"Trainer wie Tedesco haben Jahre Vorsprung"

Montag, 14.08.2017 | 09:33 Uhr
Christian Heidel mit dem neuen Schalke-Trainer Domenico Tedesco
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Christian Heidel geht in seine zweite Bundesliga-Saison als Manager des FC Schalke 04. Eine Spielzeit, in der der 54-Jährige nach dem enttäuschenden Vorjahr und der Entlassung von Markus Weinzierl unter besonderer Beobachtung stehen wird. Im Interview vor dem Auftakt im DFB-Pokal beim BFC Dynamo (18.30 Uhr im LIVETICKER) spricht Heidel über seine Eindrücke des neuen Trainers Domenico Tedesco, den Wandel des Trainerberufs und die Risiken für S04 in der neuen Saison.

SPOX: Herr Heidel, kennen Sie den Fußballtaktikblog spielverlagerung.de?

Christian Heidel: Ja.

SPOX: Sagt Ihnen diese detaillierte Auseinandersetzung mit dem Spiel zu?

Heidel: Ich finde es nicht uninteressant und bin auch schon über Artikel dort gestolpert. Mich würde es wundern, wenn so etwas bei einem populären Sport wie dem Fußball nicht existieren würde. Es gibt viele Menschen, die sich sehr genau und explizit mit der Materie auseinandersetzen.

SPOX: Könnte der neue Schalke-Trainer Domenico Tedesco auch Abhandlungen zur Taktik im Fußball schreiben?

Heidel: In der Vergangenheit schon, aber in der Zukunft nicht mehr. (lacht) Vom Typ her könnte ich mir aber gut vorstellen, dass er interessante Expertisen über Fußballtaktik beisteuern könnte.

SPOX: Der Eindruck täuscht also nicht, dass sich Tedesco auf Schalke gleich voll ins Getümmel geworfen hat?

Heidel: Nein. Sein Tag ist meist von 8 bis 23 Uhr durchgeplant. Und einen großen Teil seiner Zeit widmet er dem Thema Taktik. Sie sollten einmal die Gemälde sehen, die im Trainerbüro an den Wänden hängen. (lacht)

SPOX: Wann sind Sie das erste Mal auf Tedesco aufmerksam geworden?

Heidel: Da liegt zunächst eine persönliche Entwicklung zugrunde: Ich habe in meiner Karriere schon viele Trainer eingestellt und beschäftige mich seit langem intensiv mit den Anforderungen des Trainerberufs. Mit der Zeit habe ich, vor allem durch die Verpflichtung von Jürgen Klopp, einen ganz anderen Blick darauf bekommen. Und mit der Installierung von Thomas Tuchel hat sich das noch einmal verfeinert.

SPOX: Mit dem Ergebnis, dass große Namen mit toller Spielerkarriere nicht mehr viel zählen?

Heidel: Ich bin dabei zumindest auf den Trichter gekommen, dass es nicht mehr so wichtig ist, ob ein Trainer 300 Bundesligaspiele absolviert hat. Insbesondere die Erfahrungen aus mehreren Jahren Arbeit in einem Nachwuchsleistungszentrum können vielleicht sogar wichtiger sein. Das führte dazu, dass ich mich früh mit Julian Nagelsmann beschäftigt habe. Sein Name wurde innerhalb der Branche immer wieder genannt, weil er als taktisch sehr versiert beschrieben wurde. So bin ich dann auch das erste Mal auf Domenico gestoßen. Ich sah mir dann in Mainz ein Spiel zwischen unserer U19 und der von Hoffenheim an, die er trainiert hat. Es war beeindruckend, wie er die Mannschaft spielen ließ. Seitdem habe ich seinen Werdegang ein wenig verfolgt.

SPOX: Hat es in der Bundesliga mittlerweile Einzug erhalten, dass nicht nur Spieler, sondern auch Trainer gescoutet werden?

Heidel: Natürlich, wieso sollte man das auch nur bei Fußballern tun? Ich hatte in Mainz das Ziel, Trainer auszubilden und zu entwickeln. Wir sind dort so etwas wie ein Vorreiter dafür geworden, dass man mittlerweile mit anderen Augen auf die Trainer aus den Leistungszentren schaut. Diese hohe Fluktuation war vor zehn Jahren ja noch völlig undenkbar. Es wurde erkannt, dass diese Trainer im Vergleich zu den Ex-Spielern, die nach der Karriere als Trainer beginnen, den Vorteil mitbringen, bereits über viele Jahre Erfahrung im Umgang mit Mannschaften und Spielern zu verfügen.

SPOX: Sie hatten kürzlich einen Zwist mit Peter Neururer, der behauptete, Tedesco habe noch keinen "ausführlichen Arbeitsnachweis".

Heidel: Das ist der größte Irrglaube. Damit wird verkannt, dass Domenico schon zehn Jahre Trainererfahrung mitbringt. Das heißt, Peter erkennt es nicht als Erfahrung an, wenn jemand die U17 oder U19 eines Bundesligisten trainiert hat. Das hat Domenico richtigerweise nicht vor 60.000 Zuschauern getan, aber er hat den Beruf von der Pike auf gelernt. Ich bin der Überzeugung, dass man dies nicht durch einen Trainerlehrgang ausgleichen kann. Hinzu kommt seine berufliche Vita: Er hat einen Master in Innovationsmanagement und bereits zwei Jahre Berufserfahrung gesammelt. Das sind Dinge, die kein Nachteil sind, weil sie einen Blick über den Tellerrand hinaus ermöglichen.

SPOX: Haben Sie denselben Eindruck wie Ralf Rangnick, wonach sich allmählich die Erkenntnis durchsetze, dass der Trainerberuf mit dem des Spielers außer der Sportart nichts zu tun habe?

Heidel: Das wird sich erst in den nächsten Jahren zeigen, aber es geht klar in diese Richtung. Wenn man sich heute die Trainer der 18 Bundesligaklubs anschaut, haben schon viele keine Vorerfahrung als Profi. Aber es gibt natürlich auch top Trainer, die erfolgreiche Fußballer waren.

SPOX: Mehmet Scholl hat das Wort Laptoptrainer kreiert. Hat er diesen allumfassenden Ansatz, den man dieser Spezies gerne zuschreibt, nicht oder legt er seine Prioritäten schlicht auf andere Dinge?

Heidel: Mehmet sieht andere Prioritäten für den Trainerberuf als ich. Ich schätze ihn sehr und kann Ihnen sagen, dass wir schon häufig miteinander über diese Thematik diskutiert haben. Wir unterhielten uns schon im Detail über den Trainerberuf und seine Anforderungen und haben dabei schon teilweise unterschiedliche Auffassungen. Sein Ansatz ist eher der des Miteinanders, der Gruppe, der Motivation und sozialen Kompetenz.

SPOX: Und Ihrer?

Heidel: Für mich genießt zunächst das taktische Know-how die oberste Priorität, danach folgen soziale Kompetenz und Kommunikationsfähigkeit. Fehlende Erfahrung kann durch Intelligenz und eine gute Auffassungsgabe schnell ausgeglichen werden. Ich habe mich jetzt nach der Verpflichtung von Domenico mit Mehmet über unsere Entscheidung unterhalten. Es ist trotz teils unterschiedlicher Auffassungen immer total spannend und interessant mit ihm. Ich bin sicher, dass er ein sehr guter Trainer ist.

SPOX: Sie sagen selbst, dass gute Trainer bisweilen anstrengend und kompliziert sein können. Welche Begründung haben Sie dafür?

Heidel: Viele dieser Trainer bringen ein anderes Wissen mit und kümmern sich auch um Dinge, die für andere völlig zweitrangig sind. Sie können im Sinne der Sache deshalb sehr fordernd sein, weil sie Perfektionismus an allen Stellen erwarten. Ich spüre jetzt schon, dass Domenico dazu gehört.

SPOX: Inwiefern?

Heidel: Schlaf, Ernährung, psychologische Betreuung, die Länge der Busfahrten - alles wird abgedeckt und will genau geplant sein. Nicht nur das Spiel auf dem Feld spielt eine Rolle, sondern auch der Mensch, der es ausführen soll. Für den Staff kann das auch mal anstrengend sein. Ich sehe das absolut positiv, denn ich will ja das Gefühl haben, dass alle Bereiche ständig optimiert werden.

SPOX: Fehlt manchen Trainern auch schlicht die Offenheit für gewisse Themen, die auf den ersten Blick nicht wirklich mit Fußball assoziiert werden, für das Gesamtpaket mittlerweile aber großen Wert haben?

Heidel: Ich würde das auf gar keinen Fall verallgemeinern wollen. Es gibt wirklich sehr viele und sehr gute Trainer, die nicht die Nachwuchsleistungszentren durchlaufen haben. Kloppo zum Beispiel war auch in keinem NLZ. Trainer wie Domenico haben letztlich jedoch viele Jahre Vorsprung auf diesen Gebieten, da sie durch ihre Ausbildung in diesen Zentren wesentlich länger herangeführt worden sind. Viele haben diese Themen, die Sie ansprechen, schon jahrelang gelehrt. Trainer mit vorheriger Spielerkarriere haben währenddessen sicherlich sehr viel gelernt, aber sie haben das lehren noch nicht gelernt. Nicht jeder gute Schüler ist ein guter Lehrer, aber natürlich kann er es sein.

Seite 1: Heidel über Tedescos Gemälde, den Wandel des Trainerjobs und Mehmet Scholl

Seite 2: Heidel über Flugzeuge am Trainingsplatz und die Risiken der neuen Saison

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