Wenn Kleine groß denken

Von Stefan Zieglmayer
Dienstag, 15.09.2015 | 14:48 Uhr
In den Vereinsfarben himmelblau und gelb jubeln die Spieler des FK Astana auch international
© getty
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Bislang wurde dem FK Astana wenig bis überhaupt keine Beachtung geschenkt. Doch das ändert sich am Dienstag, denn der Klub aus der kasachischen Hauptstadt hat sich für die Champions League qualifiziert. In der kurzen Vereinshistorie entwickelte man sich vom zusammengewürfelten Haufen zum gefährlichen Vorzeige-Underdog. Auch ein Deutscher spielt dabei eine Rolle.

Die Zuschauer bringen sich schon in Position. Astana wieder im Vorwärtsgang, weiter Diagonalball von Linksverteidiger Shomko auf Dzholchiyev. Schöne Ballannahme vom Rechtsaußen. Der nimmt jetzt Tempo auf. Kurze, schnelle Schritte, den Ball eng am rechten Fuß. Er ist jetzt schon am Sechzehner-Eck. Gegen zwei... explosiv geht er rechts an Nikosias Astiz und Antonalades vorbei - dann eine scharfe, flache Hereingabe in Richtung des mitgelaufenen Maksimovic.

Torwart Waterman rauscht vorbei. Die ersten Arme zucken. Grätschende Beine. Aufgerissene Augen auf den Rängen. Der Ball kommt durch. Das MUSS es sein! Das ist es! DAS IST ES! Der Serbe schiebt mit rechts zum 1:1 ins Netz! Ausnahmezustand in Astana!

Eine unvergessliche Nacht in der kasachischen Hauptstadt, in der sich nun wohl selbst Katz' und Maus in den Armen liegen. Historisches ist geschafft. Der FK Astana zieht durch ein Remis nach gewonnenem Hinspiel gegen Nikosia in die Gruppenphase der Champions League ein. Moment... Rewind! Wer bitteschön? FK Astana? Champions League?

Als wäre es gestern gewesen

Das Team von Trainer Stanimir Stoilov hat als erste kasachische Mannschaft überhaupt die Endrunde des prestigeträchtigsten Turniers Europas auf Klub-Ebene erreicht. Dabei gibt es den Verein erst seit sechs Jahren.

2009 schlossen sich der FK Alma-Ata und Zweitligist FK Megasport zusammen. Die beiden Vereine aus der ehemaligen Hauptstadt Almaty, die 2000 und 2005 gegründet wurden, fusionierten aufgrund finanzieller Probleme.

Gesponsert von der staatlichen Eisenbahngesellschaft "Kasachstan Temir Scholy" sind diese Schwierigkeiten Vergangenheit. In der für 185 Millionen US-Dollar neu errichteten Astana Arena, bei deren Einweihung kurioserweise Schiedsrichter-Legende Pierluigi Collina als Referee und Stürmerstar Andriy Shevchenko als Spieler mitwirkten, absolvierte der Klub zunächst als FK Lokomotive Astana seine Heimspiele. Nach der Vize-Meisterschaft im ersten Jahr wurde Holger Fach Trainer in der kasachischen Hauptstadt.

Deutschland als Vorbild

Sein Anreiz: "Eine Frage des Geldes", gab der Ex-Gladbacher gegenüber der Westdeutschen Zeitung offen zu. Sportlich war der kasachische Fußball zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht wirklich konkurrenzfähig. " Die ersten vier Mannschaften in Kasachstan haben Zweitliga-Niveau", führte Fach fort.

Missen wollte der 53-Jährige dennoch keine Sekunde: "Es war fantastisch, wahrscheinlich meine interessanteste Zeit im Fußball. Fußball ist auch dort ein Lebensgefühl. Ich konnte unheimlich viele Erfahrungen und Eindrücke sammeln."

Den größten Nachholbedarf sah Fach in Sachen Marketing, individueller Klasse und Infrastruktur. "Aber auch diese Dinge sind bereits angelaufen. Die Verantwortlichen schauen über den Tellerrand. Deutschland gilt als Vorbild", meinte der Wuppertaler, mit dem 2010 der Sieg im nationalen Pokal gelang.

Auf zu neuen Ufern

Mit der Umbenennung in FK Astana sollten die internationalen Ambitionen unterstrichen werden. Die ersten Auftritte auf internationaler Ebene veranlassten die Bosse allerdings nicht gerade zu Luftsprüngen: In der Europa-League-Qualifikation schied man 2013 gegen Botew Plovdiv und im darauffolgenden Jahr gegen Villarreal jeweils sehr deutlich aus.

2014 gelang es Neu-Trainer Stanimir Stoilov zum ersten Mal in der jungen Vereinsgeschichte, die Meisterschaft an Land zu ziehen. Die Konsequenz: Astana nahm an der Qualifikation für die Champions-League-Gruppenphase teil. Der Rest ist Geschichte: FK Astana schaltete NK Maribor, HJK Helsinki und schlussendlich auch APOEL Nikosia aus - eine kleine Fußball-Sensation.

In Gruppe C warten nun Benfica Lissabon, Galatasaray und Atletico Madrid auf den Außenseiter. Die dürfen sich auf hart umkämpfte Spiele freuen.

Mutige Ansage

Die Philosophie von Stoilov lässt sich wohl auf seine eigenen Stärken als Spieler zurückführen. Der ehemalige Verteidiger stellt ein kompaktes, zweikampfstarkes Kollektiv auf den Rasen. "Wir sind von Anfang bis Ende eine geschlossene Einheit", sagte Kapitän und Knipser Tanat Nuserbayev.

Aus einer gesicherten, großgewachsenen Abwehr um Routinier Branko Ilic sollen in der Offensive kleine Stiche gesetzt werden. Mit Nemanja Maksimovic, seines Zeichens Klub-Held und U20-Weltmeister, Foxi Kethevoama und Baurzhan Dzholchiyev verfügt Stoilov über technisch versierte, spielstarke und torgefährliche Offensivkräfte.

Zwar hapert es hier und da aufgrund fehlender individueller Klasse ein wenig an der Durchschlagskraft nach vorne, solange aber die Mannschaft als Einheit funktioniert, darf man Astana nicht unterschätzen. "Unsere Gegner werden in jedem Spiel die Favoriten sein, aber wir müssen einfach immer alles geben und 100 Prozent dabei sein. Wir wollen weiterkommen" sagt Coach Stoilov mutig.

Schritt für Schritt

Mit einem finanziell gesicherten Grundgerüst kann und wird man in Zukunft häufiger von Astana hören. Diese Meinung teilt auch Holger Fach im Interview mit dfb.de: "Internationale Spitzenklasse hat da kein Spieler. Nach und nach werden Spieler aus der ganzen Welt nach Kasachstan geholt. So steigt natürlich insgesamt die Qualität."

Der Prozess dürfte allerdings ein langwieriger sein, zumal es wegen der fehlenden sportlichen Herausforderung in der Premier League schwierig sein wird, junge Perspektivspieler zu holen und vor allem zu halten.

Maksimovic ist so ein Talent - zweikampfstark, technisch beschlagen und torgefährlich. Der 20-jährige Serbe ist seit seinem entscheidenden Tor gegen Nikosia nicht nur kasachischer Volksheld, sondern darf sich seit diesem Sommer auch Weltmeister nennen. Die U20-Junioren Serbiens schoss er höchstpersönlich gegen Brasilien zum Titel - ein absoluter Sieger-Typ.

Die Aufgabe der Verantwortlichen muss es sein, solche Qualität langfristig zu sichern. Das heißt: Der richtige Weg in eine erfolgreiche Zukunft führt nicht über teure Stars, sondern über junge Talente mit Zukunftsaussicht. Es gilt, die vorhandenen Mittel richtig einzusetzen.

FK Astana im Überblick

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