Ohne Stallgeruch keine Chance

Thomas Eichin wurde am Donnerstag bei Werder Bremen freigestellt
© getty

Thomas Eichin hat bei Werder Bremen den dringend benötigten Störenfried gegeben - das wurde ihm nun zum Verhängnis. Die Sehnsucht nach längst Vergangenem scheint in Bremen noch immer omnipräsent. Ein Kommentar von SPOX-Redakteur Ole Frerks.

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Eigentlich sollte bei Werder Bremen derzeit bloß Erleichterung herrschen. Erleichterung darüber, dass der Super-GAU abgewendet, der Abstieg verhindert wurde, obwohl man wortwörtlich bis zur letzten Minute der Saison darum zittern musste. Stattdessen brodelte es intern nahezu seit dem Abpfiff am vergangenen Samstag.

Obwohl der Klassenerhalt mit - oder trotz, je nach Blickwinkel - Viktor Skripnik geschafft wurde, startete Sportdirektor Thomas Eichin einen neuerlichen Versuch, den Cheftrainer zu entlassen. Argumente dafür gab es, Argumente dagegen gab es freilich auch. Den Aufsichtsrat um Chef Marco Bode konnte Eichin in jedem Fall nicht von seiner Position überzeugen.

Den daraus resultierenden Machtkampf hat Eichin nun verloren, wobei das nie ein fairer Kampf hätte werden können: Bei Werder, das hat sich offensichtlich auch nach fünf Saisons mit mehr oder minder direkter Abstiegsgefahr nicht geändert, ist der vielzitierte "Stallgeruch" noch immer der vielleicht allergrößte Trumpf.

Ein Störenfried in der Oase

Eichin passte mit seiner für Vereinsverhältnisse sehr extrovertierten, aneckenden Art nie so richtig rein in das Klischee der Werder-Familie. Er war ein Störenfried, der es regelmäßig wagte, die Alteingesessenen des Vereins wie Willi Lemke oder nun Nachfolger Bode auch mal direkt zu kritisieren. Der den klassischen "Werder-Weg" nicht als alternativlos ansah und forderte, finanziell größere Risiken einzugehen.

Einige Kompromisse ging der Aufsichtsrat zwar ein, ein wirklich gesundes Verhältnis schien es zwischen dem Manager und seinen Oberen im Anschluss jedoch nie zu geben. Viel häufiger als in der Ära Klaus Allofs, der sich in seinen letzten Jahren einen teuren Fehlkauf nach dem anderen geleistet hatte und dennoch lange Narrenfreiheit genoss, griff der Aufsichtsrat in sportliche Entscheidungen ein und schmetterte Eichins Vorschläge regelmäßig ab.

Das muss nicht zwingend immer etwas Negatives bedeuten - niemand wird behaupten, Eichin wäre unfehlbar in seinen Einschätzungen. Er war gegen eine Rückholaktion von Claudio Pizarro und investierte viel Geld in Aron Johansson, um zwei Beispiele zu nennen. Seine Transferbilanz ist keineswegs makellos.

Kreativität bei Nachverpflichtungen

Dennoch brachte Eichin bei Neuverpflichtungen eine Kreativität mit, die Werder insbesondere in den letzten beiden Jahren den Ligaverbleib gesichert hat. In der Winterpause 2014/15 etwa holte er für einen (aus heutiger Sicht) Spottpreis Jannik Vestergaard nach Bremen, um die desolate Abwehr zu stabilisieren.

In der vergangenen Winterpause war Eichin dann noch deutlich aktiver und holte allein im Winter sechs Spieler, um seiner auf den Relegationsplatz abgerutschten Mannschaft noch die nötigen Verstärkungen zu geben. Sambou Yatabare war in der Rückrunde, wenn fit, in jedem Fall eine solche - und Chelsea-Leihgabe Papy Djilobodji setzte vergangenen Samstag den positiven Schlusspunkt für eine weitere verkorkste Saison.

Man kennt sich, man mag sich

Diese "Pflaster"-Verpflichtungen wird von nun an Frank Baumann eintüten müssen, der bereits von 2010 bis 2015 im Bremer Management tätig war. Erfahrung als Sportlicher Leiter hat der 40-Jährige zwar keine, dafür erfüllt er jedoch die wichtigste Qualifikation überhaupt: Er hat Stallgeruch. Als Ex-Spieler und -Verantwortlicher ist Baumann natürlich ein prototypisches Mitglied der Werder-Familie.

Das Experiment mit "fremden" Stimmen im Verein ist nach Eichins Freistellung vorerst beendet. Werder besinnt sich wieder auf seine alten Tugenden, auch wenn das Argument "So hatten wir früher auch Erfolg!" eigentlich keines ist.

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