CL: Bayer nach dem Achtelfinal-Einzug

Leverkusen ist das bessere Chelsea

Von Haruka Gruber
Donnerstag, 24.11.2011 | 12:41 Uhr
Sieg-Torschütze Friedrich bejubelt mit den Leverkusen-Fans das 2:1 gegen Chelsea
© Getty
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Trainer ohne Standing, Teams ohne Kontur: Bayer Leverkusen und der FC Chelsea quälen sich durch die Saison. Den Unterschied macht ausgerechnet Michael Ballack. Blues-Coach Andres Villas-Boas kriecht angesichts des drohenden Ausscheidens zu Kreuze.

Er war der Realität entrückt. Überwältigt ob der Glücksgefühle und des Adrenalins vergaß Robin Dutt für einige Sekunden sein kontrolliertes Ich und ließ alles aus sich raus.

Nach dem 2:1 gegen Valencia am dritten Champions-League-Spieltag hatte er bereits ungehemmt gejubelt: In Stile des fliegenden Superman mit einem ausgestreckten Arm.

Nun das: Der Bedeutung des 2:1 gegen den FC Chelsea angemessen riss Leverkusens Trainer diesmal sogar beide Arme in die Luft und drehte freudetrunken seine Superman-Runde.

Wenige Augenblicke zuvor hatte Manuel Friedrich in der Nachspielzeit das Siegtor geköpft und bereits vor dem letzten Spieltag die Qualifikation für das Achtelfinale der Königsklasse sichergestellt.

Wer kommt in Gruppe E wie weiter? Der Tabellenrechner!

Extralob für Robin Dutt

"Die Mannschaft hat sich unwahrscheinlich ins Zeug gelegt und letztendlich verdient gewonnen. Wir waren heute ein echtes Team auf dem Platz, das war eine Klasse-Mannschaftsleistung", sagte ein wieder beruhigter Dutt.

Sportdirektor Rudi Völler lobte explizit die Leistung seines Trainers. Mit Bedacht, wird Dutts Wirken nach wie vor von außen wie auch innerhalb des Klubs kritisch oder zumindest argwöhnisch beäugt.

Ein Vorwurf zielt auf die unglücklichen und teils seltsam anmutenden Einwechslungen - gegen Chelsea erzielte Eren Derdiyok 93 Sekunden nach seiner Hereinnahme mit dem ersten Ballkontakt den Ausgleich nach herrlichem Sam-Assist.

"Der Trainer hat genau richtig gewechselt und alles auf eine Karte gesetzt. Dass wir bereits vor dem letzten Spieltag direkt qualifiziert sind, ist einfach unglaublich", sagte Völler.

Leverkusen sicher weiter

Im Falle einer Niederlage zum Gruppenausschluss in Genk könnten Valencia und Chelsea bei einem gegenseitigen Unentschieden nach Punkten gleichziehen. Dann wird jedoch eine Kreuztabelle aus Leverkusen, Valencia und Chelsea gebildet, in der Bayer mit 6 Punkten als Erster nicht zu verdrängen wäre.

In allen anderen Szenarien könnte der Bundesligist schlimmstenfalls auf Platz zwei enden.

Völler: "Alle haben toll gefightet. Durch den Rückstand haben wir uns nicht verrückt machen lassen - und das gegen solch eine Weltklasse-Mannschaft."

Ballack wieder bester Mann

Bei allem Kampf: Es war keine Offenbarung, keine Gala wie so oft beim Einzug ins Champions-League-Finale 2002. Das Leverkusen unter Dutt sollte anspruchsvollen Fußball bieten, doch stattdessen definiert es sich fast ausschließlich über Kampf, Willen - und Michael Ballack.

"Er ist unverzichtbar", sagte "Sky"-Experte Stefan Effenberg. Nicht nur beim 2:0 in Kaiserslautern am letzten Bundesliga-Spieltag hatte er sich als bester Mann erwiesen, nun folgte die nächste überzeugende Leistung gegen seinen früheren Verein.

Sein Lattenkopfball in der 33. Minute erinnerte an den energischen Ballack von früher, seine Doppelchance in der 59. Minute erinnerte seine Mitspieler wiederum daran, dass Chelsea durchaus ein zu schlagender Gegner ist.

"Wir haben ein junges Team. Wir fanden gut ins Spiel, aber im weiteren Verlauf bekam ich das Gefühl, dass wir nicht hundertprozentig an einen Erfolg glauben. Dies hat Chelsea wiederum stärker gemacht", sagte Ballack und bezog sich auf die Phase nach der Pause, als die entmutigten Leverkusener der Gästeführung durch Didier Drogba wenig entgegenzusetzen hatten.

Bayer-Fazit: Optimal angesichts der Umstände

Doch Ballack war es vorbehalten, in seinem 100. Europapokal-Spiel für den Umschwung zu sorgen - kraft seiner Torgefahr und seiner Attitüde. "Trotz seiner 35 Jahre verfügt Ballack noch immer über jene Art der Präsenz, die seinem früheren Klub so schmerzlich abging", so der "Independant".

Ballacks Geist war auch in der Entschlossenheit von Friedrich zu erkennen, als dieser sich in der Nachspielzeit gegen den 14 Kilogramm schwereren Alex in die Luft behauptete und das 2:1 erzielte. Beim Drogba-Gegentreffer hatte Friedrich wie sein unsicherer Innenverteidiger-Partner Ömer Toprak noch gezaudert. "Ein Klasse-Kopfballtor von Manuel", lobte Ballack.

BlogSelbst die Dutt-Kritiker müssen jetzt loben

Von Ballack abgesehen gibt Leverkusen jedoch kein Grund zu übertriebener Zuversicht. Der Verein und Dutt müssen sich fußballerisch wie auch menschlich noch einander gewöhnen, außerdem kommen die spielerisch durchwachsenen Leistungen, die zahlreichen Verletzungen, zwischenzeitliche Streitereien wie der zwischen Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser und Gonzalo Castro: Bayer ist weiterhin entfernt vom Optimum.

Andererseits: Angesichts der Umstände sind das Erreichen des Champions-League-Achtelfinals und der sechste Bundesliga-Platz fast schon eine optimale Ausbeute.

Chelsea mit ähnlichen Problemen

Chelsea hingegen wäre alleine schon erleichtert, wenn sie denn die Gruppenphase überstehen. Die Blues leiden an ähnlichen Problemen: Der erst im Sommer verpflichtete Trainer steht in der Kritik und dem Team fehlt es trotz etlicher gestandener Spieler und einer Ansammlung von Talenten an Kontur.

"Sie sind gerade nicht in bester Verfassung", sagte Ballack. Deutlicher wurden die englischen Medien. "Chelseas Horror-Show", schrieb der "Daily Star". Und selbst der "Independent" schrieb überdeutlich: "Das lustlose Chelsea erhöht Villas-Boas' Qualen. Die Henker ziehen die Schlinge enger."

Entsprechend einsichtig gab sich Coach Andres Villas-Boas nach dem Spiel. Fast schon unterwürfig übernahm er die Schuld für die Niederlage - womöglich aus politischen Gründen, um Klub-Besitzer Roman Abramowitsch zu signalisieren, dass er zu Selbstkritik fähig ist.

Chelsea droht das Ausscheiden

"Es ist mein Job, die Spieler zu inspirieren und zu motivieren, wenn der Glaube abhanden geht", sagte der 34-Jährige. "Wir müssen trainieren, wir müssen die Qualität im Training erhöhen, wir müssen uns besser konzentrieren."

Das ihm zustehende restliche Gehalt von rund 23 Millionen Euro wird Abramowitsch davon abhalten, ihn übereilt zu entlassen. Aber die Tendenz ist besorgniserregend. In den letzten sieben Pflichtspielen gab es vier Niederlagen. In der Premier League beträgt der Rückstand auf Tabellenführer Manchester City zwölf Punkte. In der Champions League gab es in allen drei Auswärtsauftritten keinen Sieg, obwohl Chelsea jedes Mal 1:0 in Führung ging.

Entsprechend wegweisend wird der Vorrunden-Abschlussl gegen das formstarke Valenica, das seit dem 1:2 in Leverkusen aus sieben Pflichtpartien lediglich eine verlor - und diese gegen Real Madrid. Sollte Chelsea verlieren oder im bestimmen Konstellationen nur Remis spielen, droht das blamable Ausscheiden (Selbst nachrechnen: Hier geht's zum Tabellenrechner!).

Villas-Boas: "Es liegt alles in unserer Hand. Wir müssen nur unseren Job erledigen. Es ist unsere Pflicht und wir wollen unsere Fans nicht in Stich lassen." Entscheidend dafür wird sein, ob die Mannschaft ihn erneut in Stich lässt.

Bayer Leverkusen - FC Chelsea: Daten zum Spiel

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