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Als Ajax Amsterdam 1995 den FC Bayern München vorführte: Utopie!

FC Bayern
© SPOX

Im Champions-League-Halbfinale der Saison 1994/95 schaltete Ajax Amsterdam den FC Bayern München aus - der 5:2-Sieg im Rückspiel war eine Machtdemonstration. Am Dienstag (21 Uhr live auf DAZN und im LIVETICKER) kommt es zur Neuauflage des Duells.

Es war zu einer Zeit, in der auf Trikot-Rückseiten noch keine Spielernamen standen, obwohl die Trikots so groß und weit waren, dass auf jedes einzelne die Namen aller Kadermitglieder gepasst hätten. Es war am 19. April 1995, als Ajax den FC Bayern vorführte.

Knapp vier Jahre zuvor hatte Aloysius Paulus Maria van Gaal das Traineramt bei Ajax übernommen und die zweite große Ära der Vereinsgeschichte eingeleitet. Trainer Rinus Michels und Spielmacher Johan Cruyff waren die Architekten der ersten: Dreimal in Folge gewann Ajax Anfang der 1970er Jahre den Europapokal der Landesmeister. Mit einer selbst entwickelten, keiner zusammengekauften Mannschaft. Ein Erfolgsrezept, das van Gaal rund 20 Jahre später wiederholen wollte.

Van Gaals Ajax: jung und bereit, die Fußballwelt zu erobern

Also machte er sich auf die Suche nach jungen Talenten. Und er fand sie: in der eigenen Nachwuchsabteilung oder den Tiefen des bereits bestehenden Kaders (Clarence Seedorf, Edgar Davids, Patrick Kluivert, Michael Reiziger, Ronald und Frank de Boer, Edwin van der Sar), bei kleineren niederländischen Vereinen (Winston Bogarde, Marc Overmars) und irgendwo im nahen oder fernen Ausland (Jari Litmanen, Finidi George, Nwankwo Kanu).

Sie alle waren Anfang 20 und bereit, die Fußballwelt zu erobern. Doch dafür brauchten sie Anführer und die hießen Danny Blind und Frank Rijkaard. Blind, Kapitän und bereits seit einigen Jahren Stammspieler bei Ajax. Rijkaard, aus der Ajax-Jugend, zweimaliger Europapokal-der-Landesmeister-Sieger mit dem AC Milan und 1993 zu seinem Heimatverein zurückgekehrt.

Die Mannschaft spielte sich ein und war in der Saison 1994/95 mit einem Durchschnittsalter von knapp 22 Jahren auf ihrem Zenit. "Ajax ist nicht nur das Team der 1990er Jahre. Es ist ein Team nahe an der Fußball-Utopie", sagte Jorge Valdano später. Seine Qualifikationen für diese Aussage sind ein Weltmeistertitel mit der argentinischen Nationalmannschaft 1986 sowie der Ehrentitel "Filosofo del Futbol". Fußballphilosoph.

Ajax spielte offensiv, dominant, technisch, schnell und flexibel. "Jeder einzelne Ajax-Spieler ist kreativ", sagte van Gaal, der diese Spieler in sowas wie ein 3-3-1-3-System packte. Van der Sar als mitspielender Keeper, Rijkaard als kreativer Sechser, Seedorf als antreibender Mittelfeldmotor, Litmanen als hängende Spitze, George als rasanter Flügelflitzer, Kanu als großgewachsener Sturmtank.

Ajax auf dem Weg zum Champions-League-Titel

Ajax marschierte in der niederländischen Meisterschaft zum Titel und in der Champions League durch die Runden. Gruppensieger im Herbst, im Viertelfinale Hajduk Split ausgeschaltet und dann wartete der FC Bayern von Trainer Giovanni Trapattoni. Das Hinspiel im Münchner Olympiastadion endete 0:0. Im Rückspiel folgte etwas, was der englische Independent "Dazzling Display" nannte. Je nach Übersetzung eine blendende, umwerfende, glanzvolle oder schillernde Vorstellung.

Ein Kopfball von Litmanen, nachdem er kurz zuvor mit einem Seitfallzieher gescheitert war. Ein Gewaltschuss von George, nachdem Litmanen weitsichtig durchgelassen hatte. Eine Direktabnahme von Ronald de Boer. Ein Schuss von Litmanen, nachdem er den Ball genial angenommen hatte. Und dann noch einer von Overmars, nachdem Vorbereiter George drei Gegenspieler auf sich gezogen hatte. Fünf Tore, zwischenzeitlich hatten Marcel Witeczek und Mehmet Scholl für den FC Bayern getroffen. 5:2!

Ajax Amsterdam - FC Bayern München 5:2 (3:1)

Ajax Amsterdam: Van der Sar - Reiziger, Blind, Bogarde - R. de Boer, Rijkaard, Seedorf - Litmanen - George (87. Davids), Kanu (67. Kluivert), Overmars

FC Bayern: Scheuer - Kuffour, Helmer (42. Kreuzer), Babbel - Frey, Nerlinger, Scholl, Schupp, Ziege - Witeczek, Zickler (72. Sutter)

Tore: 1:0 Litmanen (12.), 1:1 Witeczek (36.), 2:1 George (41.), 3:1 R. de Boer (44.), 4:1 Litmanen (46.), 4:2 Scholl (75.), 5:2 Overmars (88.)

Ajax stand im Champions-League-Finale und traf in Wien auf den AC Milan. In der 70. Minute wechselte van Gaal Kluivert ein, in der 85. erzielte er den 1:0-Siegtreffer. 22 Jahre nach dem letzten Triumph gewann Ajax erneut die Königsklasse. "Ich war nicht verwundert", sagte van Gaal. "Ich hatte bereits vor der Saison gesagt, dass wir den Titel gewinnen können." Ein Satz, wie ihn nur van Gaal sagen konnte. Ein Satz voller Selbstüberzeugung.

Ajax und van Gaal nach dem Champions-League-Titel

In der darauffolgenden Saison marschierte Ajax erneut ins Champions-League-Finale, verlor aber im Elfmeterschießen gegen Juventus Turin. Etwa zeitgleich erlaubte das Bosman-Urteil ablösefreie Wechsel nach Vertragsende und dann dauerte es auch gar nicht mehr lange, bis alle wichtigen Spieler Ajax verlassen hatten. Die meisten zum FC Barcelona, wo seit 1997 van Gaal als Trainer fungierte.

Zu Gunsten der Katalanen hatte er dem FC Bayern abgesagt, die Vorstellung seiner Ajax-Mannschaft von 1995 hatte in München nämlich Eindruck hinterlassen und Begierde geweckt. "Fünfmal wollten mich die Bayern", sagte van Gaal später. 1997, 2000, 2002, 2007 und 2009 soll das gewesen sein. Beim fünften Mal sagte er schließlich zu und legte den Grundstein für Bayerns gerade ausklingende Ära, deren Höhepunkt der Champions-League-Sieg von 2013 war.

In der Zwischenzeit wurden die Trikots enger, bald standen auch Spielernamen auf den Rückseiten. Und Ajax war nie mehr das, was es einmal war: eine europäische Spitzenmannschaft nahe der Fußball-Utopie.

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