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Fussball

Bullen im Gefühlschaos

RB Leipzig holte in Augsburg nach Führung nur einen Punkt

RB Leipzig lag beim 2:2 gegen den FC Augsburg zwischenzeitlich zurück, führte und holte letztlich ein Remis. Nach Spielende hatten die Bullen gehörige Deutungs-Schwierigkeiten. Erkennbar war dabei die komplizierte Doppelrolle als Aufsteiger und Bayern-Jäger.

Da stand Marvin Compper im Bauch der Augsburger WWK Arena, fuhr sich langsam durch die Haare und sagte erstmal nur ein langgezogenes: "Hmmm". Ob er nach diesem turbulenten 2:2 denn glücklich oder doch eher unzufrieden sei, wurde der Innenverteidiger gefragt, und er wusste auch ein paar Minuten nach Abpfiff nicht so recht, was er eigentlich fühlte. Im Zeitraffer lief in diesem Moment vor seinem inneren Auge wohl noch einmal die Partie ab. Seine Mannschaft lag zurück, glich aus, führte irgendwann und kassierte dann doch noch den Ausgleich.

"Hmmm", sagte Compper also, "ich denke es ist ein Punktgewinn." Wirklich sicher war er sich mit dieser Einschätzung aber nicht, in seinen weiteren Ausführungen war er mal "glücklich mit dem Punkt" und konnte wenig später lediglich "mit dem Punkt leben".

Am späten Abend dieses freundlichen Augsburger Märztages offenbarte sich das Gefühlschaos, in dem sich RB Leipzig seit Wochen befindet, herrlich demaskierend und in seinen vollen Zügen. Siege, egal ob daheim oder auswärts, wurden für Leipzig längst zum Alltag. Remis fallen schnell in die Kategorie Punkteverlust. Obwohl sich diese Bullen selbst nie so nennen würden, sind sie tabellarisch gesehen ein (oder der) Bayern-Jäger. Aber gleichzeitig sind sie eben auch ein Aufsteiger.

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Deutungs-Schwierigkeiten

Und nun, am 23. Spieltag ihrer ersten Bundesliga-Saison, spielten sie also 2:2 in Augsburg. Was das denn jetzt genau ist, darüber waren sich im Anschluss nicht einmal die Leipziger untereinander einig. Wenige Augenblicke, bevor Compper von einem "Punktgewinn" sprach, sagte Willi Orban: "Das fühlt sich schon wie eine Niederlage an." Auch er steckte aber in gehörigen Deutungs-Schwierigkeiten, wenig später nannte er den Punkt "auch mal okay".

Aus diesen verbalen Interpretations-Schnipseln machte Trainer Ralph Hasenhüttl schließlich, als seine Spieler schon längst unter der Dusche standen oder gar schon fertig geduscht hatten, dann ein Interpretations-Gemälde: "Ich habe mich schon mal mehr über ein Unentschieden gefreut als heute, aber auch schon mal mehr geärgert."

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Von "doof" über "zufällig" bis "Ping-Pong"

Ein gutes Argument für den Titel "Punkteverlust" - da waren sich alle Beteiligten einig - war jedenfalls der äußerst unglückliche Treffer zum 2:2-Ausgleich. Leipzig hatte nach dem frühen Rückstand schnell zu seinem Spiel gefunden, zügig ausgeglichen und ist dann verdientermaßen in Führung gegangen. Comppers Treffer zum 2:1 schien diesem Spiel die entscheidende Wendung gegeben zu haben, als Martin Hinteregger den Ausgleich erzielte.

Der Ball sprang vor dem Strafraum von einem Bein zum nächsten, landete dann bei Hinteregger und schließlich im Leipziger Tor. Die Beschreibungen für diesen kuriosen Torentstehungshergang variierten nach Abpfiff zwischen "doof, ärgerlich" (Orban), "ärgerlich, zufällig, vermeidbar" (Compper), und "Ping-Pong" (Orban und Ilsanker). "Das war Pech", sagte Stefan Ilsanker, "und keine schlechte Zweikampfführung oder taktisches Unvermögen."

Taktisches Unvermögen war in der bisherigen Saison im Leipziger Spiel ohnehin kaum zu erkennen und so auch nicht bei diesem Auswärtsspiel in Augsburg. Nachdem die Bullen wochenlang mit einem 4-4-2 von Erfolg zu Erfolg eilten, agierten sie diesmal wie bereits am vergangenen Spieltag beim 3:1-Sieg gegen den 1. FC Köln im 4-3-3. Und das funktionierte über weite Strecken gut. Baute Leipzig das Spiel auf, ließ sich Ilsanker zwischen die Innenverteidiger fallen. Davor fungierten Diego Demme als Verbindungsspieler sowie Naby Keita als Spielmacher.

Keita spielte in dieser neuen, offensiveren Rolle immer und immer wieder traumhafte, tempoverschärfende, vertikale Pässe auf die Vertreter des hochtalentierten Offensivtrios bestehend aus Marcel Sabitzer, Timo Werner und Emil Forsberg.

Nostalgische Gefühle

Der FCA versuchte dieser Offensivgewalt mit körperlicher Härte entgegenzuwirken. Entschlossen warfen sich die Augsburger in die Zweikämpfe und Leipzig reagierte darauf mit einer ähnlichen Bissigkeit. Etliche Unterbrechungen und ausführliche Diskussionsrunden waren die Konsequenz. Schon in der Anfangsphase lieferten sich Sabitzer und Augsburg-Tormann Marvin Hitz ein Wortgefecht. Insgesamt sechs Mal zückte Schiedsrichter Patrick Ittrich seine Gelbe Karte - und ließ dann lediglich zwei Minuten nachspielen.

"Andere Schiedsrichter bemessen das mit fünf oder sechs Minuten", sagte Ilsanker und spekulierte, "dass wir es mit sieben Minuten Nachspielzeit vielleicht geschafft hätten, noch ein Tor zu schießen." Nach 92 Minuten wurde die Partie aber abgepfiffen. Benno Schmitz nannte sie anschließend "körperbetont" und Hasenhüttl gar "rassig". Demme erinnerte sich an "ein, zwei Grätschen mit richtig Rums".

Diese Rassigkeit und diese Grätschen taten nicht nur weh, sondern verschärften auch das allgemeine Leipziger Gefühlschaos. Sie ließen bei einigen Spielern neben dem Gemütszustand der Deutungs-Unentschlossenheit auch den der Nostalgie hervorblitzen. "Wir kennen diese Härte gut", sagte Orban, "in der zweiten Liga haben wir nur solche Partien gespielt."

Und diese Partien liegen gar nicht lange zurück. Kein Jahr ist es her, dass Leipzig nicht Bundesliga-Zweiter war, sondern auf Sandhausen traf oder auch auf Bielefeld. Alleine dieser Umstand animierte Hasenhüttl zu seiner abschließenden Einschätzung. Punktgewinn? Punkteverlust? "Ich kann mit dem Punkt leben, denn wenn wir als Aufsteiger auswärts nicht mehr mit einem Punkt leben könnten, dann hätten wir ein Problem." Und Probleme hat Leipzig derzeit recht wenige.

Augsburg - Leipzig: Daten zum Spiel

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