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Fussball

Zeit ist ein kostbares Gut

Renato Sanches wurde gegen Ingolstadt nach einer guten Stunde ausgewechselt

Der FC Bayern gewinnt auch sein Heimspiel zum Auftakt des Oktoberfests gegen den FC Ingolstadt 3:1 und führt die Tabelle weiter von oben an. Renato Sanches steht dabei wieder in der Startelf. Er bestätigt jedoch den Eindruck seiner ersten Einsätze: Es fehlen noch einige Entwicklungsschritte.

Als Renato Sanches nach gut 60 Minuten zur Außenlinie ging, hing sein Kopf ein wenig herab. Auch wenn die Bayern zu diesem Zeitpunkt die Partie gegen den FC Ingolstadt bereits gedreht hatten, sah man dem jungen Portugiesen an, dass er grübelte.

Nicht wegen Ancelottis Entscheidung, ihn vom Platz zu nehmen. Diesen Entschluss verstand der 19-Jährige. Aber wegen der Gründe, die zu dieser Auswechslung geführt hatten: Seine eigene Leistung und Ancelottis Gefühl, in der Schlussphase gegen den sehr mutigen FCI andere Eigenschaften zu benötigen, um den Sieg über die Zeit zu bringen.

Eigenschaften, die Sanches in seinen jungen Jahren potenziell schon besitzt. Aber aktuell eben noch nicht auf den Platz bringt.

Wiederkehrende Merkmale: Hast und Leichtsinn

"Er ist ein Rohdiamant, der noch eine Menge lernen muss, vor allem ist er oft leichtsinnig oder zu hastig in seinem Passspiel", beschrieb Tom Kundert, Sportjournalist aus Lissabon, Sanches Anfang Juni nach dessen Wechsel von Benfica zu den Bayern im Interview mit SPOX.

Viel besser könnte man die ersten Einsätze des Europameisters auch jetzt, gut dreieinhalb Monate später, nicht zusammenfassen. Denn gerade Leichtsinnigkeit und zuweilen große Hast im Ballbesitz waren in den Spielen auf Schalke, gegen Rostov und nun auch gegen die Ingolstädter Schanzer wiederkehrende Merkmale in Sanches' Spiel.

Nur 26,7 Prozent seiner Zweikämpfe gewann der bullige Youngster gegen den FCI, der Durchschnittswert seiner drei Einsätze liegt ebenfalls nur bei 28,6 Prozent. Es ist - zwar nicht ausschließlich, aber dennoch offensichtlich - die Folge einiger falscher Entscheidungen. Mal spielt Sanches unbedrängt ohne Aussicht auf Erfolg den Vertikalpass in die Füße des Gegners, mal lässt er sich mit doppeltem Gegnerdruck zu viel Zeit mit dem einfachen Pass und rennt sich fest oder verzettelt sich.

"Er ist ein sehr vertikaler Spieler, der nach vorne dribbelt oder schnelle Direktpässe spielt, sobald er an den Ball kommt. Dies führt jedoch manchmal zu Ballverlusten. Er muss lernen, dass ein simpler Querpass hin und wieder die bessere Option darstellen kann", kündigte Kundert bereits im Juni an.

Kein Wunderkind

Sanches befindet sich ein einer völlig natürlichen Anpassungsphase und muss sich erst einmal an die komplett anderen Gegebenheiten in der Bundesliga gewöhnen. Die portugiesische Primeira Liga in allen Ehren, aber Tempo, durchschnittliche Ballverarbeitungszeit und Zweikampfführung unterscheiden sich doch deutlich.

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Sicher gab und gibt es im Umfeld des FC Bayern und auch darüber hinaus einige, die vom 19-Jährigen gleich große Taten erwarteten und weiter erwarten werden. Doch mit seiner merklichen Aufregung und einigen Leichtsinnsfehlern unterstrich Sanches bislang selbst: So weit bin ich noch nicht. Und so ein Ausnahmetyp, der von Beginn an das komplette Spiel auf den Kopf stellt, der bin ich auch nicht.

"Sanches hat keine Rekorde oder Ähnliches gebrochen. Er war kein Wunderkind. Als ihm dann der Durchbruch in der ersten Mannschaft gelang, wurde er plötzlich als eines betitelt. Das zeigt aber nur, wie überraschend sein Aufstieg wirklich ist", erklärte Kundert bei seiner Einschätzung des Portugiesen.

Es fehlt noch ein bisschen was

Aus der Mannschaft und von Sanches selbst ist bislang noch wenig über ihn zu hören. Kritik gibt es ohnehin keine, wozu auch? Dramatisch waren die ersten Auftritte des Jungspunds keinesfalls. Allerdings sorgten sie auch nicht für den Wow-Effekt, der bei den Fans und auch bei einem so unerfahrenen Spieler selbst viel bewirken kann.

"Gerade die Spieler, die heute ausgefallen sind, haben zuletzt alles gut gemacht. Das merkt man natürlich schon. Einige Spieler, die sonst nicht so viele Einsatzzeiten haben, haben von Anfang an gespielt. Da haben die Automatismen noch nicht zu 100 Prozent gegriffen", analysierte Manuel Neuer nach dem 3:1-Sieg: "Im Passspiel von hinten heraus hatten wir einige Fehler." Ohne, dass der Name Sanches fiel, war der natürlich in dieser Aussage inkludiert.

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Entsprechend machte es sich auch bemerkbar, als Thiago den etwas ungestüm spielenden Sanches nach gut einer Stunde ablöste. Das verlieh dem FCB wieder mehr Struktur.

Es fehlen noch zwei, drei Entwicklungsschritte, ehe sich Sanches wirklich mit dem Kreis der etablierten Spieler messen kann. Und auf dem Weg dahin ist ihm aktuell auch Joshua Kimmich voraus. "Renato Sanches ist für mich kein Außerirdischer", hatte selbiger dem Münchner Merkur im August zum Konkurrenzkampf im Mittelfeld gesagt. Bislang gibt es keine Widersprüche.

Zeit als Faktor in mehreren Bereichen

Zeit ist also das große Wort, das Sanches in seinen Anfängen beim deutschen Rekordmeister nun erst einmal begleiten wird. In vielerlei Hinsicht. Denn die üppigen 35 Millionen Euro Ablöse plus Bonuszahlungen, wodurch in der Endabrechnung offenbar bis zu 80 Millionen Euro entstehen können, kann der Youngster nicht in seiner ersten Saison rechtfertigen.

Der Verein und auch Ancelotti werden Geduld beweisen. Das muss auch Sanches selbst, der sich mit zunehmender Dauer womöglich mehr Druck machen wird, wenn er seinen eigenen Erwartungen nicht gerecht wird. Nur auf dem Feld, mit dem Ball am Fuß, da ist jetzt Beschleunigung angesagt. Das werden ihm auch die nächsten Spiele zeigen, das wird ihn das tägliche Training auf Weltklasse-Niveau aber auch lehren.

Denn Zeit ist eben ein kostbares Gut - egal, wie man es dreht und wendet.

Bayern - Ingolstadt: Daten zum Spiel

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