Einschätzung zu FC-Bayern-Neuzugang Renato Sanches

"Er war kein Wunderkind"

Mittwoch, 01.06.2016 | 10:40 Uhr
Gewann im Mai 2016 den ersten Titel seiner Karriere: Bayern-Neuzugang Renato Sanches
© getty
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Renato Sanches wechselt zur kommenden Saison von Benfica zum FC Bayern München. Doch wer ist dieser 18-Jährige überhaupt, den sich der deutsche Rekordmeister einen hohen Millionenbetrag kosten lässt? Tom Kundert, Sportjournalist aus Lissabon und Gründer der Website PortuGOAL.net, beobachtet Sanches seit Jahren. Im Interview spricht Kundert über die Ablösemodalitäten, Sanches' Stärken und Schwächen, seine charakterlichen Eigenschaften und erklärt, weshalb er bei der EM 2016 in Frankreich wohl noch keine Rolle für Portugals Nationalteam spielen wird.

SPOX: Herr Kundert, der FC Bayern bezahlt 35 Millionen Euro plus Bonuszahlungen für Renato Sanches - einen 18-jährigen Spieler, der bislang lediglich 24 Partien in der ersten portugiesischen Liga absolvierte. Ist das in Ihren Augen gerechtfertigt?

Tom Kundert: Das wird die Zeit zeigen. Mittlerweile tendieren die großen Klubs Europas ja immer mehr dazu, Potential einzukaufen - und es gibt keinen Zweifel daran, dass Sanches riesiges Potential besitzt. Obwohl er weniger als eine ganze Saison für Benficas erste Mannschaft gespielt hat, bewies er herausragende Eigenschaften wie physische Power, taktische Reife und Ausdauer. Er ist ein Rohdiamant, der noch eine Menge lernen muss, vor allem ist er oft leichtsinnig oder zu hastig in seinem Passspiel.

Sanches im Porträt: Der, neben dem Ronaldo verblasst

SPOX: Die Ablösesumme kann sich offenbar auf bis zu 80 Millionen Euro erhöhen. Kennen Sie die genauen Bedingungen dafür?

Kundert: Es gibt keine wirklich offiziellen Zahlen, in den portugiesischen Medien gibt es teils leicht unterschiedliche Angaben. Am wahrscheinlichsten ist dabei dieses Szenario: 35 Millionen zahlen die Bayern im Voraus. Kommt Sanches auf 25 Einsätze, kommen weitere fünf Millionen hinzu. Das geht in 25-Einsätze-Schritten zu einer Gesamtsumme von 60 Millionen weiter. Die restlichen 20 Millionen sind fällig, wenn er in die FIFA-Elf des Jahres berufen oder einer der drei Nominierten für den Ballon d'Or wird. Ich persönlich denke, dass es sehr schwierig wird, eines dieser beiden persönlichen Ziele zu erreichen.

SPOX: Weshalb?

Kundert: Weil er wohl der beste Sechser der Welt werden müsste, um in die Elf des Jahres berufen zu werden. Und die drei Nominierten für die Weltfußballerwahl sind eigentlich immer Stürmer oder Spieler, die häufig treffen.

SPOX: War etwas an den Gerüchten dran, dass Manchester United kurz davor war, Sanches zu verpflichten?

Kundert: Ja. United war definitiv sehr interessiert daran, ihn zu kaufen. Ich bin sicher, wenn sich die Bayern nicht so schnell bewegt hätten, wäre er nach Manchester gegangen. Ich denke, dass er sich für München entschieden hat, weil sie Benfica und ihm vor United ein Angebot machten, das man nicht ablehnen konnte.

SPOX: Wissen Sie, wer von den Bayern den Spieler kontaktierte? Der technische Direktor Michael Reschke, der neue Coach Carlo Ancelotti?

Kundert: Ich weiß leider nicht, wer sich bei Benfica gemeldet hat. Ich glaube aber nicht, dass er zuvor mit Ancelotti sprach. Das hat bislang auch noch niemand behauptet.

SPOX: Ancelotti und Sanches haben im mächtigen Jorge Mendes immerhin denselben Berater.

Kundert: Das stimmt. Ob das aber mehr bedeutet, als man annehmen mag, glaube ich nicht. Klar ist, dass Mendes wie alle anderen Berater mehr verdient, je mehr Transfers er vermittelt. Daher wird Mendes bestimmt nicht abgeneigt sein, Sanches eines Tages wieder an einen anderen Verein zu verkaufen. Er hat ja vorzügliche Kontakte und bereits einige andere Spieler bei Klubs wie Real Madrid oder Manchester United untergebracht.

SPOX: In Javi Martinez, Xabi Alonso, Thiago, Arturo Vidal, Joshua Kimmich, Philipp Lahm oder David Alaba haben die Bayern bereits einige defensiv orientierte Mittelfeldspieler. Zu wem könnte Sanches' Spielstil am besten passen?

Kundert: Sanches ist ein vielseitiger Box-to-Box-Spieler, aber nicht besonders torgefährlich. Das ist auch für sein Spiel nicht von Belang. Für mich kommt er Martinez und Vidal am nächsten. Es könnte sein, dass er langfristig als Nachfolger für einen der beiden aufgebaut wird, auch wenn er noch ein Stückchen von deren Niveau entfernt ist. Daher denke ich, dass er besser zu kreativeren Spielern wie Alonso und Thiago passen würden.eh

SPOX: Sanches kam im Alter von elf Jahren zu Benfica und durchlief dann zahlreiche Jugendteams. Wie wurde über ihn gesprochen, bevor er bei den Profis spielte?

Kundert: Man wusste, dass er wie viele andere Spieler aus Benficas Nachwuchsabteilung große Anlagen mitbringt. Sanches hat aber keine Rekorde oder ähnliches gebrochen. Er war kein Wunderkind. Als ihm dann der Durchbruch in der ersten Mannschaft gelang, wurde er plötzlich als eines betitelt. Das zeigt aber nur, wie überraschend sein Aufstieg wirklich ist.

SPOX: Welche Eigenschaften beeindrucken Sie am meisten an ihm?

Kundert: Seine unglaubliche Ausdauer. Es scheint, als würde er mit laufender Spieldauer immer stärker. Dank seiner schier unerschöpfbaren Energie hat er in den letzten 30 Minuten eines Spiels schon häufiger den Unterschied gemacht. Seine Tacklings sind gut, er ist sehr schwer vom Ball zu trennen und defensiv stabil.

SPOX: Woran hapert's noch?

Kundert: Er ist ein sehr vertikaler Spieler, der nach vorne dribbelt oder schnelle Direktpässe spielt, sobald er an den Ball kommt. Dies führt jedoch manchmal zu Ballverlusten. Er muss lernen, dass ein simpler Querpass hin und wieder die bessere Option darstellen kann. Zudem geht er bisweilen zu rücksichtslos in Zweikämpfe. In dieser Saison sah er fünf Mal Gelb und bekam eine Gelb-Rote-Karte, hatte aber etwas Glück, nicht noch häufiger vom Platz geflogen zu sein.

SPOX: Wie schätzen Sie ihn charakterlich ein?

Kundert: Er ist für einen 18-Jährigen wirklich beeindruckend reif, ruhig und hat einen klaren Kopf. Er scheint mit dem Hype um ihn sehr locker umzugehen. Aufgewachsen ist er in bescheidenen Verhältnissen, seine Familie hat ihn gut erzogen und unterstützt ihn sehr. Sein Debüt für Benfica, seine ersten großen Liga-Spiele, die Duelle in der Champions League - mit jedem Schritt in seiner Karriere ist er gewachsen. Es besteht daher für meine Begriffe keine Gefahr, dass ihn die Herausforderung bei den Bayern einschüchtern könnte. Ich denke auch, dass die portugiesisch sprechenden Spieler in München eine Hilfe für ihn sein werden.

SPOX: Wenn Sanches auf dem Feld stand, holte Benfica durchschnittlich 2,79 Punkte pro Spiel. Ohne ihn sind es nur 1,71. Machte seine Präsenz wirklich einen solch großen Unterschied?

Kundert: Ja. Als er debütierte, hatte Benfica acht Punkte Rückstand auf Sporting und spielte überhaupt nicht gut. Mit ihm in der Startelf wurden sie auf Anhieb stärker und mit der Zeit auch als Mannschaft immer besser. Sanches wurde dann immer aufgestellt und lediglich drei Mal ausgewechselt. Es ist keine Übertreibung zu behaupten, dass sie ohne ihn sicher nicht Meister geworden wären.

SPOX: Sanches wurde in Portugals vorläufigen EM-Kader berufen. Glauben Sie, dass er auch im Nationalteam eine solch wichtige Rolle wie bei Benfica annehmen wird?

Kundert: Im Mittelfeld ist Portugal am stärksten besetzt. Ich glaube nicht, dass er in Frankreich viel spielen wird. Um ehrlich zu sein: Wenn sich Bernardo Silva kürzlich nicht verletzt hätte, würde es Sanches womöglich nicht einmal in den finalen Kader schaffen. Er wird für Portugal noch ein wichtiger Spieler werden, doch es würde mich sehr überraschen, wenn er bei diesem Turnier viel Einsatzzeit bekäme.

Renato Sanches im Steckbrief

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