalls Gewicht, sowohl beim DFB-Team als auch bei Bayern. Aber Klose ist aufgrund seiner Reservistenrolle in München in der Öffentlichkeit nicht unumstritten. Auch Löw muss erstmal abwarten, wie es um die Form des WM-Torschützenkönigs von 2006 bestellt ist.

In Aachen gegen Malta führte Arne Friedrich das Team in Abwesenheit der Bayern- und Werder-Spieler mit der Binde aufs Feld, aber auch sein Platz im Team ist noch nicht gesichert. Als heißester Kandidat auf das Kapitänsamt gilt Philipp Lahm. Der Außenverteidiger ist gesetzt, spielt eine starke Saison und wird von Löw sehr geschätzt. Auch Bastian Schweinsteiger drängt in eine Führungsposition und ist bereit, mehr Verantwortung innerhalb des Teams zu übernehmen.

Wie verläuft die Vorbereitung ohne den Kapitän?

Die deutsche Mannschaft verfügt sicher nicht über die besten Einzelspieler. Den Trainingslagern in Sizilien und Südtirol kommt deshalb eine ganz besondere Bedeutung zu. Das betonte der Bundestrainer immer wieder. Abläufe und Spielzüge sollen in diesen knapp drei Wochen in Fleisch und Blut übergehen, Automatismen entstehen. Im Zentrum des Spiels und Löws Planungen stand dabei Ballack.

Seit Jahren ist er der zentrale Mann des deutschen Spiels und Chef auf dem Platz. Das Gesamtkonstrukt Nationalmannschaft baute auf der Person Ballack auf. Löw muss in kürzester Zeit seine komplette Planung und sein Konzept überarbeiten und eine Spielausrichtung ohne Ballack entwickeln.

Dazu kommt das Problem, dass die sieben Bayern-Spieler erst nach dem Champions-League-Finale ins Trainingslager nachreisen und so die Trainingsarbeit zusätzlich erschwert wird. Die intensive Vorbereitung und die Entwicklung einer homogenen Mannschaft sollte einer der Vorteile der deutschen Mannschaft werden. Das Fundament des Erfolges wirkt so aber wackelig.

Ist Löw bei seiner Kader-Nominierung zu großes Risiko gegangen?

Der Bundestrainer war sich sicher, mit Ballack und Schweinsteiger ein defensives Mittelfeld von Weltklasse-Format geformt zu haben. Dahinter sollten mit Khedira und Träsch zwei junge Spieler Erfahrung sammeln. Auf ein Sicherheitsnetz in Form einer Nominierung von Frings oder Thomas Hitzlsperger als erfahrene Backups hat er bewusst verzichtet.

Das FIFA-Reglement bietet zwar die Möglichkeit bei einer schwerwiegenden Verletzung einen Spieler nachzunominieren, der nicht im vorläufigen Kader stand, aber Löw will nicht davon Gebrauch machen. Auch ein Zeichen des Vertrauens an seinen jetzt noch 26 Spieler umfassenden Kader.

Die einzig offene Frage bleibt, warum sich Löw mit seiner unnötigen Zusage an die sechs Stürmer selbst eine Tür zugeschlagen und sich so bei den drei Streichkandidaten unter Druck gesetzt hat.

Was bedeutet Ballacks Ausfall für die deutschen WM-Chancen?

Deutschland zählte auch mit Ballack nicht zu den Top-Favoriten auf den Titel. Und ohne den Kapitän wird das Team nicht gleich zum Außenseiter. Aber die Strahlkraft des Teams und die Wirkung auf andere Nationen sind ohne Ballack deutlich geringer. Auch wenn ihm in Deutschland das Image des ewigen Zweiten nachhängt, gilt er im Ausland als Sinnbild für den kämpfenden, nie aufgebenden und schwer zu schlagenden Deutschen.

Die Reaktionen auf Ballacks WM-Aus

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